Beethoven: Die Cellosonaten

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Hüb'
Moderator
#1 erstellt: 10. Jan 2017, 11:59
Hallo zusammen,

da noch kein eigenes Thema zu den Cellosonaten existierte, nehme ich diese CD mal zum Anlass, dieses bisherige Versäumnis zu "heilen"...

jpc.de

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Cellosonaten Nr.1-5

Daniil Shafran, Anton Ginsburg
Melodiya, ADD, 1971
Doppel-CD

Über Daniil Shafran ist wenig hier im Forum zu finden. Etwas umfassender wird sein Stil in diesem Faden, im Tamino-Forum, besprochen.
Ich habe Beethovens Cellosonaten länger nicht gehört und war fast ein bißchen erstaunt, wie geläufig sie mir dennoch sind. Die vorliegende Einspielung ist eine Wiederveröffentlichung aus 2016. Die CD enthält nur die Sonaten, die Variationswerke fehlen leider.
Musikalisch wird Begeisterndes geboten. Shafran spielt mit warmen Ton und liefert eine hingebungsvolle, hoch emotionale Deutung. Dabei agieren er und Ginsburg absolut gleichberechtigt. Ihr Spiel greift wunderbar ineinander. In manchen Augenblicken gewinnt man beinahe denn Eindruck, Shafran rolle seinem "Begleiter" einen roten Teppich aus, auf dem Ginsburg dann brilliert. Ich habe das Gefühl, dieser Musik in dieser Auslegung ganz nahe zu kommen. Beethovens Genialität wird unmittelbar erfahrbar.
Das Remastering ist gut gelungen. Den Klang würde ich als "guten Durchschnitt" beschreiben. Eher direkt aufgenommen, handelt es sich um eine Einspielung in zeittypisch-guter Klangqualität, die zwar nicht besonders gelungen oder gar "audiophil" ist, der großen Hörfreude, welche mir die Interpretation bereitet hat, aber auch nicht im Wege steht.
Das editorische Konzept der Produktion scheint mir hingegen nicht so gelungen, gerade angesichts der High- bis Mid-Price-Positionierung. Der Beihefttext fällt tendenziell "dünn" aus (engl. franz., russ. - ein dt. Text fehlt leider). Das Cover ist nicht authentisch. Es wirkt zwar zeittypisch, ich kann allerdings keine Melodyia-LP mit diesem oder einem ähnlichen Titelbild im Netz finden (was möglich sein müsste, denn Shafran-LPs sind begehrte Sammlerobjekte). Sei's drum. Die Einspielung finde ich so großartig, dass man über diese Punkte hinwegsehen sollte. Das ist eine Deutung, die auch in viele mit diesen Sonaten gut bestückte Sammlungen passen dürfte. Sie ist individuell, wahrscheinlich sogar subjektiv, macht Beethovens Musik aber zu einer packenden Erfahrung.

Viele Grüße
Frank
Martin2
Inventar
#2 erstellt: 21. Jan 2017, 10:52
Lieber Frank,

ich müßte die Cello Sonanten mal wieder hören. Ich habe diese Box:

amazon.de

In dieser Box spielen die Cellosonaten Paul Tortelier ( Cello) und Eric Heidsick. Hast Du von der Aufnahme schon mal was gehört?
Hüb'
Moderator
#3 erstellt: 21. Jan 2017, 12:33
Hallo Martin,

ja, die befindet sich im meiner Sammlung.
Habe die Aufnahmen als sehr schön in Erinnerung, müsste sie aber mal wieder hören, für verlässlichere Eindrücke.
Sicher aber keine so individuelle Aufnahme, wie diejenige Shafrans, die mir aber auch einigermaßen extrem scheint.

Viele Grüße
Frank
Kreisler_jun.
Inventar
#4 erstellt: 21. Jan 2017, 14:45
Tortelier/Heidsieck ist eine verbreitete Standard-Empfehlung und sehr gut, aber insgesamt eher "moderat-klassisch". Ich kenne Shafran nicht, kann mir aber vorstellen, dass die weit individueller, romantischer und entsprechend auch umstrittener ist.

