Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 5

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Thomas228
Stammgast
#1 erstellt: 01. Okt 2006, 08:04
1. Geschichtlicher, biographischer Hintergrund

Mit dem ersten Scherbengericht Anfang 1936 begann für Schostakowitsch das Leben als Ausgestoßener. Freunde, Bekannte, Kollegen wandten sich ab. Seine Musik wurde kaum noch gespielt. Kompositionsaufträge gab es nicht mehr. Schostakowitsch, mittlerweile verheiratet – die Hochzeit klappte erst beim zweiten Versuch, zum ersten war der Bräutigam nicht erschienen – und Vater der am 30. Mai 1936 geborenen Tochter Galina stand vor dem Problem, Geld verdienen zu müssen.

Zum Glück für Schostakowitsch wurden seine Fähigkeiten als Filmkomponist weiterhin geschätzt, war Stalin, der Komponisten nach Veronica Beci (in "Musiker und Mächtige") als Ingenieure der Seele ansah und den Film als wichtiges Propagandamittel schätzte, an diesen Künsten Schostakowitschs weiterhin interessiert. So kam es dazu, dass Schostakowitsch, obwohl offiziell verfemt, die Musik zu zwei offiziellen Filmen schreiben durfte.

Trotzdem, die Lage war trostlos. So war es für Schostakowitsch ein großes Glück, dass ihm im Frühjahr 1937 auf Vermittlung seines alten Lehrers Steinberg eine Stelle als Pädagoge am Leningrader Konservatorium angeboten wurde. Nur allzu gern nahm Schostakowitsch an.

Mitte April 1937 begann Schostakowitsch auf der Krim die fünfte Sinfonie. Als er Anfang Juni nach Leningrad zurückkehrte, hatte er die ersten drei Sätze fertig gestellt. Wegen der dortigen Ereignisse, allzu schnell holte Schostakowitsch die politische Wirklichkeit ein, kam es im Kompositionsvorgang zu einer Pause.

Unabhängig von Schostakowitschs Komponistendasein war der Großvater väterlicherseits in ein Lager verschleppt, der Ehemann seiner Schwestern verhaftet, die Schwester ausgewiesen worden – sie überlebte wohl nur deshalb, weil sie sich von ihrem Ehemann lossagte. Kein Wunder, dass Schostakowitsch von nun an in ständiger Angst lebte, bald ebenfalls verhaftet zu werden. In der zweiten Juniwoche teilte die Presse zudem mit, dass diverse Generäle, darunter Marchall Tuchatschewski, einer der besten Freunde von Schostakowitsch, wegen Verrat und Spionage zum Tode verurteilt hat (zur richtigen Einordnung: der Säuberung der Roten Armee fielen binnen zwei Jahren zum Opfer: 3 von 5 Marschällen, 13 von 15 Armeegenerälen, 8 von 9 Admirälen, 50 von 57 Kommandierenden Generälen, 154 von 186 Divisionsgenerälen; zwischen Mai 1937 und September 1938 wurden über 35.000 Offiziere verhaftet). Auch im Umfeld dieser Offiziere, gab es Verhaftungen, Verurteilungen. Hinrichtung. Folglich geriet auch Schostakowitsch in konkrete, extreme Gefahr. Tatsächlich erhielt er eine Vorladung zum NKWD. Das Verhör dauerte Stunden. Die bereits angesetzte Fortsetzung des Verhörs fand nur deshalb nicht statt, weil der verhörende Offizier seinerseits zuvor erschossen wurde.

Schostakowitschs Psyche war infolge der Ereignisse derart angeschlagen, dass er, da er wusste, dass das NKWD seine Opfer stets nachts abholte, von da an nur noch in voller Kleidung zu Bett ging, mit einem gepackten Koffer unter dem Bett, aber nicht schlafen konnte, weil er ständig lauschte, ob sie kommen, ihn zu holen. Zunehmend suchte er von nun an auch Vergessen im Alkohol.

Anfang Juli dann, nach diesem grauenvollen Monat, nahm Schostakowitsch die Arbeit an der vierten Sinfonie wieder auf und schrieb den vierten Satz. Mitte Juli war die Sinfonie fertig.

