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Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7

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Autor
Beitrag
Manfred_Kaufmann
Inventar
#1 erstellt: 25. Okt 2005, 19:34
Hallo zusammen,

als Klassik-Anfänger bräuchte ich einen Tipp. Welche Aufnahme der 7. Sinfonie von Shostakovich ist zu empfehlen. Es ist egal ob es sich um CD oder Vinyl handelt.

Grüße aus M.
M.
op111
Moderator
#2 erstellt: 25. Okt 2005, 21:04
Hallo Manfred,
hast du schon mal im Themenverzeichnis

http://www.hifi-foru...hread=928&postID=1#1

gestöbert?

Einige Tipps finden sich z.B. hier:
Schostakowitsch - Sinfonien / Gesamtaufnahmen

Gruß
Franz
vanrolf
Inventar
#3 erstellt: 26. Okt 2005, 00:49
Hallo Manfred und alle anderen,

haben wir zu diesem DS-Schlachtross tatsächlich noch keinen eigenen thread?

Zunächst einmal würde ich momentan einem Klassik-Anfänger, der sich für Schostakowitsch interessiert, ganz generell empfehlen, sich für etwa EUR 20,00 die Gesamtausgabe aller 15 Symphonien mit dem WDR-Sinfonieorchester unter Rudolf Barshai zuzulegen (bei Brilliant Classics). Diese Aufnahmen wurden hier im Forum schon vielfach erwähnt, dabei überwiegend positiv. Auch wenn es im Einzelfall sicher noch interessante und bessere Alternativen gibt, bietet diese klanglich hervorragende Edition einen nahezu perfekten - und vergleichsweise spottbilligen - Einstieg, mindestens!
Auch die Symphonie No. 7 in C-Dur "Leningrader"daraus ist zu empfehlen. Barshai umgeht im ersten Satz das scheinbar unvermeidliche, kolossal-opulente Schlachtengemälde, sondern geht stattdessen fast schon zurückhaltend an die Darstellung des sich nähernden Krieges heran, was der wirklichen Sicht von Angreifern und Angegriffenen (Zähneklappern statt propagandistisch verbrähmtem Heldenmut) sicher angemessener erscheint. Jedenfalls empfinde ich seine Sichtweise daher als schlüssig.
Insgesamt habe ich bei der No. 7 aber nach wie vor den Eindruck einer Schieflage, weil die Sätze 3 und 4 den Steigerungen des ersten Satzes nichts wirklich adäquates mehr entgegenstellen, wenn man vom Finale einmal absieht (und das ist auch vielfach so beschrieben worden). Diesen Eindruck habe ich auch bei meinen anderen Aufnahmen dieses Werkes:

1. Leningrad PO / Mariss Jansons (EMI 1988, DDD)



Diese Aufnahme (das Cover wurde vor kurzem geändert) besitze ich seit ihrem Erscheinen, sie ist noch klangschöner um nicht zu sagen elegant und bringt den ersten Satz mit deutlich mehr Wucht. Mein Lieblingspart ist aber der 2. Satz, vor allem wegen der sehr schönen Holzbläser. Von den mir bekannten Aufnahmen ist sie mein Favorit.

2. Staatliches Sinfonieorchester des Kultusministeriums der UdSSR / Gennadij Roshdestwenskij (Melodya/Eurodisc 1988)
Roshdestwenskijs Gesamteinspielung aller Schostakowitsch-Symphonien aus Sowjetzeiten gilt vielen als Referenz. Die Interpretationen sind meist schroffer und kantiger, leiden aber - zumindest teilweise - an Mängeln bezüglich der Aufnahmequalität.

In letzter Zeit wurde über zwei Aufnahmen viel positives geschrieben, die ich aber noch nicht gehört habe:



New York PO / Kurt Masur (2000, Teldec)



Kirov Orchestra + Rotterdam PO, Valery Gergiev (Philips 2001)

Vielleicht kennt jemand diese Aufnahmen und kann etwas dazu beitragen !?

Gruß Rolf


[Beitrag von vanrolf am 26. Okt 2005, 20:08 bearbeitet]
musiccreator
Ist häufiger hier
#4 erstellt: 26. Okt 2005, 01:15
Die bei DG erschienene Aufnahme mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern halte ich definitiv für die beste Aufnahme; allerdings ist die 7.Sinfonie darauf gekoppelt mit der 1. Sinfonie. Bernstein holt meiner Meinung nach so viel aus der Partitur heraus, dass mir andere Aufnahmen der Symphony immer etwas oberflächlich erscheinen; einziger nachteil bei der Aufnahme: Bernstein komponiert dieses Werk beim Dirigieren quasi neu, was sehr subjektiv ist und hält sich somit nicht immer genau an Shostakovichs Angaben.

musiccreator
teleton
Inventar
#5 erstellt: 26. Okt 2005, 08:02
Hallo Manfred und Forianer,

was vanrolf über die BRILLANT-Schostakowitsch-Box mit Barschai schreibt und die Empfehlung für die Eurodisc-Roshdestwensky-Aufnahme, die ich für die absolute Referenz halte, kann ich nur bejahend unterstützen.

Ich habe aber noch eine CD-Aufnahme der Schostakowitsch: Sinfonie Nr.7, die den goldenen Mittelweg findet und klanglich ebenfalls absolute Spitze in TOP-DECCA-Qualität bietet:
Es ist die DECCA-DDD-Aufnahme mit Haitink / Concertgebow Orchestra Amsterdam, die jetzt auch preiswert (keine Hochpreis-CD mehr) zu haben ist.
Haitink hatte mit Decca seinerzeit einen Vertragsabschluß alle Schostakowitsch-Sinfonien aufzunehmen, doch Haitink hat nicht zu allen Sifonien das gleiche positive Verständnis (kann man nachvollziehen). Man merkt den Haitink-Aufnahmen deutlich an hinter welchen Sinfonien er voll steht ! Die Leningrader ist jedenfalls eine volle Empfehlung mit Haitink wert.


[Beitrag von teleton am 26. Okt 2005, 08:03 bearbeitet]
Manfred_Kaufmann
Inventar
#6 erstellt: 26. Okt 2005, 19:04
@alle
Danke für die Tipps - mal sehen was ich an Land ziehe.

Grüße aus M.
M.
Martin2
Inventar
#7 erstellt: 27. Okt 2005, 01:45
Wenn Rolf sagt, daß die Barschaiaufnahmen "überwiegend positiv" besprochen wurden, mag das wohl stimmen. Einige mochten diese Aufnahmen aber auch nicht, unter anderem ich.

Ich empfinde gerade den hochgelobten Klang als eine ziemliche Katastrophe. Das klingt irgendwie klinisch perfekt - wie eine Radioaufnahme eben - und zerstört damit jegliche Atmosphäre. Gerade im ersten Satz der 7. ist mir das unangenehm aufgefallen. Da kann man dann positiv hervorheben, daß diese Aufnahme jeglichen Bombast vermeide, das stimmt schon, einem solchen Risiko setzt sich diese Aufnahme erst gar nicht aus, aber das macht sie letzlich langweilig. Dabei ist diese 7. von Schostakowitsch nun wirklich eines der aufregendsten Stücke Musik, die es gibt.

Den Jansons, den Rolf lobt, hätte ich auch gerne gehabt, leider ist mir da bei EBay jemand zuvor gekommen und hat mich überboten

Ich habe noch die Einspielung von Slovak. Die klingt nicht klinisch wie der Barschai und ist akzeptabel - mehr aber auch nicht. Ich werde mich hüten, sie zu empfehlen. Ich bin noch auf der Suche nach besserem.

Gruß Martin
Hüb'
Moderator
#8 erstellt: 27. Okt 2005, 07:09
@Martin:
Ich glaube, Du bist weitestgehend der Einzige, der die Barshai-Aufnahme NICHT mag. Stell' es bitte nicht so dar, als wenn es eine Reihe von Usern in diesem Forum gibt, denen diese Einspielung nicht so gut gefällt. Das stimmt einfach nicht!

Barshai hat eine überragende Gesamtaufnahme vorgelegt, die in der Presse und hier im Forum auf entsprechende Kritik gestoßen ist. Selbst im Hochpreissegment wäre diese Einspielung eine ganz dicke Empfehlung. Zum Brilliant-Preis ist jede Diskussion geradezu lächerlich!

Kritik bei jpc:

Stereo: "Was die technische Perfektion betrifft, so können es die Kölner mit den mächtigen Wettbewerbern-Gesamtaufnahmen spielend aufnehmen. Alleine, wie sie souverän die Strukturen in austarierter Klarheit entstehen lassen, macht Eindruck."

Kommentar von vox maris: Es handelt sich hier um nicht weniger als die Idealeinspielung der 15 Schostakowitsch-Sinf onien durch den Studien-Kollegen des Komponisten, Rudolf Barshai. Keiner könnte diese Musik authentischer interpretieren. Haitink und Roshdestwenskij waren nicht schlecht, Barshai fasziniert! Sound 1A!

Kritiken bei Amazon:

http://www.amazon.de.../302-8654077-8512857

Auch die Rezension im Fono Forum war exzellent!

Die Suche hier im Forum ergab positive Einschätzungen von:
- teleton
- Sesquialtera
- sound67
- s.bummer
- antiphysis
- Adri
- GiselherHH
- Hüb'

Neutral:
- peet_g (aber auch eher positiv)

Negativ:
- Martin2

(Quelle: http://www.hifi-foru...=667&back=&sort=&z=1)

Das sollte als Beleg dafür, dass Du Schwachsinn erzählst, wohl ausreichen! Kannst ja mal durchzählen.

Gruß

Frank


[Beitrag von Hüb' am 27. Okt 2005, 07:12 bearbeitet]
myron
Ist häufiger hier
#9 erstellt: 27. Okt 2005, 11:04
Mir gefallen besonders die Einspielungen von Swetlanov(bekommt man hier und da noch,vor allem auf LP)und Berglund(Bournemouth Symphony Orchestra,erschienen bei EMI).Die Aufnahme mit Swetlanov hat,wie bei Ihm meistens üblich,eine ungeheure Power,Berglund hat im ersten Satz m.e.das beste Timing von allen Aufnahmen,die ich kenne.
Gruß
Michael
Martin2
Inventar
#10 erstellt: 27. Okt 2005, 15:41
Lieber Frank,

also wenn ich mich nicht sehr täusche, hat sich erst gerade neulich jemand zum Barshai sehr negativ geäußert. Kann das aber nicht mehr finden. Ob Peets Haltung eher negativ oder eher positiv ist, ist Auffassungssache, für mich kam seine Haltung eher negativ rüber.

Ist ja auch egal, ich habe ausdrücklich von einer Minderheit geredet und nicht den Mehrheitsstandpunkt für mich in Anspruch genommen. Insofern wüßte ich auch nicht, inwiefern ich Schwachsinn erzähle.

Oder Du meinst meine Meinung zu der Barshaieinspielung. Werturteile sollte man aber nie als "Schwachsinn" abtun. Entschuldige mal, ich greife Dich auch nicht als schwachsinnig an.

Ich nehme aber Dein Smiley als Versuch, den Ball flach zu halten und das würde ich auch gerne tun.


Gruß Martin
Hüb'
Moderator
#11 erstellt: 27. Okt 2005, 16:06

Martin2 schrieb:
Lieber Frank,

also wenn ich mich nicht sehr täusche, hat sich erst gerade neulich jemand zum Barshai sehr negativ geäußert. Kann das aber nicht mehr finden.

Quelle?

Ob Peets Haltung eher negativ oder eher positiv ist, ist Auffassungssache, für mich kam seine Haltung eher negativ rüber.

Er spricht von einer 'sehr guten Aufnahme, auf hohem Niveau'. Siehe im verlinkten Thema.

Ist ja auch egal, ich habe ausdrücklich von einer Minderheit geredet und nicht den Mehrheitsstandpunkt für mich in Anspruch genommen.

Hast Du eben doch:

Einige mochten diese Aufnahmen aber auch nicht, unter anderem ich.

Einige = mehrere und nicht bloß einer = Du

Insofern wüßte ich auch nicht, inwiefern ich Schwachsinn erzähle.

Eben deshalb.

Oder Du meinst meine Meinung zu der Barshaieinspielung. Werturteile sollte man aber nie als "Schwachsinn" abtun. Entschuldige mal, ich greife Dich auch nicht als schwachsinnig an.

Deine persönliche Meinung zur Barshai-Aufnahme gestehte ich Dir selbstvertsändlich zu (wo kämen wir auch sonst hin?). Du solltest Deine subjektiv für Dich richtige Meinung bitte aber nicht verallgemeinern. Das gibt die oben von mir ausreichend untermauerte Qualität der Barshai-Aufnahme einfach nicht her.

Gruß

Hüb'
Martin2
Inventar
#12 erstellt: 27. Okt 2005, 16:33
[quote="Hüb']Deine persönliche Meinung zur Barshai-Aufnahme gestehte ich Dir selbstvertsändlich zu (wo kämen wir auch sonst hin?). Du solltest Deine subjektiv für Dich richtige Meinung bitte aber nicht verallgemeinern. Das gibt die oben von mir ausreichend untermauerte Qualität der Barshai-Aufnahme einfach nicht her.