Ich habe bei diesen Werken den Kauf erst einmal eingestellt und besitze
Casals/Serkin
Tortelier/Heidsieck
Rostropowitsch/Richter
Vogler/Canino
Wispelwey/Lazic

sowie ein paar Einzelaufnahmen und alle außer einer der frühen auf histor. Instrumenten mit Karttunen/Hakkila (dafür ist da sogar die Hornsonate und eine weitere Bearbeitung dabei, glaube ich).

Wispelwey wäre die Empfehlung für eine Top-Aufnahme in modernem (SACD, glaube ich sogar) Klang, Vogler ist auch gut, aber deutlich auf der lyrischen Seite angesiedelt.
Richter/Rostropowitsch ist ein bißchen enttäuschend; vielleicht ein Aufnahmestudio-Effekt, jedenfalls etwas gebremst und nicht von der Leidenschaftlichkeit, die man erwarten könnte (also nicht mit Erwartungen von Richters Live-Appassionata aus dieser Zeit (1960er) o.ä. herangehen.

Casals/Serkin ist sehr ernsthaft, eher langsam und etwas "knarzig", vielleicht kein ganz so essentielles historisches Dokument wie manch andere Einspielung dieser Künstler, aber auch ein "Klassiker".
Martin2
Inventar
#5 erstellt: 21. Jan 2017, 15:13
Ich höre die Cellosonaten Opus 5 gerade im moment, aber ich muß ehrlich sagen, daß ich Schwierigkeiten habe, mit dieser Musik warm zu werden. Vermutlich werde ich das öfter hören müssen. Welche von diese 5 Sonaten findet ihr denn am zugänglichsten und welche schätzt ihr am meisten?
WolfgangZ
Inventar
#6 erstellt: 21. Jan 2017, 18:03
Die bekannteste, meines Erachtens eingängigste und vielleicht auch stärkste der Cello-Sonaten ist op. 69.

Ich besitze drei Gesamtaufnahmen, welche bereits genannt wurden. Keine empfinde ich als zweitrangig. Meine Empfehlung würde auch Wispelwey heißen. Daneben kenne ich Tortelier und Casals.

Wolfgang
Martin2
Inventar
#7 erstellt: 21. Jan 2017, 21:22
Hallo Wolfgang,

danke, dann will ich mir das Opus 69 mal anhören.
Klassikkonsument
Inventar
#8 erstellt: 22. Jan 2017, 03:28
Sensationell finde ich ja die Interpretation der Nr. 3 in A-dur op. 69 von Leonard Rose und Glenn Gould für's kanadische Fernsehen. Ist recht zügig.

Kann man sich auch auf Youtube reinziehn: https://www.youtube.com/watch?v=vUpBCO4TYfM
Joachim49
Inventar
#9 erstellt: 23. Jan 2017, 03:14
Ich habe drei Aufnahmen mit Fournier, die älteste mit Schnabel, dann die mit Gulda und die dritte mit Kempff. Dazu noch Vater und Sohn Brendel, Schiff-Fellner und diverse Einzelaufnahmen. Ich höre diese Sonaten, vor allem die frühen op.5 immer wieder mit großem Vergnügen, und sie beeindrucken mich mehr als die frühen Violinsonaten Beethovens. Sie haben, wenn ich das recht sehe, ja kaum Vorläufer. Mein Favorit ist Fournier - Gulda. Die beiden etwas sperrigen späten Cellosonaten gibt es im Moment sehr günstig in einer schönen Aufnahme mit Quirine Viersen und Silke Avenhaus.
jpc.de
jpc.de
Kreisler_jun.
Inventar
#10 erstellt: 23. Jan 2017, 18:06
Die beiden frühen Sonaten sind eigenartig. Die Form mit umfangreichen langsamen Einleitungen und zwei ebenfalls sehr langen schnellen Sätzen findet sich sonst nirgends (am nächsten kommen ihr noch einige zweisätzige Klaviersonaten). Ich vermute sie stammt von Violinsonaten Mozarts wie KV 379.
Auch bei den späteren Sonaten außer 102/2 gibt es "nur" langsame Einleitungen, keine vollständigen umfangreicheren langsamen Sätze.