Die Uraufführung im November, die zunächst von einem Komitee genehmigt werden musste, wurde zum überwältigenden Erfolg. Vierzig Minuten dauerte der Applaus. Die Machthaber meinten Anfangs, der Erfolg liege nur daran, dass Freunde von Schostakowitsch sich als Claqueure betätigt hätten. Bald aber, insbesondere nach der Erstaufführung in Moskau, die ähnlich erfolgreich war, zeigte sich, dass es die Sinfonie selbst war, die die Leute begeisterte. Nachdem es keine negativen Verlautbarungen seitens des Staates gab, wurde die Sinfonie zudem in aller Öffentlichkeit, von der Kritik, von Komponisten, vom Publikum, positiv besprochen. Schostakowitsch war rehabilitiert, so schien es. Es war aber, wie jeder wusste, eine Rehabilitation auf Bewährung.


2. Werkbeschreibung:

Sofia Gubaidulina sagte in einem aktuellen Interview (FonoForum 10/06), die Art und Weise des Denkens von Schostakowitsch sei tragisch bestimmt: „Wie tief er die existentielle Tragik der Menschen in der Welt erfühlte und in seinen Werken zum Ausdruck brachte, gehört zu seinen bewunderungswürdigsten Fähigkeiten.“

Bezogen auf die fünfte Sinfonie ist an diesem Zitat falsch, dass es Schostakowitsch nicht um das Erfühlen der existentiellen Tragik der Menschen in der Welt geht, sondern um sein ganz persönliches Schicksal. Galina Wischnewskaja, als Ehefrau von Rostropowitsch mit Schostakowitsch sehr gut bekannt, berichtet in ihren Erinnerungen, Schostakowitsch habe ihr gesagt, die fünfte Sinfonie sei autobiographisch. Ansonsten ist das Zitat aber sehr treffend. In der Tat, das Werk Schostakowitschs wird ab der fünften Sinfonie tragisch. Da die Tragik aber ihre Ursache in dem herrschenden Regime hatte, durfte Schostakowitsch diese Tragik nicht allzu lauthals verkünden. Es begann eine Gratwanderung. Mit den Worten immer dem Staate treu, wurde Schostakowitsch von nun an in seinen Werken zur Stimme der Opfer.

Wie er zu komponieren hatte, war Schostakowitsch in dem Artikel „Chaos statt Musik“ befohlen worden: Einfach, verständlich, den Maßgaben des sozialen Realismus folgend. Der Mittel, derer Schostakowitsch sich bislang bedient hatte – Mittel des Futurismus, Schrägheit, Wildheit –, durfte er sich fortan bei Gefahr des Todes nicht mehr bedienen. Was er sagen wollte, musste er fortan unter der Oberfläche sagen.

Die fünfte Sinfonie ist das erste Werk von Schostakowitsch, in dem diese Doppelbödigkeit auftritt. Äußerlich betrachtet, handelt es sich um eine klassische viersätzige Sinfonie mit einem strahlenden per aspera ad astra-Ende. Inhaltlich betrachtet, handelt es sich jedoch um knallharte Kritik am Regime.

Die von Schostakowitsch unwidersprochen gebliebene Kennzeichnung der fünften Sinfonie als „Antwort eines Künstlers auf gerechtfertigte Kritik“ wirkt wie blanker Hohn.

Der erste Satz, rund 13 bis 18 Minuten lang, ist dreiteilig: Moderato, Allegro non troppo, Moderato. Sonatenhauptsatztechnisch entsprechen diesen Teilen die Exposition, die Durchführung und die Reprise.

Der Satz beginnt mit einem eindrücklichen erst aufsteigenden, dann fallenden Zweitonmotiv, das nach einer Wiederholung erstirbt. Eine Geste des Trotzes, des Aufbegehrens, wird oft gesagt. Mag sein. Nur, warum erstirbt der Trotz sogleich? Maxim Schostakowitsch ist denn auch zurückhaltender: Er meint, der Beginn besage: „Hört mir zu! Jetzt rede ich!“ Eine Sichtweise, für die einiges spricht. Hatte Schostakowitsch sich bislang doch nicht öffentlich zur staatlichen Kritik ("Chaos statt Musik") geäußert, sondern beharrlich geschwiegen. Die fünfte Sinfonie war seine erste Stellungnahme, seine Antwort auf die Kritik. Richtig ist allerdings, dass dem Anfangsmotiv etwas Bedrohliches innewohnt, dass es unheilvoll wirkt.