Gruß

Hüb'[/quote]

Also das ist nun wirklich sehr gnädig. Also meine "subjektive Meinung" darf ich gerne behalten, aber Deine "ausreichend untermauerte" Meinung nicht mehr in Frage stellen? Ich darf zwar eine Meinung haben, aber natürlich nur eine subjektive, sozusagen eine Meinung zweiter Klassse.

Gruß Martin
Hüb'
Moderator
#13 erstellt: 27. Okt 2005, 17:17
Lies bitte, was ich geschrieben habe.
Davon, dass Du etwas nicht in Frage stellen darfst, war nie die Rede. Du sollst einfach nur akzeptieren, dass eine Vielzahl kundiger Musikfreunde die Barshai-Einspielung für eine hervorragende hält. Womit willst Du die Divergenz zu Deiner Meinung anders erklären, als mit der Subjektivität Deiner Wahrnehmung?
Schreib' bitte das nächste mal einfach, 'mir gefällt die in der Meinung vieler anderer so hoch stehende Einspielung xy aus den und den Gründen nicht', anstatt eine schwammige Verallgemeinerung wie 'hat einigen nicht so gut gefallen', die nicht stimmt und von Dir bisher auch nicht belegt wurde.
Eine 'subjektive Meinung' ist übrigens keine Wertung 2. Klasse. Die Perspektive ist nur eine Andere, nämlich Deine ganz persönliche.

Gruß

Hüb'


[Beitrag von Hüb' am 27. Okt 2005, 17:17 bearbeitet]
Martin2
Inventar
#14 erstellt: 27. Okt 2005, 17:29

Hüb' schrieb:
Lies bitte, was ich geschrieben habe.
Davon, dass Du etwas nicht in Frage stellen darfst, war nie die Rede. Du sollst einfach nur akzeptieren, dass eine Vielzahl kundiger Musikfreunde die Barshai-Einspielung für eine hervorragende hält. Womit willst Du die Divergenz zu Deiner Meinung anders erklären, als mit der Subjektivität Deiner Wahrnehmung?


Ach, da fällt mir schon so verschiedenes ein. Wieviele Sachen sind schon hoch gelobt worden und dann doch tief gefallen. Das imponiert mir überhaupt nicht.


Schreib' bitte das nächste mal einfach, 'mir gefällt die in der Meinung vieler anderer so hoch stehende Einspielung xy aus den und den Gründen nicht', anstatt eine schwammige Verallgemeinerung wie 'hat einigen nicht so gut gefallen', die nicht stimmt und von Dir bisher auch nicht belegt wurde.


"Die in der Meinung vieler anderer hoch stehender Einspielung". Das muß ich jetzt also immer dazu sagen?


Eine 'subjektive Meinung' ist übrigens keine Wertung 2. Klasse. Die Perspektive ist nur eine Andere, nämlich Deine ganz persönliche.


Ich weiß nicht warum meine Meinung eine ganz persönliche ist. Mein Gott, Frank, ich will Dir nicht zu nahe treten, aber so hoch bewerte ich es nicht, wenn ich mal in irgendeinem Forum möglicherweise alleine stehe. Vertritt jetzt das Hifi-Forum die Allgemeinheit? Und selbst die von Dir eingebrachten Referenzen imponieren mir nicht. Ich habe von der deutschen Kritik keine hohe Meinung.

Gruß

Hüb'
Hüb'
Moderator
#15 erstellt: 27. Okt 2005, 17:36

Martin2 schrieb:
"Die in der Meinung vieler anderer hoch stehender Einspielung". Das muß ich jetzt also immer dazu sagen?

Sollte klar sein, dass das nur ein Beispiel war. Anscheinend ja doch nicht...

Martin2 schrieb:
Ich habe von der deutschen Kritik keine hohe Meinung.

Stimmt, Du orientierst Dich ja aussschließlich am Penguin Guide, hatte ich vergessen...

Gruß

Hüb'
Hüb'
Moderator
#16 erstellt: 27. Okt 2005, 17:42
Ergänzung:

Martin2 schrieb:
Ich weiß nicht warum meine Meinung eine ganz persönliche ist.

Weil es Deine Meinung ist, mit der Du nahezu allein dastehst.

Martin2 schrieb:
Mein Gott, Frank, ich will Dir nicht zu nahe treten, aber so hoch bewerte ich es nicht, wenn ich mal in irgendeinem Forum möglicherweise alleine stehe.

Genau darum geht es ja auch nicht.

Vertritt jetzt das Hifi-Forum die Allgemeinheit?

Nein, habe ich auch nie behauptet. Ist als empirischer Beleg (den Du nach wie vor schuldig bist) aber hinlänglich ausreichend.

Und selbst die von Dir eingebrachten Referenzen imponieren mir nicht. Ich habe von der deutschen Kritik keine hohe Meinung.

Siehe meine letzte ernstgemeinte Bemerkung

Gruß

Martin2
myron
Ist häufiger hier
#17 erstellt: 27. Okt 2005, 20:49
"Roshdestwenskijs Gesamteinspielung aller Schostakowitsch-Symphonien aus Sowjetzeiten gilt vielen als Referenz"

Dazu möchte ich noch sagen,daß sehr häufig auch die ältere Gesamtaufnahme von Kondrashin als Referenz genannt wird.Meiner Meinung nach trifft dies aber leider nicht auf seine Einspielungen der 7.,5. oder 10.Sinfonie zu.
Zu dem Disput über die Barschai-Aufnahme möchte ich noch folgendes beisteuernie Aufnahmen sind schon ziemlich gut und obwohl ich jetzt auch nicht solch ein Fan von WDR-Studioproduktionen bin(da diesen öfter tatsächlich etwas klinisches anhaftet-dies liegt an der Art und Weise der Produktion...)bin ich sehr begeistert,daß diese Gesamtaufnahme so preisgünstig zu erhalten ist.Dadurch werden bestimmt einige Käufer animiert,sich diese zuzulegen und Schostakowitsch kennen zu lernen,welche sonst einen großen Bogen um diese Musik gemacht hätten.
Gruß
Michael
P.S.Keine Ahnung,wie der Smiley da reinkommt.......Sollte ein Doppelpunkt sein..


[Beitrag von myron am 27. Okt 2005, 20:52 bearbeitet]
antiphysis
Stammgast
#18 erstellt: 27. Okt 2005, 21:41
Da sich hier so viel tut, fühle auch ich mich genötigt, einen Beitrag anzuhängen:

Barshais Zyklus finde ich beachtlich, allerdings hat er mich nicht sehr berührt (was für mein Gefühl bei Schostakowitsch problematisch ist).

Roshdestwensky ist für mich interpretatorisch in der Tat Referenz. Leider aufnahmetechnisch eher bedenklich bis katastrophal (im Zyklus). Sollte das Usprungsmaterial noch vorhanden sein, wäre es mehr als lobenswert eine neue Abmischung der Bänder zu erstellen!

Haitink und Jansons sind bei mir erste Wahl. Gergiev rangiert bei mir noch weiter oben. Bernstein ist für mein Dafürhalten sehr zu loben, allerdings muss man seine Idiosynkrasie in Kauf nehmen (das tue ich aber bisweilen sehr gern).

Zum Einstieg würde ich Barshai aufgrund des Preises ohne weiteres empfehlen. Haitink, Jansons und Bernstein sind teils im Midprice-Segment zu finden, insofern als Repertoire-Bereicherung oder aus Präferenzgründen durchaus zu erwägen. Gergiev ist für diejenigen, die ihn nicht kennen, ein Wagnis, für mich eine klare Entscheidung.

Grüße
vanrolf
Inventar
#19 erstellt: 27. Okt 2005, 22:25
betr. Barshai:

myron schrieb:

...bin ich sehr begeistert, daß diese Gesamtaufnahme so preisgünstig zu erhalten ist. Dadurch werden bestimmt einige Käufer animiert, sich diese zuzulegen und Schostakowitsch kennen zu lernen, welche sonst einen großen Bogen um diese Musik gemacht hätten


antiphysis schrieb:

Zum Einstieg würde ich Barshai aufgrund des Preises ohne weiteres empfehlen.


Hallo zusammen,

genau die Sichtweise, die in diesen beiden Zitaten deutlich wird, habe ich versucht zu vermitteln, und keinen Absolutheitsanspruch. Die Aufnahmen sind insgesamt sehr gelungen und ernstzunehmen. Ein Anfänger macht zu diesem Preis erst recht nichts, aber auch garnichts falsch.

Gruß Rolf
antiphysis
Stammgast
#20 erstellt: 27. Okt 2005, 22:34
Da Barsahi - so weit ich informiert bin - so preiswert nur als Box zu haben ist, möchte ich noch eine Warnung ergänzen:
Als Einsteiger fühlt man sich womöglich genötigt, lieber zu Einzeleinspielungen im Billigpreisniveau zu greifen. Das kann ziemlich daneben gehen und einem einiges vergällen.
Daher lieber wenigstens im mittleren Preissegment suchen - es sei denn auf der sehr hilfreichen Website htp://www.hififorum.de würde anderer Rat gegeben (ggfs. andere Empfehlungen des Beiträgers checken).

Grüße
s.bummer
Hat sich gelöscht
#21 erstellt: 27. Okt 2005, 22:52
Also Rolf!
Dass Du Masur erwähnen mußt?!
Da bin ich ganz "Stromberg": NEEEH.

Bei Janssons bin ich total bei Dir.

Ansonsten empfehle ich für die 7. zusätzlich immer wieder Mrawinski oder Roshdestwenski.

Bernstein? NEEH!

Nachtrag: Swetlanov habe ich noch auf Tonband.
Genau! Eine Super(!!!) Einspielung.
Genau richtig für ein Werk, dass Muskeln braucht und keine Bernsteinsche Weinerlichkeit ab Satz 2!

Gruß Hans


[Beitrag von s.bummer am 27. Okt 2005, 22:57 bearbeitet]
vanrolf
Inventar
#22 erstellt: 27. Okt 2005, 23:19
Hallo Hans,

Masur ist auch nicht meins, aber diese Aufnahme wurde nunmal lobend beschrieben (z.B. 9/9 bei Classics Today), deshalb wollte ich sie nicht unerwähnt lassen. Ich habe ja Janssons und Rosh, Mravinski wäre sicher noch interessant.

Gruß Rolf
op111
Moderator
#23 erstellt: 27. Okt 2005, 23:21
Hallo zusammen,

die 7. höre ich eher selten (bei Ravel ist der Bolero auch kürzer und kurzweiliger ausgefallen ).

RCA hatte in der Toscanini-Edition die Erstaufnahme von 1942 im Programm. Die Klangqualität war gemessen am damals möglichen eher bescheiden, trotzdem oder gerade deswegen, weil die Phantasie (zu) viel ergänzt, habe ich diese Aufnahme als besonders eindrucksvoll düster und dramatisch in Erinnerung.

Gruß
Franz
myron
Ist häufiger hier
#24 erstellt: 28. Okt 2005, 00:43
Die Toscanini-Aufnahme ist in der Tat eindrucksvoll.Ich habe sie nicht erwähnt,da es bekannt ist,daß Schostakowitsch diese Aufnahme der(amerikanischen) Erstaufführung gehaßt hat.Er fand sie u.a. zu schnell und zu oberflächlich.Übrigens war auch Bartok ein sehr kritischer Hörer dieser Aufnahme und hat in seinem "Konzert für Orchester" einige Zitate aus der 7. verwendet,um auf die(angebliche)Banalität der Komposition hinzuweisen.Der Vergleich mit dem Bolero ist ja klar.Trotzdem sind dies zwei ganz unterschiedliche Kompositionen.Es bleibt dem Hörer überlassen,das bewußt banale Thema und seine Verfremdung und Zerstörung im Mittelteil des 1. Satzes der 7.Sinfonie als die musikalische Beschreibung der Invasion Rußlands durch die Deutschen Truppen oder die Vernichtung der russischen Menschen durch den Stalin-Terror zu hören.Dieser Teil des 1.Satzes,der isoliert dasteht,ist jedenfalls kürzer als der Bolero,er wird flankiert von dem eigentlichen 1.Thema der Sinfonie,welches am Anfang voller Optimismus und Stolz vorgestellt wird und von dem am Schluß nur noch eine zerstörte Fratze übrigbleibt.Tut mir leid,aber dies ist eine andere Komposition als der Bolero.Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Einspielung mit dem Bournemouth Symphony Orchestra unter Paavo Berglund hinweisen.Ich habe den Eindruck,daß Berglund im Gegensatz zu Schostakowitsch die Toscanini-Aufnahme sehr schätzte-die Tempi sind ähnlich,aber nicht ganz so gehetzt,das Orchester ist hervorragend,die Aufnahmequalität ebenso,wenn man diese CD noch irgendwo bekommt,sollte man zuschlagen.Überhaupt sind alle mir bekannten Aufnahmen mit dem Dirigenten Paavo Berglund außergewöhnlich gut.Nichts gegen Gergiev oder Janssons(den ich live mit ebendieser Sinfonie erlebt habe)aber meine Freunde und ich haben vor einigen Jahren einmal die meisten Aufnahmen dieser Sinfonie verglichen,und völlig eindeutig lag die Swetlanov-Aufnahme vorne,gefolgt von der Berglund,womit eigentlich keiner gerechnet hatte.Allerdings kenne ich die Gergiev-Aufnahme nicht.Es ist anzunehmen,daß dieser Schlächter(die Aufnahmen mit ihm sind toll,aber die Umstände,unter denen das Kirov-Orchester unter ihm schuftet sind brutal-sie nennen ihn nur "Abdull")eine ganz hervorragende Aufnahme produziert hat.
Gruß
Michael


[Beitrag von myron am 28. Okt 2005, 00:57 bearbeitet]
Martin2
Inventar
#25 erstellt: 28. Okt 2005, 00:53
Und ich würde, obwohl ich diesen Zyklus von Barshai wirklich nicht sehr mag, dem Schostakowitscheinsteiger auch nicht davon abraten.