Nicht nur die beiden späten (die einzigen späten Duosonaten), auch die anderen drei scheinen somit zumindest äußerlich ungewöhnlicher und origineller als die Violinsonaten. Ich persönliche ziehe allerdings die frühen Violinsonaten den frühen Cellosonaten (die mir teils einfach zu lang und unfokussiert vorkommen) vor. Die Violinsonaten op.12 sind verglichen mit vielen anderen frühen Beethovenwerken recht "konservativ", aber für mich nahezu perfekte, elegante und spritzige Werke.
Klassikkonsument
Inventar
#11 erstellt: 24. Jan 2017, 06:35
Die einzige Gesamtaufnahme in meiner Sammlung ist leider nur die wahrscheinlich durchaus klassische mit Pablo Casals & Rudolf Serkin (Sony, 1951 & 1953 / 2004).

amazon.de

Neu bei jpc günstiger in dieser Ausgabe:

jpc.de

Früher hatte ich aus dem Radio die Gesamtaufnahme von Yo-Yo Ma & Emanuel Ax mitgeschnitten, mit der ich die Cellosonaten vor Ewigkeiten kennengelernt habe.

Casals / Serkin sind natürlich mono; da darf gerne noch eine modernere Aufnahme dazukommen. Aber mit "leider" bezüglich dieser Aufnahme meine ich nur, dass das Klavier etwas zu sehr im Hintergrund bleibt. Allerdings für meinen Geschmack nicht so schlimm wie bei Beethovens Violinsonaten mit Grumiaux & Haskil (Decca / Brilliant - auch mono), die wegen dieser aufnahmetechnischen Disposition für mich kaum genießbar ist.

Die ungewöhnliche Form der beiden Sonaten op.5 spricht mich auch besonders an.


[Beitrag von Klassikkonsument am 24. Jan 2017, 06:41 bearbeitet]
op111
Moderator
#12 erstellt: 24. Jan 2017, 11:39
Die Sonaten schätze ich in unterschiedlichen Interpretationen, unter den älteren Aufnahmen empfehle ich alle (3 ?) Aufnahmen mit Fournier.
Wenn es eine musikalisch und klanglich exzellente Einspielung sein soll:

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Cellosonaten Nr.1-5
+Variationen für Cello & Klavier op. 66, WoO. 45, WoO. 46
Jean-Guihen Queyras,
Alexander Melnikov
HMF, DDD, 2013
jpc.de

Wenn man den halligen Badezimmersound, unter dem v.a. das Klavier leidet, wobei die Instrumente fast wie in unterschiedlichen Räumen erscheinen, ertragen kann, geht auch diese musikalisch sehr überzeugende Produktion:
Miklos Perenyi (Cello),Andras Schiff (Klavier)
ECM, DDD, 2003
jpc.de


Kreisler_jun.
Inventar
#13 erstellt: 24. Jan 2017, 13:10
Wie oben angedeutet, diese hier ist sogar SACD und meiner Erinnerung nach auch als CD klanglich (und musikalisch) sehr gut:

amazon.de

Aber es erscheint von diesen Stücken vermutlich beinahe jedes Jahr eine nicht von vornherein zu verwerfende Neuaufnahme, unter neueren gibt es z.B. auch Capucon/Braley (2016) sehr günstig (14 EUR), kenne die allerdings nicht.

amazon.de
op111
Moderator
#14 erstellt: 24. Jan 2017, 14:54
Hallo.
Die Aufnahmen von Capucon/Braley und Wispelwey/Lazic habe ich nicht in meinem Besitz, darum habe ich sie nicht erwähnt.
Beide konnte ich aber schon hören (u.a.. im Blindvergleich im Rundfunk) und schließe mich Kreisler_jun.s Einschätzung an.
Vermutlich gibt es in der Fülle der Neuerscheinungen der letzten Jahre noch weitere gute Wiedergaben.


[Beitrag von op111 am 24. Jan 2017, 15:03 bearbeitet]
Joachim49
Inventar
#15 erstellt: 25. Jan 2017, 00:23
Capucon/Braley fand ich im Vergleich eher enttäuschend. Das wunderbare Adagio z.B. zu Beginn der Sonate op.5 n2, das muss meines Erachtens strahlen und singen, aber das vermisse ich bei Capucon. Ich finde Capucons Spiel oft ein wenig kurzatmig und zurückhaltend.
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