Die Musik, die folgt – das Moderato –, ist lyrisch, melancholisch, auch traurig, nur vereinzelt aufbegehrend, unterschwellig aber stets bedrohlich. Themen treten Themen auf, werden übernommen, verarbeitet. Die Musik nimmt ihren Lauf. Und früher oder später fragt sich der Hörer, der Schostakowitsch von seinen bisherigen Sinfonien her kennt: Ist das hier noch Schostakowitsch? Schostakowitsch war bisher berühmt, wenn nicht berüchtigt für sein Getöse, für seine Wildheit, seinen intensiven Einsatz des Schlagwerks, des Blechs. Und nun schreibt er, wenn auch das Bedrohliche, das Unheilvolle unterschwellig vorhanden ist, lyrische Musik! Haben die Offiziellen, hat der Staat also gewonnen? Handelt es sich um Schostakowitschs Antwort auf gerechtfertigte Kritik? Hat Schostakowitsch sich gebeugt? Bis hierhin konnten die Machthaber das noch annehmen.

Die Antwort aber, gegeben vom Allegro non troppo, ist eindeutig: Nein, hat er nicht! Mit Beginn des Allegros, der Durchführung, ist der alte Schostakowitsch wieder da. Das Allegro beginnt, auf das auch jeder versteht, worum es geht, schostakowitschtypisch wie es schostakowitschtypischer gar nicht mehr geht: Im tiefen Register hämmert das Klavier 3-Noten-Figuren! Und sogleich, als wäre das zur Kennzeichnung des schostakowitschen Tonfalls noch nicht genug, folgt das tiefe Blech! Endlich, möchte ich sagen, hat Schostakowitsch seine Sprache wieder. Dieses „Endlich“ ist allerdings nur zu beziehen auf die musiksprachlichen Mittel. Inhaltlich betrachtet, wäre es schöner, das Blech wäre ausgeblieben. Denn mit dem Blech tritt das Böse auf. Hier, an dieser Stelle halten die Machthaber noch Reden, bald aber, im Fortgang der Sinfonie, werden aus Worten Taten.

Das Geschehen wird lauter, hektischer, schneller, brutaler. Plötzlich ein Galopp. Die Flöten, bislang lyrisch, spielen nun schneidend. Dann ertönt Humtata-Musik. Humtata-Musik? Stopp!!! Wir befinden uns hier nicht auf der Kirmes. Humtata-Musik würde bei Mahler ertönen, als Eindringen des Anderen in die Sphäre der Hochkultur. Hier aber geht es nicht um solches. Hier geht es um die Bedrohung des Individuums durch den stalinistischen Terror. Humtata assoziiert der unbefangene, um nicht zu sagen unbedarfte Hörer nur deshalb, weil die Musik unerwartet primitiv ist. Aber unter Beachtung des Rhythmus sollte klar werden: Dargestellt wird das Marschieren von Polizei-, Militärstiefeln, die alles unter sich kaputt treten. Primitiv ist die Musik nur, weil die Träger der Stiefel es sind, weil die Mächtigen des stalinistischen Terrorstaates es sind.

Hier, bei diesem alles nieder trampelnden Marsch tritt – musiksprachlich gesehen endlich – auch das Schlagwerk in Erscheinung. Das Xylophon marschiert laut, hart und roh mit, erhöht den Schrecken. Die unterschwellige Bedrohlichkeit des Anfangsmoderatos ist demaskiert. Der Staat, Stalin ist der Feind!

Nach dem Xylophon, an der Stelle, an der der Marsch aufhört, ertönen gepeinigt und angstvoll die Violinen. Sie spielen eine Variation des Anfangsmotivs. Ich erinnere daran, wofür es steht: für die Person Schostakowitschs, für die Opfer des stalinistischen Terrors ("Hier bin ich! Hört mir zu!"), meinetwegen aber auch für den Trotz, das Aufbegehren. Das tiefe Blech, der Staat ist stärker. Es übertönt das Leid der Geigen, erdrückt es. Maxim Schostakowitsch spricht von den negativen Kräften, die, bis hier immer stärker geworden, den Helden nun auseinander reißen. Ein gewaltiger Schlag des großen Beckens symbolisiert das Ende. Der Mensch ist kaputt.

Nach einer Überleitung schließt sich das Abschluss-Moderato an. Zu hören ist ein Requiem für den gebrochenen Helden. Am Ende des Satzes spielt die Celesta pianissimo drei steigende Skalen. Die Assoziation an das Ende der vierten Sinfonie drängt sich auf (zur Bedeutung siehe dort).