Ich fand die 3. ganz gelungen, die 5. und 6. nicht schlecht, anderes dann wieder durchwachsen. Bei der hier angesprochenen 7. störte mich in besonderem Maße der Klang, der viel zu trocken war ( wie ein englischer Kritiker schrieb, den ich im Thread angeführt hatte, sind einige Instrumente viel zu nahe aufgenommen).

Den Satz von Antiphysis:


Barshais Zyklus finde ich beachtlich, allerdings hat er mich nicht sehr berührt (was für mein Gefühl bei Schostakowitsch problematisch ist).


möchte ich aber unterstreichen. Ich finde das auch problematisch, eigentlich sogar sehr problematisch. Also bei Mahler wäre ein Urteil, daß eine Interpretation "nicht sehr berührt" eigentlich vernichtend. Und in dieser Traditionslinie sehe ich Schostakowitsch ( ja natürlich ist Schostakowitsch kein zweiter Mahler). In dieser Linie lag auch die Kritik, die Peet hatte.

Aber eigentlich hatten wir das Thema bereits und brauchen es hier nicht wieder aufzuwärmen.

Gruß Martin
op111
Moderator
#26 erstellt: 28. Okt 2005, 10:04
Hallo zusammen,

myron schrieb:
Die Toscanini-Aufnahme ist in der Tat eindrucksvoll.Ich habe sie nicht erwähnt,da es bekannt ist,daß Schostakowitsch diese Aufnahme der(amerikanischen) Erstaufführung gehaßt hat.
... Der Vergleich mit dem Bolero ist ja klar.Trotzdem sind dies zwei ganz unterschiedliche Kompositionen...

Michael, ist mir auch klar, daß die 7. keine Bolero-Kopie ist und einen anderen Hintergrund hat, vielleicht hätte ich besser noch einen weiteren Smiley hinzufügen müssen.

Wenn ein Komponist eine Aufnahme haßt (wenn es nicht aus polit. Gründen propagiert werden mußte) , ist das schon ein starker Hinweis auf abweichende Intentionen.

Bartok war meines Wissens nicht bekannt, daß die zitierte Passage selbst ein Zitat darstellt und ursprünglich aus F. Lehars "Lustiger Witwe" stammt (angeblich A. Hitlers Lieblingswerk).

Gruß
Franz
arnaoutchot
Moderator
#27 erstellt: 29. Okt 2005, 20:54
Ich habe gerade mal nachgeschaut, ich habe immerhin 4 Versionen der 7.:

1. Jansons, EMI 1988 (die insgesamt beste)
2. Gergiev, Philips SACD 2003 (die klanglich beste)
3. Rostropovich, Teldec 1989 (die authentischste der neueren Aufnahmen)
4. Yablonsky, Naxos DVD-Audio 2003 (war auch nicht schlecht, hab ich aber schon länger nicht mehr gehört).

Generelll waren die Mravinsky und Haitink-Sachen immer sehr gut, letztere auch klanglich.

Barshai kenne ich nicht, muss ich mir mal besorgen, aber ist eine fünfte wirklich nötig ?

Mein Favorit ist die übrigens die unterschätzte 4. Symphonie, da ist die Gergiev-SACD große Klasse !!!

Michael
Schneewitchen
Inventar
#28 erstellt: 30. Okt 2005, 12:30
Ich habe die CDs von Jansons(EMI) und Haitink(Decca) und werde mir noch die SACD von Gergiev zulegen.
Thomas228
Stammgast
#29 erstellt: 14. Jan 2007, 15:25
Liebe Schostakowitsch-Freunde!

Willkommen zur nächsten Folge der Reihe über Schostakowitschs Sinfonien, diesmal anknüpfend an einen bereits bestehenden Thread.

Die siebte Sinfonie ist umgeben Merkwürdigkeiten. Obgleich sie als eine der populärsten Sinfonien Schostakowitschs, ja, des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts gilt, hören die Meisten von ihr nur den ersten Satz. Obgleich über diese Sinfonie so viel geschrieben wurde wie über kaum eine andere Sinfonie von Schostakowitsch, ist die Bedeutung der Sinfonie noch immer nicht klar, ist die Deutungsgeschichte von extremen Wechseln der Auffassungen geprägt. Zunächst hieß es, behandelt würde der Abwehrkampf gegen Hitler-Deutschland. Die in der "Invasionsepisode" angreifenden deutschen Truppen würden siegreich in die Flucht geschlagen. Dann, anknüpfend an die Wolkow-Memoiren

(dort heißt es: "Über die Siebte und die Achte habe ich mehr dummes Zeug zu hören bekommen als über meine übrigen Arbeiten. Merkwürdig, wie langlebig solche Dummheiten sind. Manchmal verblüfft mich, wie denkfaul die Menschen sind. Alles, war über diese Symphonien in den ersten Tagen geschrieben worden ist, wird unverändert bis zum heutigen Tag wiederholt. Dabei gab es doch genügend Zeit zum Nachdenken, Der Krieg ist schließlich längst zu Ende, liegt fast dreißig Jahre hinter uns. Vor dreißig Jahren konnte man wohl sagen, dass es Kriegssymphonien seien… Man betrachtet die Vorkriegszeit heute gern als Idylle. Alles war schön und gut, bis Hitler kam. Hitler war ein Verbrecher, nicht zu bezweifeln. Aber auch Stalin war ein Verbrecher. Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Stalins Befehl Ermordeten. Ich trauere um alle Gequälten, Gepeinigten, Erschossenen, Verhungerten. Es gab sie in unserem Lande schon zu Millionen, ehe der Krieg gegen Hitler begonnen hatte. Der Krieg gegen Hitler brachte unendlich viel neues Leid, neue Zerstörungen. Aber darüber habe ich die schrecklichen Vorkriegsjahre nicht vergessen. Davon zeugen alle meine Symphonien. Die Siebte und Achte gehören auch dazu."),

die dazu führten, dass Schostakowitsch zunehmend als Regimekritiker, als musikalischer unter der Oberfläche-Dissident entdeckt wurde, wurde konstatiert, dass Schostakowitsch sich mit der siebten Sinfonie nicht nur gegen die Gewalt der angreifenden Deutschen, sondern auch und vor allem gegen die Gräuel des Stalinismus wende. Sodann wurde abstrahierend behauptet, die Sinfonie sei „ein musikalisches Porträt menschlicher Dummheit und Gewalttätigkeit“, wie Wersin es in seinem CD-Führer formuliert, wende sich gegen das Böse, gegen die menschliche Brutalität schlechthin. Schließlich wird die Meinung vertreten, eine konkrete Deutung der Sinfonie verbiete sich, da eine solche angesichts der Vielgestaltigkeit der möglichen Interpretationen unmöglich sei. Das
Werk sei musikalisch zu verstehen, nicht literarisch.

Meine Meinung zu dieser Kontroverse werde ich unten im Rahmen der Werkbeschreibung äußern. Jetzt soll es erst einmal um die geschichtlichen Fakten gehen:

1. Geschichtlicher, biographischer Hintergrund

Wie wir gesehen haben, ist Schostakowitsch dem stalinistischen Terror glücklich entronnen, vor allem durch die offizielle Darstellung der fünften Sinfonie als Antwort eines Künstlers auf gerechtfertigte Kritik und das fleißige Schreiben von Filmmusik. Schostakowitschs Rehabilitation, mit dem Triumph der fünften Sinfonie beginnend, nahm ihren Weg über die Professur am Leningrader Konservatorium, die Wahl in den Vorstand der Leningrader Abteilung des Komponistenverbandes und die Komposition des zugänglichen und damit ganz auf der offiziellen Linie stehenden ersten Streichquartetts. Vollständig wurde die Rehabilitation aber erst mit der Verleihung des Stalinpreises, der größten Auszeichnung, die einem Komponisten in der Sowjetunion zuteil werden konnte, im März 1941 für das Klavierquintett, eines der schönsten Werke Schostakowitschs überhaupt. Schostakowitsch persönlich hatte es im November 1940 gemeinsam mit dem Beethoven Quartett mit triumphalem Erfolg uraufgeführt.

Im Juni 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion. Bald schon wird Leningrad von den deutschen Truppen belagert. Rund zweieinhalb Jahre lang wurde Leningrad systematisch von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Unfassbares Elend war die Folge. Die Menschen erfroren, verhungerten. Von den drei Millionen Einwohnern Leningrads kam jeder dritte um.

Schon in den ersten Kriegstagen meldete Schostakowitsch sich freiwillig, wurde jedoch nicht genommen. Als Komponist und war er wichtiger. Mit der Konservatoriumsbrigade hob er Schützengräben aus, wurde er als Brandwache eingesetzt.

Unter fortwährendem Artilleriebeschuss begann Schostakowitsch die Komposition der siebten Sinfonie – der umstrittenen Frage, ob Schostakowitsch die Sinfonie nicht bereits deutlich früher begonnen hat, soll hier nicht nachgegangen werden.

Bei Krzysztof Meyer heißt es: „Am 19.07 [1942] begann Schostakowitsch seine Arbeit an einer neuen Symphonie, die den Mut des Landes rühmte und dem heroischen Kampf gewidmet war. Es war nahe liegend, dass sich Schostakowitsch bei der Wahl der Gattung für eine Symphonie entschied. Nach Beendigung des Werkes bekannte er: „Ich wollte ein Werk über unsere Menschen schreiben, die in ihrem im Namen des Sieges geführten Kampf gegen den Feind zu Helden werden… Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschlichkeit, an die Schönheit… Mein Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.““

Im Oktober 1942 wurde Schostakowitsch mit seiner Frau und seinen beiden Kindern aus Leningrad evakuiert und wie andere Künstler auch in den Ural in Sicherheit gebracht. Dort, in Kujbyschew, komponierte er die Sinfonie zu Ende, dort fand am 5. März 1942 die Uraufführung statt. Schnell wurde die siebte Sinfonie zum Symbol des nationalen Widerstands. Es wurde sogar eine Aufführung im belagerten Leningrad organisiert, für die die Orchestermitglieder von der Front zurückbeordert und mit Extrarationen aufgepäppelt wurden. Schostakowitsch erhielt für die Sinfonie, die er der Stadt Leningrad widmete, erneut den Stalinpreis.

Schostakowitsch hat den einzelnen Sätzen zunächst Namen gegeben (1. Der Krieg, 2. Erinnerungen, 3. Die großen Lebensräume meines Vaterlands, 4. Der Sieg), auf deren Verwendung später jedoch verzichtet. Für die Aufführung der Sinfonie am 29. März 1942 in Moskau schrieb er allerdings ein Programm. Es lautet (von mir übersetzt aus der englischen Fassung im Mrawinsky-CD-Booklet, die im Buch von Blokker/Dearling „The Music of Dmitri Shostakovich, The Symphonies“ wiedergegebene englische Fassung weicht in Einzelheiten ab):

„Die siebte Sinfonie ist ein programmatisches Werk, inspiriert von den tragischen Ereignissen von 1941. Sie besteht aus vier Sätzen.

Der erste Satz erzählt von unserem wundervollen, friedlichen Leben, plötzlich unterbrochen durch eine feindliche Kraft, dem Krieg. Ich beabsichtigte nicht, ein naturalistisches Bild der Kampfhandlungen (Summen der Bomber, Rumpeln der Panzer, Kanonenschüsse) zu schaffen. Ich komponierte kein Schlachtengemälde.

Die Exposition des ersten Satzes beschreibt die Fröhlichkeit des Volkes, zufrieden mit sich und zuversichtlich bzgl. der Zukunft. Es ist ein einfaches friedliches Leben, welches Tausende von Leningradern, welches die ganze Stadt, welches das ganze Land vor dem Krieg gelebt hat.

Das Kriegsthema durchläuft die gesamte mittlere Episode.

Die zentrale Stelle im ersten Satz wird von einem Trauermarsch eingenommen, oder, genauer, von einem Requiem für die Opfer des Krieges. Das sowjetische Volk hält die Erinnerung an ihre Helden in Ehren. Dem Requiem folgt eine noch tragischere Episode. Ich weiß nicht, wie ich diese Musik beschreiben soll. Vielleicht spricht sie von den Tränen der Mütter oder sogar von dem Kummer, der so groß ist, dass keine Tränen mehr übrig sind. Nach einem langen Fagott Solo, das die geliebten Toten betrauert, kommt ein optimistisches und lyrisches Finale des ersten Satzes. Ganz am Ende des ersten Satzes allerdings taucht das Kriegsthema noch einmal auf, sich selbst und die weiteren Kämpfe zurück ins Gedächtnis bringend

Der zweite Satz ist ein sehr lyrisches Scherzo. Dies sind Erinnerungen an angenehme Ereignisse, fröhliche Episoden. Ein zarter Hauch von Traurigkeit und Verträumtheit umgibt das alles.

Der dritte Satz ist ein pathetisches Adagio. Die Wertschätzung des Lebens, die Verehrung der Natur – dies sind die Ideen des dritten Satzes. Der dritte Satz geht ohne Unterbrechung in den vierten über.

Wie der erste, ist der vierte Satz für das Werk besonders wichtig. Der erste Satz ist der Kampf, der vierte Satz ist der nahende Sieg. Der vierte Satz beginnt mit einer kurzen Einleitung gefolgt von der Darlegung des ersten Themas, lebhaft und aufgewühlt. Dann tritt das zweite Thema auf – ein majestätisches. Dieses zweite Thema ist die Apotheose der gesamten Komposition. Die Apotheose entwickelt sich in Ruhe und mit Zuversicht, wird kraftvoll und majestätisch am Ende…[Es folgen Ausführungen über die Rolle der Künstler, die hier nicht interessieren]“

Wir heutigen Leser wissen, dass von den von Schostakowitsch zu Beginn des Programms beschworenen ruhigen und friedlichen Zeiten vor dem Kriege keine Rede sein konnte. Das bedeutet aber nicht, dass das Programm auch im Übrigen falsch sein muss. Im Gegenteil halte ich dieses Programm mit Abweichungen im Einzelnen nach wie vor für den besten Leitfaden zur siebten Sinfonie. Wir werden sehen warum.

2. Werkbeschreibung

Die 7. Sinfonie op. 60 besteht aus vier Sätzen und dauert insgesamt etwa 75 Minuten.

1. Satz

Der erste Satz beginnt in kraftvollem C-Dur. Das von den Streichern intonierte, von den Holzbläsern sogleich wiederholte (0:25, Anm.: Die Zeitangaben betreffen wie stets die Barshai-Aufnahme) Thema beherrscht stark und voller Selbstvertrauen für eine Weile das Feld. Nicht überhört werden sollte allerdings das von zwei Trompeten und einer Pauke im Forte gespielte „daa dadadam“-Motiv (4 Mal die Note C: eine Achtel-, zwei Sechzehntel- und eine Viertel-Note) unmittelbar nach der achten Note der Sinfonie, das noch eine wichtige Rolle spielen wird. Bei 1:31 beruhigt sich die Musik, wird der Orchesterapparat stark zurückgenommen. Ein Flötensolo ist zu hören. Streicher, Holzbläser und schließlich die Solovioline spielen lyrische Weisen. Es herrscht die oben im Programm beschriebene schöne, friedliche Stimmung vor dem Krieg

Bereits an dieser Stelle der Sinfonie kommt es zum Schwur. Wenn wir Schostakowitsch wörtlich nehmen, gibt es keine verlogenere Stelle in Schostakowitschs Schaffen als diese. Wir wissen, wie sehr Schostakowitsch unter Stalin gelitten hat. Wir haben insbesondere am Ende der fünften Sinfonie gesehen, wie Schostakowitsch mittels Doppelbödigkeit gelernt hat, mit seiner Situation umzugehen. Hier aber, zu Beginn der siebten Sinfonie gibt es diese Doppelbödigkeit nicht. Hier ist alles echt. Behauptet Schostakowitsch also tatsächlich, ohne Ironie und doppelten Boden, die Zeit vor dem Kriege sei schön gewesen?

Das tut er nicht. Bei Wolkow heißt es:

„Der Krieg brachte unsagbares Leid und Elend. Das Leben wurde sehr, sehr schwer. Es gab unendlich viel Kummer, unendlich viel Tränen. Doch vor dem Krieg war es noch schwerer, weil jeder mit seinem Leid allein war. Schon vor dem Krieg gab es in Leningrad sicherlich kaum eine Familie ohne Verluste: der Vater, der Sohn, und wenn es kein Angehöriger war, dann ein naher Freund. Jeder hatte um jemanden zu weinen. Aber man musste leise weinen, unter der Bettdecke. Niemand durfte es merken. Jeder fürchtete jeden. Der Kummer erdrückte, erstickte uns. Er würgte alle, auch mich. Ich musste ihn in Musik umsetzen. Ich musste ein Requiem schreiben für alle Umgekommenen, für alle Gequälten. Ich musste die furchtbare Vernichtungsmaschinerie schildern und den Protest gegen sie zum Ausdruck bringen… Da kam der Krieg. Der heimliche, der isolierte Kummer wurde zum Kummer aller. Man durfte über ihn sprechen, man konnte offen weinen, offen die Toten beklagen. Die Menschen brauchten sich nicht mehr vor Tränen zu fürchten… Das Recht auf Kummer ist ein Privileg. Es wird nicht jedem und nicht ein für allemal erteilt…. Erst mit der Siebten begann ich wieder zu leben. Sie entstand im Krieg, als wir wieder miteinander sprechen konnten. Wir hatten es schwer, dennoch atmeten wir leichter… Anna Achmatova schrieb ihren Gedichtzyklus Requiem. Die Siebte und die Achte sind mein Requiem.“

Diese Aussagen machen deutlich, dass der Beginn der Sinfonie anders als in dem Programm geschildert zu verstehen ist. Ja, geschildert wird eine glückliche Zeit. Diese glückliche Zeit ist aber nicht jene vor dem Angriff der Deutschen, sondern es ist jene vor dem Beginn des Kummers und der Tränen, jene vor dem Einsetzen der furchtbaren Vernichtungsmaschinerie. Es ist nach meinem Verständnis die Zeit vor Stalin, von der an dieser Stelle der Sinfonie idealistisch, ja, arkadisch übersteigert erzählt wird.

Hingewiesen sei darauf, dass Blokker und Dearing in dem oben erwähnten Buch den Anfang anders verstehen. Sie verweisen darauf, dass die Anfangsmusik nicht mächtig klingt, sondern zwar erdgebunden, aber eben auch frustriert und belegen das damit, dass die Musik bereits im sechsten Takt das Anfangsmotiv wiederholte, so als ob die Musik statisch wäre, unfähig sich zu entwickeln. Mich überzeugt das nicht.

Zurück zum Geschehen in der Sinfonie: In die lyrischen Klänge der Solovioline hinein erklingt von ferne eine einen militärischen Rhythmus spielende Trommel (5:44). Dieser Rhythmus wird die nun folgende „Invasionsepisode“ fortwährend begleiten. Auf seiner Grundlage wird sich der Marsch in einem gewaltigen Crescendo entfalten.

Nach meinem Verständnis geht es bei dieser so genannten „Invasionsepisode“ nicht um die Invasion der Deutschen. Schostakowitsch schrieb bezüglich der „Invasionsepisode“ in seinem Programm von einer feindlichen Kraft, dem Krieg, dem Kriegsthema, aber eben auch von einem Trauermarsch, der die zentrale Stelle im ersten Satz einnehme und, genauer, ein Requiem für die Opfer des Krieges sei.

Er schrieb nicht von den angreifenden Deutschen. Die angreifenden Deutschen, die Faschisten können es nicht sein. Gojowy macht dies in der rororo-Biographie überzeugend deutlich. Warum sollte den Deutschen ausgerechnet das faszinierendste Thema der gesamten Sinfonie zugeordnet werden? Und vor allem: Warum gibt es kein ebenso starkes bzw. noch stärkeres „russisches“ Gegenthema? Gojowy weist dann auch auf die sowjetische Kritik aus 1948 hin, die den Finger eben in diese Interpretations-Wunde legt, allerdings nur vor dem Hintergrund des falschen Verständnisses der „Invasionsepisode“ stringent ist: „Kräfte, die diesem faschistischen Affenmarsch entgegengesetzt würden, gibt es in der Musik von Schostakowitsch nicht… Mit dem faschistischen Marsch kollidiert nur die Verzweiflung am Widerstand, was dann zu einer tragischen Kulmination führt. Die Kraft, die dem faschistischen Thema entgegengestellt wird, müsste sich in dieser Sinfonie aus Melodien des russischen Volkes und anderer Völkerschaften der UdSSR zusammensetzen, um so die Kraft und das Vermögen des sowjetischen Volkes auszudrücken.“

Ja, auch ich sehe vor meinem geistigen Auge marschierende Soldaten, wenn ich die „Invasionsepisode“ höre. Nur ist es vor meinem geistigen Auge einerlei, welcher Nationalität die Soldaten sind, sind die Soldaten die Opfer. Nach meinem Verständnis handelt es sich bei der „Invasionsepisode“ nicht um eine Anklage gegen die Deutschen, sondern um eine Anklage gegen den Krieg als solchen. Ich sehe Soldaten, die zu den begleitenden Klängen in Massen sinnlos in den Tod gehen Ich werde erinnert an die Schreckensbilder aus dem Ersten Weltkrieg, werde erinnert an das Ende des „Zauberbergs“ von Thomas Mann, wo es heißt:

„Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder aufzuspringen und weiterzuhasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen Sie liegen, die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt, und greifen krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den Ausgefallenen vorwärts stolpern.“

Sie alle laufen ins Grab. Die „Invasionsepisode“ schildert, um es mit den Worten Schostakowitschs zu sagen, eine furchtbare Vernichtungsmaschinerie.

Wie aber funktioniert diese „Invasionsepisode“, dieses Crescendo nach Art des Bolero musikalisch?

Zwölf Mal wird dieselbe Melodie wiederholt, bei jeder Wiederholung stärker instrumentiert, bei jeder Wiederholung lauter. Die Wiederholungen werden jeweils voneinander abgegrenzt durch ein aus zwei Mal fünf Noten bestehendes 10-Ton-Motiv, das ebenfalls mit der Zeit stärker instrumentiert und lauter wird.

In der ersten Runde spielen die Streicher ab 5:51 pizzicato die Melodie, ab 6:26 ebenfalls pizzicato das 10-Ton-Motiv (Es geht hier um das Verständnis der Entwicklung, nicht um die Vorgehensweise im Einzelnen. Ich werde hier daher nur Wesentliches erwähnen, auf die genauere Unterteilung in der Art von erste Geigen arco, aber secco, zweite Geigen, col legno, Violas pizzicato verzichten).

In der zweiten Runde wird die Melodie von der Soloflöte gespielt (6:34), das 10-Ton-Motiv abermals von den Streichern pizzicato.

In der dritten Runde spielen Flöte und Piccoloflöte die Melodie (7:16), die Streicher wiederum pizzicato das 10-Ton-Motiv.

Vor Beginn der vierten Runde tritt ein neues Thema hinzu. Wir erinnern uns an das Anfangs- „daa dadadam“. Hier ist es, allerdings in etwas veränderter Form: „dum daa dadumdum“ Auch dieses Motiv wird uns fortan begleiten, auch dieses Motiv wird wachsen und stärker werden.

In der vierten Runde spielen Oboe und Fagott abwechselnd die Melodie (7:59), das 10-Ton-Motiv wird wieder pizzicato von den Streichern gespielt.

In der fünften Runde spielen gedämpfte Trompete und Posaune die Melodie (9:15), das 10-Ton-Motiv wird erneut pizzicato von den Streichern gespielt. Das „dum daa dadumdum“, mittlerweile auch vom Klavier gespielt, ist nun deutlicher zu hören.

In der sechsten Runde (9:56) wird die Melodie als Kanon von den Klarinetten einerseits und Oboe und Englischhorn andererseits gespielt. Das 10-Ton-Motiv ertönt abermals pizzicato in den Streichern (10:29).

In der siebten Runde wird die Melodie von den Violinen gespielt (10:37), das 10-Ton-Motiv wird von den Streichern erstmals nicht pizzicato, sondern normal gespielt (11:10).

In den weiteren Runden treten nach nunmehr bekanntem Muster zunehmend Instrumente hinzu, auch das „dum daa dadumdum“ wird immer lauter. Besonders eindrucksvoll ist das Hinzutreten des Xylophons bei 11:57. Ab 12:37 ist ein neues 4-Ton-Motiv zu hören – fast wäre die Bezeichnung Geräusch besser –, das man als Sirenenklang auffassen kann.

Die zwölfte Wiederholung schließlich wird nicht zu Ende gespielt. Vielmehr greift ein neues Motiv in das Geschehen ein – die Experten streiten, ob es wirklich neu ist, oder ob es sich um einer Art Umkehrung des Marschmotives handelt – Das Marschthema versucht, die Oberhand zu behalten. Das Geschehen wogt in höchster Lautstärke chaotisch Hin und Her. Es tobt der Krieg. Das Marschthema wird atemlos (die Viertel werden zu Achtel, dann zu Triolen), wird zunehmend fragmentarisch. Das Xylophon macht schrille Einwürfe. Bei 16:32 endet dieser Abschnitt – und nach über zehn Minuten auch der grundierende militärische Trommelrhythmus, das Kriegsthema, der Kampf – mit einem Schlag auf den großen Gong, gefolgt von einer Aufwärtsskala und einem furchtbaren Aufschrei (16:38).

Wie hieß es in dem Programm: „Dem Requiem folgt eine noch tragischere Episode. Ich weiß nicht, wie ich diese Musik beschreiben soll. Vielleicht spricht sie von den Tränen der Mütter oder sogar von dem Kummer, der so groß ist, dass keine Tränen mehr übrig sind.“ Mehr noch als bloßer Kummer ist zu hören. Furchtbares Entsetzen drückt die Musik in meinen Ohren aus. In der Tat, hier gibt es keine Tränen mehr. Über jenes Stadium ist das zu hörende Grauen weit hinaus.

Erst bei 18:42 kommt die Musik allmählich zur Ruhe. Ein Flötensolo ist zu hören, erst noch etwas zügig, dann zunehmend beruhigt und leidvoll-schön. Ab 20:08 ist das lange Fagott Solo zu hören, das nach dem obigen Programm die geliebten Toten betrauert. Beachtenswert ist die Begleitung. An dieser Stelle, nach dem Erlebten gibt es keine heile Musik mehr, sondern nur noch gebrochene, kaputte Rhythmen.

Bei 22:14 bringen die Hörner zwei Mal das „da dadadam“-Motiv in Erinnerung. Die Streicher versuchen sich, an den Anfang der Sinfonie anknüpfend, an einem lyrischen Aufschwung, der aber durch Dissonanzen gestört wird. Abermals erklingt zwei Mal das „da dadadam“-Motiv. Erneut setzen lyrische Bemühungen ein. Aber auch hier enden sie mit einem letztmaligen „da dadadam. Es folgt leise das nochmalige Erklingen des Militärmotivs in den Trommeln. „Ganz am Ende des ersten Satzes allerdings“, so schreibt Schostakowitsch, „taucht das Kriegsthema noch einmal auf, sich selbst und die weiteren Kämpfe zurück ins Gedächtnis bringend.“

2. Satz

Vorbemerkung: Das Problem der siebten Sinfonie ist das Missverhältnis zwischen dem ersten und den folgenden Sätzen. Die Sinfonie hat Schlagseite, hat jemand mal treffend formuliert. Tatsächlich stellt sich die Frage, was nach diesem gewaltigen ersten Satz noch folgen soll? Ursprünglich gedacht hat Schostakowitsch daran, die Sinfonie einsätzig zu belassen und mit einem Chorfinale zu beenden. Ob das besser gewesen wäre? Wohl nicht. Nach dem gewaltigen Crescendo des ersten Satzes muss etwas Ruhiges, Leises, Trauriges als Gegenpart folgen. Hätte Schostakowitsch den ersten Satz auf dem Höhepunkt der Spannung abrupt beendet und dann einen zweiten Satz, angefüllt mit der Trauer und Trostlosigkeit des Fagottsolos vom Ende des ersten Satzes folgen lassen, wäre die Wirkung der Sinfonie noch größer gewesen, denke ich. Hat er aber nicht. Was er getan hat, ist Folgendes:

Die Trauer „packt“ Schostakowitsch ans Ende des ersten Satzes (Fagottsolo). Zu Beginn des zweiten ist sie also schon „abgearbeitet“, was den Weg frei macht zu Erinnerungen an angenehme Ereignisse, fröhliche Episoden (s. das Programm). Entsprechend beginnt der zweite Satz, der symmetrisch aufgebaut ist, gar nicht so langsam, wie man erwarten könnte, sondern mit beschwingten Streichern. Ab 1:26 beschwört die Oboe eine sehr, sehr schöne Erinnerung, umgeben von einem zarten Hauch von Traurigkeit. Die Streicher kehren zurück, spielen ihr schönes Lied, musizieren schließlich pizzicato vor sich hin, bis, ja bis bei 4:21 der Schalk in Schostakowitsch zum Vorschein kommt, der es wohl nicht leiden konnte, ein Scherzo ohne Groteske zu komponieren: Die Es-Klarinette bricht mit einem ordinären Walzerthema in die Stimmung hinein – ich kann mir nicht helfen, muss immer an: "(Den) Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schnee-(Walzer tanzen wir...)" denken. Dieser Gedanke an den Schneewalzer singende, an tanzende Soldaten, die Assoziation mit den surfenden Soldaten im Film Apocalypse Now trifft das Gemeinte, denke ich. Die Blechbläser, das Tamburin, das Xylophon, das Klavier stimmen ein. Sogar ein Marsch – der Gedanke an die unter Stalin ständigen Paraden liegt nahe – und bei 5:20 ein Xylophonsolo sind zu hören. Bei ca. 6:35 ist der Mittelteil vorbei. Der Rückweg (symmetrischer Aufbau) beginnt. Die Streicher spielen wieder ihr Lied Ab 7:22 erklingt erneut die Oboenmelodie, dieses Mal allerdings gespielt von der Bassklarinette, begleitet von drei Flöten (eine davon eine Altflöte) und einer Harfe – Klangzauberer Schostakowitsch! Ein kurzes Klarinettensolo folgt und mit den Streichern vom Beginn endet der Satz.

3. Satz

Wie der dritte Satz zu verstehen ist, wird nur selten thematisiert. Wenn überhaupt – in der Regel wird nur über den ersten Satz, und da auch nur über die Bedeutung der Invasionsepisode diskutiert – liest man eine bloße Beschreibung des musikalischen Geschehens. Schade, finde ich.

Nun wurde ich in der Schostakowitsch-Reihe bereits mehrfach für meine Neigung gerüffelt, das musikalische Geschehen mit (konkreten) Bedeutungen zu verbinden – von hier aus ein schöner Gruß an Aladdin! Die vorgebrachten Einwände habe ich nicht vergessen. Hier aber, bei der siebten Sinfonie, drängt sich die Frage nach der außermusikalischen Bedeutung meines Erachtens geradezu auf. Hat Schostakowitsch für diese Sinfonie doch ein konkretes Programm geschrieben und steht doch außer Frage, dass der erste Satz und auch der vierte etwas bedeuten, was nahe legt, dass es so auch beim dritten ist. Die Frage lautet daher nur: „Was bedeutet der dritte Satz?“

Der zeitweise Titel des dritten Satzes hilft nicht weiter. Was, bitte, ist unter den „großen Lebensräumen“ von Schostakowitschs Vaterland zu verstehen? Das Programm wird da schon konkreter: „Der dritte Satz ist ein pathetisches Adagio. Die Wertschätzung des Lebens, die Verehrung der Natur – dies sind die Ideen des dritten Satzes.“ Erinnert sei darüber hinaus an die oben aus der Biographie Meyers zitierte Passage: „…Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschlichkeit, an die Schönheit…“

Worum es geht, macht meines Erachtens der Beginn des dritten Satzes sehr schnell deutlich: Es erklingt ein – von Holzbläsern und Harfe gespielter, streng und leidvoll klingender – Choral, der sofort Assoziationen an die Sphäre des kirchlichen entstehen lässt. Bei 0:30 erklingt dann ein sehr tragisches, leidvoll verzweifelt klingendes Violinrezitativ, bei 1:15 wieder der Choral, bei 1:51 erklingen erneut die verzweifelten Geigen. Zu hören ist also ein Dialog. Die Frage stellt sich, wer die Beteiligten dieses Dialoges sind.

Für mich klar ist, dass das Violinrezitativ für das Leid des Einzelnen steht, für das unter dem Krieg und seinen Folgen leidende Individuum, für den an der menschlichen Dummheit und Gewalt leidenden Menschen.
Der Choral kann demgegenüber für Vieles stehen: für die Kirche, für die Idee des Humanismus, für die Menschlichkeit, für Gott.

Nur probeweise und aus Gründen der Plastizität schlage ich vor: Der Choral steht für Gott. Gehen wir mit dieser Idee also den dritten Satz durch und stellen uns vor:
Ein vom Krieg gezeichneter Mensch, z. B. ein Vater, der seinen Sohn verloren hat, hört in seiner Seele die Stimme Gottes zu ihm sprechen (den Anfangschoral). Der Mensch will davon nichts hören, klagt sein Leid (das Violinrezitativ ab 0:30). Gott spricht weiter zu ihm (erneut der Choral bei 1:15). Noch immer wird der Mensch nicht erreicht (erneut die Violinen, 1:51). Dann aber, langsam, beginnt das Wort Gottes seine Wirkung zu tun (Überleitung ab 2:15, die Streicher beruhigen sich). Der Mensch hört der Stimme Gottes zu (2:47: tiefe Holzbläser, gewissermaßen der Choral im Sprechton). Gott sagt dem Menschen, er solle nicht verzweifeln. Siehe, die Welt ist schön. Er zeigt ihm einen unbeschwert umherfliegenden Vogel als Sinnbild für die Wertschätzung des Lebens (3:39:Flötensolo). Der Mensch ist bereit, anzunehmen. Er traut sich, an das Schöne zu glauben. Er traut sich, die Erdenschwere zu verlassen, mit dem Vogel zu fliegen (4:24: zweite Flöte, Duett). Er singt selbst das Lied der Schönheit, der Liebe (5:18: Die Violinen spielen das Flötenthema!!!). Dann aber, plötzlich, holt ein Schuss den Menschen zurück in die Wirklichkeit (7:24). Der Krieg ist wieder da. Der Mensch aber will nicht mehr mitmachen. Er begehrt auf. Er marschiert für seine Ideale (8:39: Die Trommel aus dem ersten Satz spielt wieder, dieses Mal aber nicht das destruktive Militärmotiv des ersten Satzes, sondern eines, das eher nach Aufbruch klingt. Bei 9:39 ertönt die Choralmelodie in den Bläsern. Bei 9:58 spielen die Trompeten ein heroisches Motiv). Die Anstrengung des Menschen ist aber noch nicht stark genug. Der Marsch erreicht nicht die Stärke desjenigen aus dem ersten Satz. Folgerichtig stellen sich in den Streichern Zweifel ein. Der Vogel singt nicht mehr (11:23: Die Flöte klingt nicht mehr schön. Bei 13:44 und 14:44 – und zuvor, ich habe die Zeit nicht notiert – kommen jeweils zweimalige Einwürfe, die wie Fragezeichen klingen). Der Mensch glaubt nicht mehr an seine Ideale von eben (15:15: Das Streicherrezitativ kehrt zurück). Es war nur ein schöner Traum. Die Wirklichkeit holt den Menschen ein. Die Idee des Göttlichen (= des Humanen, des Schöngeistigen) steht wieder im Schatten (17:35: Der Choral kehrt zurück. Er klingt nicht mehr liturgisch, sondern abgedunkelt, wird gespielt von der ordinären Klarinette).

Und jetzt beenden wir diesen Versuch und stellen dringend klar: Keinesfalls sollte das soeben Geschriebene dahingehend verstanden werden, als handele es sich um die richtige Deutung des dritten Satzes. Ich bin überzeugt, es ist nicht die Richtige, es gibt keine Richtige. Nur hat Schostakowitsch eben geschrieben: „Die Wertschätzung des Lebens, die Verehrung der Natur – dies sind die Ideen des dritten Satzes.“ Meine Hoffnung ist, dass man sich dem Sinn des dritten Satzes über meine „Geschichte“ nähern kann. Meine Empfehlung lautet, den dritten Satz einmal parallel zu meiner „Geschichte“ zu hören, die Geschichte dann wieder zu vergessen und den Satz dann noch einmal zu hören. Vielleicht, so hoffe ich, ist man dem Gemeinten dann näher.

4. Satz

„Der vierte Satz beginnt mit einer kurzen Einleitung gefolgt von der Darlegung des ersten Themas, lebhaft und aufgewühlt. Dann tritt das zweite Thema auf – ein majestätisches. Dieses zweite Thema ist die Apotheose der gesamten Komposition. Die Apotheose entwickelt sich in Ruhe und mit Zuversicht, wird kraftvoll und majestätisch am Ende“, heißt es in Schostakowitschs Programm.

Richtig, möchte ich nur sagen und hinzufügen, dass der vierte Satz am meisten Spaß bringt, wenn man ihn so richtig laut hört.

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Abschließend stellt sich die Frage, wie das oben wiedergegebene Verständnis von der „Invasionsepisode“ in Einklang zu bringen ist, mit dem im vierten Satz unzweifelhaft geschilderten Sieg?

Eine mögliche Antwort könnte lauten, dass nicht gemeint ist der Sieg im konkreten Krieg gegen die Deutschen, sondern der Sieg des Humanismus, des menschlichen Fortschritts über die Geißel des Krieges, über die menschliche Brutalität und Gewalttätigkeit.

Für überzeugender halte ich jedoch die Erklärung, dass es in der siebten Sinfonie keine absolute Stringenz gibt. Schostakowitsch hatte beim Verfassen der Sinfonie zwei Seelen in seiner Brust. Die eine war die von Stalin unterdrückte, die, welche Schostakowitsch (nach Wolkow) sagen ließ:

„Der Kummer erdrückte, erstickte uns. Er würgte alle, auch mich. Ich musste ihn in Musik umsetzen. Ich musste ein Requiem schreiben für alle Umgekommenen, für alle Gequälten. Ich musste die furchtbare Vernichtungsmaschinerie schildern und den Protest gegen sie zum Ausdruck bringen.“
Diese Seele führte dazu, dass Schostakowitsch sich mit der siebten Sinfonie nicht allein gegen die faschistische Gewalt, sondern gegen jegliche totalitäre Gewalt, auch die stalinistische wandte.

Die andere Seele in Schostakowitschs Brust war jene, die zu dem belagerten Russen Schostakowitsch gehörte, zu jenem Patrioten, der sich freiwillig meldete, um sein trotz Stalin geliebtes Russland gegen die Angreifer zu verteidigen. Ohne jeden Zweifel wollte Schostakowitsch den Sieg, wollte er die Belagerung Leningrads beenden, wollte er seinen Landsleuten mit seiner Musik Mut machen.

Diese Seele führte dazu, dass es am Ende eben doch ganz konkret um den Sieg im Krieg geht.


3. Interpretationen auf CDs

Zunächst sei auf die unter folgendem link zu findende Zusammenstellung (http://develp.envi.osakafu-u.ac.jp/staff/kudo/dsch/work/sym7e.html) hingewiesen.
Ich besitze folgende CDs:

Barshai, WDR Sinfonie-Orchester, Brilliant, 1992, aus der Gesamtaufnahme
Jansons, Leningrad Philharmonic Orchestra, EMI, 1988, aus der Gesamtaufnahme
Kondrashin, Moscow Philharmonic Orchestra, Melodiya, 1975, aus der Gesamtaufnahme
Mravinsky, Leningrad Philharmonic Orchestra, Melodiya, 1953

Beim aktuellen Hörvergleich habe ich mich auf den ersten Satz beschränkt.

Mrawinskij, die Aufnahme mit der deutlich schlechtesten Tonqualität, beginnt nicht majestätisch, nicht stark, sondern halbherzig. Es ist, als traute Mrawinskij, dem selbstbewussten Anfang nicht, als weigerte Mrawinskij sich, die Herrlichkeit der Zeit vor dem Krieg zu besingen. Der anschließende lyrische Teil wird dazu passend ebenfalls nicht lyrisch gespielt. Der dunkle, raue Klang der Flöte passt nicht zu der zu spielenden Süße. Auch rein technisch betrachtet spielt der Soloflötist nicht in derselben Liga wie die Flötisten der Konkurrenzaufnahmen. Die Solovioline klingt ebenfalls nicht süß, sondern dünn. Es stellt sich die Frage: Ist dies gewollt, quasi als Nichtmitmachen der offiziellen Auffassung zurzeit vor dem Krieg oder ist das nicht besser gekonnt? Ich vermute, letzteres ist der Fall, da sich die Mängel fortsetzen. Zu Beginn der Invasionsepisode sind die Pizzicati uneinheitlich, also unsauber gespielt. Die Soloflöte in der zweiten Wiederholung klingt für meine Ohren an dieser Stelle viel zu warm, die Piccoloflöte in der dritten Wiederholung pfeift. An der Konzeption der Invasionsepisode fällt die extreme Nutzung unterschiedlicher Tempi auf. Mehr als alle anderen ist Mrawinsky anfangs sehr langsam, gegen Ende hin dann sehr schnell. Mir gefällt das nicht. Der Marsch verliert dadurch an Bedrohlichkeit. Es gibt hier keinen gewaltigen Schub, kein Gefühl der Unaufhaltsamkeit, keine Urgewalt, sondern der Marsch wirkt am Ende nur noch gehetzt, irrwitzig. Die unpassende Assoziation des zu schnellen Karussell-Fahrens stellt sich ein. Der Aufschrei packt mich folgerichtig auch nicht. Er ist nur laut. Die Bleichbläser, das sei lobend erwähnt, klingen schneidig und beißend. Den Bläsersoli im dritten Abschnitt des ersten Satzes kommt der körnige Klang der Holzbläser allerdings sehr zu Gute. Insbesondere das Fagottsolo klingt wunderbar wehmütig. Fazit: Diese Aufnahme ist eine Riesenenttäuschung. Stünde nicht Mrawinskij drauf, würde ich denken, der Dirigent ist drittklassig.

Kondrashins Aufnahme ist merkwürdig. Beim ihm klingt alles richtig, alles gut bis sehr gut, nichts aber bleibt wirklich hängen. Während des Hörens machte ich mir Notizen. Fast immer steht nur: ja, richtig, genau. Positiv aufgefallen sind mir die Streicher und Holzbläser im anfänglichen lyrischen Thema. Hier, und nur hier, wird die Lyrik begleitet von einem Hauch Wehmut. Das hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Invasionsepisode vermag mich nicht zu begeistern. Die Trommel, fällt mir auf, hat Schwierigkeiten mit dem Gleichmaß des grundierenden Rhythmusses. Das Marschthema ist durchweg sehr bestimmend, die Nebenthemen gehen ein wenig unter. Der Höhepunkt ist gut. Das Kreischen der Blechbläser fällt positiv auf. Beim Aufschrei allerdings ist der Gong fast nicht zu hören. Im letzten Abschnitt der Sinfonie gelingt das Fagottsolo sehr schön. Auffällig deutlich wird hier die Abgehacktheit der Begleitung herausgearbeitet. Mein Fazit lautet: Nicht Fisch noch Fleisch. Sicher eine deutlich bessere Aufnahme als die von Mrawinskij. Aber für eine Spitzenaufnahme fehlt mir doch zu viel. Die Aufnahme fesselt mich nicht, ist nicht packend.

Barshai ist mein persönlicher Favorit. Der Anfang ist machtvoll und kraftstrotzend. Auch die Bläser spielen mit Nachdruck. Die hervorragende Durchhörbarkeit der Aufnahme kommt der Invasionsepisode sehr zugute. Hervorragend lässt sich hier das musikalische Geschehen verfolgen. Man hört jede Einzelheit. Auch Barshai wird im Laufe dieses gewaltigen Crescendos schneller, aber maßvoll. Er erreicht die gewaltige Wirkung des Marsches vor allem durch eine Erhöhung der Intensität, des Druckes. Während Mrawinsky nur schneller wird, ist es bei Barshai, als würde er den Turbo einschalten. Der Schub, der hier entfaltet wird, die Kraft, die von dem Marsch ausgeht, ist überwältigend. Eins Plus, kann ich nur sagen. Der Hochdruck, der Kondrashin nachgesagt wird, hier wird er erreicht. Und das Beste ist: Der Hochdruck wird auch gehalten! Die gesamte Episode bis zum Gong ist geprägt von permanentem Hochdruck, von grauenvollem Entsetzen unter beständiger Hochspannung. FANTASTISCH! Selbstredend ist hier auch der Gong deutlich zu hören. Nach der Beruhigung lohnt es sich, auf das Flötensolo zu hören. Bei Barshai klingt es zunächst gehetzt, atemlos. Erst nach einiger Zeit wird es schön. Fazit: Diese Aufnahme ist mein klarer Favorit. Bei bester Tonqualität ist sie sehr packend und unglaublich gut. Ich muss anmerken, dass ich die Aufnahmen von Roshdestwenskij, Berglund und Svetlanow nicht kenne. Möglicherweise sind jene ja tatsächlich noch packender. Mal sehen, vielleicht bestelle ich sie mir noch.

Jansons legt ebenfalls eine Spitzenaufnahme vor. Alles wird sehr sauber gespielt, wirkt aber im Vergleich zu den anderen Einspielungen stets um einen Gang zurückgenommen. Die lyrische Episode zu Beginn ist wunderschön. Die Sologeige klingt süß und zart, wie es schöner nicht geht. Dynamisch ist die lyrische Episode ebenfalls hervorragend. Jansons Spiel mit der Lautstärke ist wundervoll. Der Übergang von der Solovioline zum Marschthema gelingt ebenfalls großartig. Bei den anderen Einspielungen ist die Trommel plötzlich einfach da. Jansons gestaltet den Auftritt der Trommel. Bei ihm ist sie nicht plötzlich da, sondern nähert sie sich langsam, wie aus der Ferne. Die Invasionsepisode wird sehr sauber, sehr schön gespielt. Allerdings klingt die Musik nie, auch nicht in den größten Kämpfen dreckig oder hässlich, immer nur schön. Spannung hat die Aufnahme trotzdem. Auch das Fagottsolo am Ende klingt nicht tieftraurig, sondern schön. Fazit: Eine sehr gute Aufnahme, empfehlenswert für all jene, die raue Töne nicht mögen. Ich selbst greife regelmäßig zu Jansons, höre seine Aufnahme gern. Dies vor allem auch deshalb, weil die Sätze zwei und drei bei Jansons äußerst gelungen sind.


Thomas
teleton
Inventar
#30 erstellt: 15. Jan 2007, 13:21
Hallo Thomas228,

Danke Thomas für Deinen Superbeitrag. Man kann hier nicht sagen, wenn die Sinfonien länger werden, dann werden auch Deine Beiträge länger.
Nein, Deine Auseinandersetzung mit dem sinfonischen material Schostakowitsch´s wird immer intensiever und ausgereifter. Einfach Klasse !

Ich habe mir Deinen Beitrag in dem ich wieder viel neues über die Sinfonie Nr.7 Leningrader gelernt habe sogleich ausgedruckt - 7Wahnsinnsseiten.

Danke auch für Deine Einschätzung zur Barshai-Aufnahme, die sich mit meinen Gedanken deckt.

Ich werde meine Aufnahmen in der nächsten Zeit auch einmal gegenüberstellen und dazu hauptsächlich den ersten Satz betrachten (ähnlich wie Du):

1. Swetlanow / Staatliches SO Moskau - Eurodisc - LP; Aufnahme 70erJahre AAA
2. Haitink / CGO Amsterdam - Decca - CD; Aufnahme 1979 DDD
3. Barshai / RSO Köln - Brillant - CD; Aufnahme 1992 DDD
4. M.Schostakowitsch / Prager SO - Supraphon- CD; Aufnahme 2005 DDD
5. Kondraschin / Moskauer PH - AULOS - CD; Aufnahme 1975 ADD
6. Roshdestwensky / Mokauer PH - Eurodisc - CD; Aufnahme 1982 DDD

Ohne jetzt 2007 gegengehört zu haben würde ich aus meiner Erinnerung Roshdestwensky als meinen Favoriten bezeichnen ( wie sollte es auch anders sein ).

Mit Kondraschin habe ich mich 2006 intensiv befaßt, dies wegen meiner neuen AULOS-CD-GA und kann Deine Einschätzung eigendlich nicht nachvollziehen, da ich sie sehr packend fand. Dies nicht zuletzt auch ausgelöst durch die packende AULOS-Klangqualität mit dem neuen Remastering, die gerade bei der 7ten mit Aufnahmedatum 1975 sehr gut und besser gelungen ist als bei den Kondraschin-Aufnahmen der frühen 60er Jahre.

Meine erste Aufnahme auf LP war Anfang der 80er nicht wie sonst Kondraschin, sondern in diesem Falle der Nr.7 die Swetlanow-Aufnahme auf Eurodisc. Warscheinlich der bestmögliche Einstieg, den man sich vorstellen kann.

Nach der LP-Zeit hat mich dann Haitink auf Decca jahrelang zufriedengestellt - ich habe eigendlich nichts anderes mehr gehört, bis mich irgendwann in den 90ern Roshdestwensky "weggehauen" hat.

2005 kam dann Barshai für 18,-Euro auf Brillant mit seiner rundum mehr als zufriedenstellenden, überdurchschnittlich guten und autentischen GA.

Als 10/2006 Maxim Schostakowitsch seine Prager GA vorlegte war ich sehr gespannt. Leider blieben meine Erwartungen größtenteils nicht so ganz erfüllt, was ich auf die Orchesterleistung zurückführe und nicht auf Maxim, der voll autentisch alles zu geben scheint. Der LIVE-Sound ist ebenfalls nicht zeitgemäß.

Meine erwähnte Gegenüberstellung werde ich zu gegebener Zeit einbringen und bin selbst gespannt, ob sich meine hier erwähnten Erinnerung an die Interpretationen noch ändern werden.
-----------------------------------------------

Ich hoffe für diesen Thread auf viele interessante Beiträge ohne diese Miesmacherei, wie in der Vergangenheit in anderen Schostakowitsch-Threads geschehen (wird voll ingnoriert , hat also gar keinen Sinn).
Thomas228
Stammgast
#31 erstellt: 16. Jan 2007, 14:35
Hallo Teleton,

danke für deine freundlichen Worte.

Ehrlich gesagt habe ich eine Zeitlang gezögert, ob ich einen Beitrag über die siebte Sinfonie verfassen soll, besteht der Thread ja schon eine ganze Weile, ohne dass neue Beiträge hinzugekommen wären. Das Interesse an einer weiteren Beschäftigung mit dieser Sinfonie scheint in diesem Forum daher nicht wirklich gegeben zu sein - ausdiskutiert gewissermaßen.

So habe ich den Beitrag im Wesentlichen für mich geschrieben, weil ich fand, dass eine Beitragsreihe über Schostakowitschs Sinfonien ohne einen Beitrag über die Siebte unvollständig wäre.

Da bisher aber hauptsächlich über Aufnahmen und weniger über das Werk geschrieben wurde, hoffe ich dennoch, das räume ich freimütig ein, dass sich der eine oder andere zu ein paar Worten hinreißen lässt...

Ein allgemeines Problem ist es übrigens die richtige Länge des Beitrags zu finden. In einem Diskussionsforum sind sieben Seiten eigentlich zu lang. Wenn man überdies zu sehr in die Einzelheiten geht, verschreckt man vermutlich einige, die sich nun nicht mehr trauen, etwas zu schreiben. Aber was soll ich machen? Was muss, das muss!

Schön, lieber Teleton, dass du deine Aufnahmen noch einmal im Vergleich hören und uns an deinen Eindrücken teilhaben lassen willst. Für dein Vorhaben, jeweils nur den ersten Satz zu hören, habe ich größtes Verständnis. Ein intensives Vergleichshören bei einer Sinfonie von 75 Minuten Dauer kann schon sehr langwierig werden, wenn man eine gewisse Anzahl an Aufnahmen besitzt. Ein Problem übrigens insbesondere bei Mahler-Sinfonien, wie ich finde.

Viele Grüße
Thomas
Thomas228
Stammgast
#32 erstellt: 16. Jan 2007, 14:45
Ach ja, Kondrashin!

Klarstellend: Ich besitze die Aufnahme von Kondrashin "nur" in der Melodiya-Fassung - vor einem Jahr war ich darüber noch hoch erfreut, so kann´s gehen. Vermutlich wirkt die Einspielung in der Aulos-Fassung oder in der jetzt neu herausgekommenen (leider sind beide teuer) deutlich besser, ist z.B. der Gong zu hören usw. Es mag daher sein, dass ich der Kondrashin-Einspielung mit meinen obigen Worten nicht ganz gerecht geworden bin.

Gruß, Thomas
swjatoslaw
Hat sich gelöscht
#33 erstellt: 18. Jan 2007, 00:43
@ Thomas

Wat mutt, dat mutt. Das sehe ich auch so. Ich finde einen siebenseitigen Beitrag keineswegs zu lang, sondern bin hocherfreut, im Internet auf Eurer Seite Beiträge auf musikwissenschaftlichem Niveau über Schostakowitsch gefunden zu haben. Irgendein Gequatsche auf dem Niveau von Zeitungskritikern und Premierengästen höre und lese ich sonst schon genug, wenn ich mich in die so genannte "Klassik-Szene" begebe. Und was hier von Dir, Thomas, geleistet wird, verdient höchste Anerkennung. Also weiter so, ich bin zu einem treuen Leser von Dir geworden!

Demnächst werde ich mir auch mal meine Aufnahmen der 7. Schostakowitsch vornehmen und ein wenig hierüber berichten. Das wird eine spannende Nacht. Ich besitze

Mravinsky / Leningrader 1953
Bernstein / New Yorker 1962
Haitink / London Philharmonic 1979
Jansons / Leningrader 1988

teleton muss ich bei dieser Gelegenheit korrigieren. Haitinks bei Decca erschienene Aufnahme ist nicht mit dem Concertgebouworkest Amsterdam gemacht worden, sondern mit dem London Philharmonic Orchestra. Auf der Doppel-CD ist mit der 7. die 12. gekoppelt, diese Aufnahme ist mit dem Concertgebouworkest Amsterdam entstanden (nicht aber die 7.).

Herzliche Grüße,
Joachim
Spagiro
Ist häufiger hier
#34 erstellt: 19. Jan 2007, 19:27
Hallo Thomas228,

Du hast da wieder einen sehr schönen und ausführlichen Text abgeliefert. Vielen Dank für die Arbeit, die Du da reinsteckst.

Eine interessante Information habe ich dem Booklet zu Kitajenkos Aufnahme gefunden. Dort wird erwähnt, dass das Invasions-Thema eine Karikatur des Liedes "Da geh' ich ins Maxim" aus Léhars "Lustiger Witwe" sei. Diese soll die Lieblingsoper von Hitler gewesen sein.
Unter dem Aspekt könnte es sich in der Tat um eine Anlehnung an die Invasion der deutschen Armee in Russland handeln.

Übrigens soll Bartók die Stelle in der Siebten so abstossend gefunden haben, dass er selbst darauf eine Parodie für eines seiner Konzerte schrieb.

Gruß
Spagiro
vanrolf
Inventar
#35 erstellt: 20. Jan 2007, 02:44
Diese Anspielung findet sich in Bartóks "Konzert für Orchester", sie ist (in allen Einspielungen, die ich besitze/kenne) unverkennbar.

Gruß Rolf
s.bummer
Hat sich gelöscht
#36 erstellt: 21. Jan 2007, 14:56
Hallo,
zwei Anmerkungen zur Mrawinski Aufnahme von 1953.
a) Sie klingt wirklich besch..... Insofern fällt es mir schwer, einzelne Details zu bewerten.
Die Aufnahme an sich ist eher sportiv denn bedeutungsschwanger. Der sich ständig beschleunigende 1. Satz führt herrlich weit fort von der üblichen Interpretation der herandrängenden Armee. Und auch den restlichen Sätzen fehlt die Lamoryanz, die so oft zu spüren ist wie beispielsweise bei Bernstein
Eben wie schon Toscanini über die Eroica sagte. Kein Heldeepos, Allgro con Brio.
Und damit wird diese Interpretation zur Wohltat neben dem sozialistisch-neurealistischen aufgeblasenen Bombast.
b) Das ausgerechnet YM das Stück wahrscheinlich deshalb so interpretierte, steht in seiner Biografie: Er konnte das Stück nicht mehr ausstehen, es war für ihn verbraucht. Dennoch mußte er es Anfang 1953 aufnehmen, eine Tätigkeit, die er auch verabscheute!
So hat er folgerichtig später Aufführungen der 7., die an ihn herangetragen wurden, gerne an seine Assistenten und Kollegen Sanderling und Jansons gegeben.
Ironischerweise hat DS über diese Aufnahme geschrieben: "It is a magnificent performance....."
So wie es aussieht, hat YM dieses Werk dann auch nicht mehr aufgenommen, ob er es je nochmal aufgeführt hat, konnte ich nicht ermitteln. In seiner Biografie ist darauf kein Hinweis.
Zitate nach Gregor Tassie, Yevgeny Mrawinski: The noble conductor.

Gruß S.
Thomas228
Stammgast
#37 erstellt: 22. Jan 2007, 11:51
@Spagiro:

Ja, die Verbindung: Marschthema - Lustige Witwe - Hitler ist in der Tat sehr interessant.

Ich habe leider keine Einspielung der Lustigen Witwe, kann die Verbindung daher nicht hörend nachvollziehen, gelesen habe ich darüber aber auch bereits.

Für mich stellen sich zwei Fragen:

1) Wenn Schostakowitsch tatsächlich die Verbindung zu Hitler-Deutschland über das Marschthema herstellen wollte, warum hat er das nicht so getan, dass der Hörer dieses sofort heraushört? Es wäre dann doch viel naheliegender gewesen, ein Thema zu nehmen, das jeder Hörer - man bedenke, dass die siebte Sinfonie vergleichsweise einfach gehalten ist, weil sie sich bewusst an die Massen richtete - sofort als deutsches erkennt. Die wenigsten düften beim Hören des Marschthemas an die Lustige Witwe denken, noch weniger dann noch die Brücke zu Hitler schlagen - dessen Lieblingsoper meines Wissens Tiefland war.

2) Wenn Schostakowitsch tatsächlich schildern wollte, dass die deutschen Truppen angreifen, warum hat er das nicht in seinem Programm gesagt?

Hinweisen möchte ich auf einen Artikel der NMZ (http://www.nmz.de/nmz/2005/06/magazin-operette.shtml), in dem es u. a. heißt:


Adolf Hitler selbst war ein großer Liebhaber von Lehárs Operette „Die lustige Witwe“, deren Uraufführung 1905 in Wien er beigewohnt hat. In den 30er-Jahren kam es sogar zu einer vertrackten Annäherung zwischen Hitler und Lehár. Dieser nahm am 27. November 1936 an der 3. Jahrestagung der Reichskulturkammer in der Berliner Philharmonie teil, wo er auch Hitler kennen lernte, wie der Lehár-Forscher und Theaterwissenschaftler Stefan Frey auf der Dresdner Tagung referierte. Hitler war nach Albert Speers Zeugnis „noch Tage danach beglückt über dieses bedeutungsvolle Zusammentreffen. Für ihn war er in allem Ernst einer der größten Komponisten der Musikgeschichte. Seine ,Lustige Witwe’ rangierte für Hitler gleichrangig neben den schönsten Opern.“ „Offiziell schlug der Politiker Hitler in seinen Reden andere Töne an“, schreibt Stefan Frey.


@s.bummer:

Danke für diese sehr interessanten Informationen. Mit diesem Wissen wird meine oben wiedergegebene Hörbeschreibung schief, habe ich Mrawinskijs Aufnahme ja gerade an der "normalen" Interpretationshaltung gemessen. Empfehlenswert wird die Mrawinskij-Aufnahme dadurch meines Erachtens aber dennoch nicht. Sie bleibt, wie man so schön sagt, ein Dokument.

Viele Grüße

Thomas
teleton
Inventar
#38 erstellt: 24. Jan 2007, 14:57
Hallo Schostakowitsch-Freunde,

Ich möchte nun, wie versprochen, zur Kurzbesprchung meiner CD-Aufnahmen der Leningrader – Sinfonie (1.Satz) kommen, die ich in der Reihenfolge der Hörerlebnisse hier aufführe.

Roshdestwensky / Moskauer PH (Eurodisc 1984 DDD)
Roshdestwensky nimmt sich mit über 27Minuten mehr Zeit als seine Kollegen; damit läßt sich alles bestens auskosten. Die Klangqualität ist durchweg sehr gut und alle Instrumente sind gut durchhörbar.
Die Sinfonie beginnt machtvoll und spannungsgeladen, die folgende Friedensstimmung folgerichtig und wenn die Invasionsepisode mit den Trommeln einsetzt sind diese von Anfang an gut hörbar. Der erste Einsatz der Trommel treibt einem eine Gänsehaut des Schreckens auf den Rücken (ganz anders als M.Schost. später).
Das Geschehen wird immer dichter und tumulktartiger. Die Paukenschläge im Kriegsgewusel klingen bei Roshdestwensky wie Kanonenschläge, die 4 Gongschläge (nicht einer wie Thomas228 immer schreibt) kommen unerbittlich und sind klar im Orchestertutti zu hören, dazu die unerbittlichen Kanonen-Pauken. Ein Wahnsinn, den alle anderen Aufnahmen nicht bieten.
Die russischen Blechbläser haben das, was diese Aufnahmen so unverwechselbar machen – einfach Klasse.
Das Geschehen beruhigt sich und die Sinfonie erinnert im Trommelrhytmus nochmal an die geschehnisse. Nach dem ruhigen und nicht überhasteten Schluß wird man die Eindrücke, die diese Aufnahme bietet so schnell nicht mehr vergessen.
Meine Erinnerung hat mich nicht verlassen – seit ich diese Aufnahme das erste mal hörte ist sie meine Favorit !

Kondraschin/Moskauer PH (AULOS, 1975 ADD)
Kondraschin ist wesentlich schneller ohne gehastet zu klingen. Wie Thomas schon schrieb: es ist wirklich alles „Richtig“. Wenn gut hörbaren Trommeln die Invasion einleiten, kommt die gleiche Spannung auf, wie bei Roshdestwensky, aber die Geschwindigkeit des Trommelrhymusses ist so schnell, das nur ein TOP-Schlagzeuger diesen wirklich durchhalten kann. Nach dem AULOS-Remastering ist alles gut durchhörbar, auch die 4Gongschläge. Die Pauken sauber, aber haben nicht den unerbittlichen Wahnsinn einer Rosh.
Die von Thomas gemachten Einwände zum Kondraschin finde ich bei meinen CD´s mit dem AULOS-Remastering nicht bestätigt.
Ich bin zufrieden und für mich ist das eine von Anfang bis Ende eine spannende Aufnahme, die ich mit Barshai nach Rostdestwensky gleichsetzen würde.

Barshai / Kölner RSO (BRILLANT, 1992 DDD)
Die Aufnahme gehört Klanglich zusammen mit der Haitink-Aufnahme zu meinen Besten. Leider klingen die Blechbläser nicht so mannhaft russisch, wie bei Rosh. Aber kurz gesagt zeigt diese Interpretation, welch hervorragende Aufnahmen Barshai vorgelegt hat. Spannung wird von Anfang an aufgebaut, gehalten, alles ist gut durchhörbar, auch die Gongschläge.
Nach Roshdestwensky ist Barshai gemeinsam mit Kondraschin bei mir an zweiter Stelle.
Die Aufnahme ist, genau wie Kondraschin - einfach packend.

Haiting / London SO (Decca 1979 DDD)
Mit der besten zur Verfügung stehenden Klangqualität geht Haitink ans Werk. Diese Aufnahme habe ich nach Swetlanow, als das CD-Zeitalter begann jahrelang gehört und es stellt sich für mich eine gewohnte Aufnahme ein, an der es nichts zu beängeln gibt. Der erste Einsatz der Trommeln ist zwar sehr leise, aber durch die gute Klangtechnik sind diese hörbar. Die Gänsehaut dees Schreckens stellt sich aber erst später ein, wenn es zur Sache geht. Haitink bleibt auf dem Teppich und liefert natürlich nicht den Roshdestwensky-Wahnsinn (so wie ich es mag). Aber trotzdem eine packende Aufnahme mit der alleine man zufrieden sein könnte (so wie ich es jahrelang war).

Maxim Schostakowitsch / Prager SO (Supraphon, 2005 DDD)-LIVE
Wenn nicht DDD draufstehen würde, würde man es nicht für möglich halten – Live muß doch nicht so unzeitgemäß sein. Für die Supraphon-Einzel-CD´s wurden bei einigen Händlern Traumsummen verlangt – für mich nicht nachvollziehbar.
Die Sinfonie beginnt machvoll, aber man meint immer mit einer Bremse versehen. Die folgende friedvolle Stimmung sehr romantisch und schön, sodaß man mit einer großen Kontrastwirkung rechnet, wenn die Invasion beginnt. Leider nicht, denn die Trommeln sind ganz leise im weit entfernten Hintergrund, fast kaum wahrnehmbar. Die danach einsetzende Flöte und das Fagott ist mindesten drei mal so laut aufgenommen wie die Trommeln – die Balance völlig daneben – die Gänsehaut bleibt natürlich aus. Das Tempo ist von Anfang bis Ende schlüssig und „richtig“.
Das Kriegsgeschehen vermag nur wegen der Klangtechnik nicht zu überzeugen, da zu wenig rüberkommt. Das Orchester hat nicht den russischen Ton auf der Supraphon-CD. Ich könnte mir vorstellen, das dieses Konzert LIVE besucht den Hörer wesentlich mehr überzeugt hätte, da die Klangtechnik dann nichts kaputt macht.
Nachmal sei erwähnt: M.Schostakowitsch hätte mit dem Kölner RSO und der gleichen Klangtechnik wie bei Barshai einen Spitzenzyklus hinlegen können.

Swetlanow / Staatliches So Moskau (Eurodisc-LP / 70er AAA)
Da die Platte zur Zeit nicht bei mir sondern bei der Verwandtschaft ist (hatte ich nach dem CD-Kauf (Haitink) verschenkt), konnte ich diesen meinen Schostakowitsch-Einstieg noch nicht anhören.
Die Platte ist jedoch von uns nur 200m entfernt – folgt demnächst noch.
Aber es ist eine Aufnahme, die emotionsmäßig zwischen Rostdestwensky, Kondraschin und Barshai liegt.
op111
Moderator
#39 erstellt: 24. Jan 2007, 18:53
Hallo zusammen,

zuallererst mal vielen Dank an Thomas für seine wie immer ausführlichen Werkvorstellungen!

Die 7. ist das Werk in der Reihe der 15 Sinfonien, das ich am seltensten gehört habe. Vielleicht liegt das mit am plakativen Programm.
Jedenfalls motiviert mich dieser Thread demnächst doch mal wieder einen Versuch zu wagen, wahrscheinlich mit Roshdestwenskijs Aufnahme.
Gruß


[Beitrag von op111 am 24. Jan 2007, 18:54 bearbeitet]
s.bummer
Hat sich gelöscht
#40 erstellt: 24. Jan 2007, 23:35
Wolfgang!
Du hast meiner Frau den gestrigen Abend versaut
Denn ich habe ein paar Deiner Empfehlungen nachgehört. Das ganze Haus hats mitgehört. Die Frau saß genervt derweil aufm Sofa, "muss das sein?"
Doch zum Ergebnis:
Rosh ist ein Bank für sich. Ich stimme Dir da voll zu, einzig die Tonqualität meiner CD-Aufnahme ist etwas spitz in den Höhen.
Dann habe ich mein Tonband angeschmissen und Svetlanov nochmals nachgehört.
Die Tonqualität ist deutlich schlechter, mir kommt Svetlanov schneller und sportlicher vor. Wohltuend bei beiden, dass sie in den weiteren Sätzen die Spannung halten.
Dann habe ich mich an den Plattenschrank gemacht und Toscanini aufgelegt.
Klingt wie durchs Telef(t)on! Schnell und (vielleicht verfälscht die Tontechnik und das Hirn hinterm OHR ergänzt das Fehlende) brutalstmöglicher 1. Satz. Unglaublich.
Ach ja, ich habe noch Janssons. Aber leider verliehen.
Und zu Mrawinski habe ich mich schon geäußert.
Gruß S.
vanrolf
Inventar
#41 erstellt: 23. Okt 2013, 22:17
Lang, lang ist's her, aber ich höre gerade - zum wiederholten Male in dieser Woche - die noch recht neue Aufnahme des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko (Naxos, 2013) und bin so was von ...

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Eigentlich glaubte ich das Kapitel DSCH7 für mich längst als abgeschlossen: Eher plakatives Werk mit maximalem Überhang des ersten, zu Ungunsten der beiden letzten Sätze, und dann dieser Bolero ...
Hier dagegen: Nichts dergleichen! Allein die dunkle Eleganz, mit der Petrenko den ersten Satz in Angriff nimmt, ist für mich den Kauf wert (das meine ich buchstäblich!), und in der Kulmination kann er sich locker mit Jansons messen. Was mich aber wirklich umhaut, sind die Sätze 3 und 4, die hier - ich will jetzt nicht direkt sagen: den Eindruck 'intergraler Bestandteile des Ganzen', jedoch weit weniger als üblich jenen lästiger Anhängsel vermitteln. Und das habe ich bislang bei keiner mir bekannten Aufnahme erlebt! Tolles Finale, übrigens.

Gruß Rolf


[Beitrag von vanrolf am 23. Okt 2013, 22:18 bearbeitet]
op111
Moderator
#42 erstellt: 24. Okt 2013, 09:15
Hallo Rolf,
danke für deinen Beitrag. Die 7. habe ich neulich live gehört. Bisher eher selten gehört, hat das inzwischen doch mein Interesse geweckt.
Die 7. / Petrenko war übrigens am 16.Juni 2013 in "Diskotabel" Anlass und Gegenstand eines 3er Blindvergleichs,
in guter Qualität nachzuhören hier (Niederländisch):
haffmans radio4.nl vergelijking
Aufnahmen:
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra olv Vasily Petrenko
Kirov Orchestra & Rotterdams Philharmonisch Orkest olv Valery Gergiev
Scottish National Orchestra olv Neeme Järvi

FabianJ
Stammgast
#43 erstellt: 24. Okt 2013, 17:39
Zu welchem Ergebnis kamen die Niederländer denn? Ich spreche diese Sprache leider nicht.

Die Onlinerezessionen zu Petrenkos Sinfonie-Zyklus verfolge ich aufmerksam, bin mir aber nicht sicher ob ich neben der Aufnahme aus dem Kondraschin-Zyklus und meiner ersten Leningrader mit den Sankt Petersburger Philharmonikern unter Juri Temirkanow derzeit noch eine weitere Aufnahme benötige. Hat hier jemand zufällig eine dieser Aufnahmen und kann seine Eindrücke im Vergleich zur Petrenko-Aufnahme schildern? Gut, klanglich wird zumindest Kondraschin wohl recht deutlich den Kürzeren ziehen, aber wie schlägt sich die Interpretation?

Was die Petrenko-Aufnahmen betrifft bin ich derzeit vor allem neugierig auf seine 4te und 15te. Rolfs Schilderung zur Leningrader klingt aber auf jeden Fall interessant.

Mit freundlichem Gruß

Fabian


[Beitrag von FabianJ am 24. Okt 2013, 17:40 bearbeitet]
vanrolf
Inventar
#44 erstellt: 24. Okt 2013, 22:41
Hallo Franz,

danke für den Hinweis. Leider lässt sich bei mir der Hörvergleich nicht aktivieren. Ich komme bis 'Beluister de vergelijking' - sprich: 'Vergleich anhören' - aber dann ist Sense. Werde es die Tage noch einmal ausprobieren.

Gruß Rolf
vanrolf
Inventar
#45 erstellt: 24. Okt 2013, 23:07

Was die Petrenko-Aufnahmen betrifft bin ich derzeit vor allem neugierig auf seine 4te und 15te.


Petrenkos 4 habe ich leider selbst noch nicht gehört.

Die 15 dagegen hält aus meiner Sicht das hohe Niveau, das auch seine 8 und 6 auszeichnet, allerdings scheint mir die Aufnahme hier ein wenig niedriger ausgesteuert zu sein: Die voll orchestrierte Forte im letzten Satz wirkt leicht gedämpft. Ansonsten aber eine sehr transparente Aufnahme mit schönen Holzbläsern, einer präsenten Solovioline und wunderschönen Pauken (erster Satz). Zugegeben, die 15 höre ich nicht so häufig, und ich meine mich zu erinnern, dass mich Kurt Sanderlings Aufnahme mit dem Berliner Symphonieorchester hier auch noch einen Zacken mehr beeindruckt hat.

Meiner Ansicht nach sollte man als Schostakowitsch-Hörer jedoch Petrenkos 6 und 8 unbedingt gehört haben.

Gruß Rolf


[Beitrag von vanrolf am 24. Okt 2013, 23:09 bearbeitet]
op111
Moderator
#46 erstellt: 25. Okt 2013, 00:20
Hallo Rolf,
ich vermute, man braucht zum Anhören das Silverlight Plugin.
Mit dem und Firefox V24 läufts bei mir.
Gruß
Franz
FabianJ
Stammgast
#47 erstellt: 25. Okt 2013, 09:32
Ohne Silverlight je installiert zu haben funktioniert es bei mir (Browser: Google Chrome). Vorher musste ich meinen Browser allerdings dazu bringen die Cookies von der Seite zu akzeptieren.
vanrolf
Inventar
#48 erstellt: 25. Okt 2013, 21:21
@FabianJ:

Und lässt sich über den Ausgang des Hörvergleichs auf die Schnelle was sagen?
op111
Moderator
#49 erstellt: 26. Okt 2013, 00:16
Hallo zuammen,
ganz kurz:
nach dem 2. Hörbeispiel hat sich die Jury ( Anthony Fiumara [Komponist, & Musikologe], Jurjen Hempel [Dirigent] ) entschieden, nur noch mit Valery Gergiew und Neeme Järvi weiterzumachen, da die Aufnahme von Petrenko nicht mithalten kann.

Zu diesem Schluss kam man, da Petrenkos Aufnahme u.a. folgende Merkmale aufwies
spannungsarm, kontrastarm,
unausgewogener Orchesterklang: im ersten Satz dominieren anfangs die Streicher,
Holzbläser kaum hörbar
extrem entfernter Klang, sehr hallig

Für Järvi und Gergiew endete es mit leichten Vorteilen für Järvi. dessen Aufnahme zusätzlich noch den durchsichtigsten Klang aufwies, wovon man sich dank der Hörbeispiele selbst überzeugen kann.

Die Bekanntgabe der Identitäten am Schluss überraschte die Jury, da Petrenko mit der Sinfonie im Konzert einen sehr guten Eindruck hinterlassen hatte.

Die Kandidaten:

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra
Vasily Petrenko
Recorded at Liverpool Philharmonic Hall 1.-3.06.2012
Toning: Mike Clements (Alias: Mr. Bear)
Naxos 8.573057
jpc.de

Mariinsky Orchestra + Rotterdam Philharmonic Orchestra,
Valery Gergiev
Decca 2001 live
jpc.de

Scottish National Orchestra
Neeme Järvi
Engineer [Sound] – Ralph Couzens
Chandos CHAN 8623
jpc.de



[Beitrag von op111 am 26. Okt 2013, 00:25 bearbeitet]
vanrolf
Inventar
#50 erstellt: 26. Okt 2013, 13:44
Hallo Franz,

Danke für die Zusammenfassung. Ein interessantes Ergebnis, wenn ich auch das mit dem 'extrem entfernten, sehr halligen Klang' nicht nachvollziehen kann.


[Beitrag von vanrolf am 27. Okt 2013, 11:26 bearbeitet]
op111
Moderator
#51 erstellt: 26. Okt 2013, 23:07
Hallo Rolf,
ich habe beim Abhören der Aufnahmen im direkten Vergleich das gleiche Empfinden wie die Radio4-Diskotabel-Jury, die Petrenko/Naxos klingt am weitesten entfernt, bei Gergiev/Philips ist man schon deutlich näher am Orchester, bei Järvi/Chandos dann in der ersten Reihe.
Bei Naxos wird die anfängliche Vernachlässigung der Holzbläser später zum Glück korrigiert.

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