Nach all dem stellt sich die Frage, ob mit all den Stiefeln, dem Schrecken, dem Leid zu viel in diesen ersten Satz hineininterpretiert worden ist. Nein, ist es nicht! Man mag über Einzelheiten streiten, nicht aber über die Gesamtaussage. Kurt Sanderling, der die Uraufführung als junger Mann miterlebt hat, berichtet, dass alle Anwesenden das Gemeinte sofort verstanden. Der erste Satz sei als ungeheure Provokoation aufgefasst worden. Die Anwesenden hätten Angst gehabt, verhaftet zu werden, allein, weil sie diesen Satz gehört hatten.

Der zweite Satz, rund fünf Minuten lang, ein Allegretto, wird teilweise als Ländler nach Mahlerart verstanden. Meiner Meinung nach ist das falsch. Abermals gibt Sanderling verlässlich Auskunft: Es habe in der Sowjetunion regelmäßig bei den Treffen der Mächtigen ein Musikprogramm stattgefunden, das stets gleich abgelaufen sei: Kosakentanz, Volksensemble, Rede eines kleinen Mädchens. In dem zweiten Satz, so Sanderling, wird genau dieses Programm persifliert: Zunächst treten die grobschlächtigen Kosaken auf, schließlich auch das kleine Mädchen, gespielt von der Solovioline. Es ist ein schönes Beispiel für Schotakowitschs Humor, dass das Mädchen sich in seiner Rede verhaspelt. Man hört das Stocken und neu ansetzen genau. Nicht Länderstimmung also ist, sondern scharfer Humor und Sarkasmus sind gefragt.

Der dritte Satz, rund 15 Minuten lang, ist ein Largo. Das schreibt sich so leicht. Was aber Schostakowitsch in diesem Satz für eine emotionale Tiefe erreicht, wie wehmutvoll das ist, ist herzzerreißend. Hier, nicht im zweiten Satz, findet sich meiner Meinung nach die größte Nähe zu Mahler – von der Stimmung her muss ich immer an das Adagietto aus Mahlers Fünfter denken – ein Vergleich, der eigentlich nicht passt. Aber dieses Stück kann, wenn gut gespielt, ebenso zu Herzen gehen.

Der vierte Satz, Allegro non troppo, dauert rund 10 Minuten. Er bringt von Beginn an eine ganz andere Stimmung mit sich, wirkt wie ein Fremdkörper. Laut, triumphal poltert der Satz vor sich hin. Der Hörer wundert sich über die erklingende, unpassende Freude. Am Ende dann, die Absonderlichkeit des Satzes ins Höchstmaß steigernd, ertönt in strahlendem D-Dur der sieghafte Schluss.

Den Herrschenden genügte dieser gute Ausgang, um die Sinfonie zu akzeptieren. Was wirklich gemeint ist, steht in den Memoiren, herausgegeben von Volkov:

„Eines schönen Tages merkte ich zu meiner Verblüffung, dass ein Künstler, der sich für den besten Interpreten meiner Musik hält, sie nicht versteht [gemeint ist Mrawinski]. Er meinte, in der Fünften und in der Siebten hätte ich ein jubelndes Finale schreiben wollen, aber es sei mir nicht gelungen. Es wollte dem Mann einfach nicht in den Kopf, dass ich mit jubelnden Finales überhaupt nichts im Sinn hatte. Es gab doch nichts zum Jubeln. Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedermann klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen wie in Boris Godunow. SO, als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr, jubeln sollt ihr. Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir.“

3. Interpretationen auf CDs:

Keine der Sinfonien von Schostakowitsch dürfte so oft aufgenommen worden sein wie die Fünfte. Eine Übersicht der vorhandenen Aufnahmen findet sich hier:
http://develp.envi.o...dsch/work/sym5e.html

Ich besitze folgende CDs:

Ahronovich, Stockholm Philharmonia Orchstra, BIS, aufgenommen 1986
Barshai, WDR-Sinfonieorchester, Brilliant-Gesamtaufnahme, aufgenommen 1996
Bernstein, New York Philharmonic, Sony, aufgenommen 1959
Haitink, Concertgebouw Orchestra, aufgenommen 1981
Kondrashin, Moscow Philharmonic-Orchestra, Melodiya-Gesamtaufnahme, aufgenommen 1964

Keine von diesen Aufnahmen überzeugt mich ganz. Meine Fünfte habe ich noch nicht gefunden. Das mag daran liegen, dass die Fünfte vergleichsweise schwer zu dirigieren ist, weil so viele verschiedene Tonfälle getroffen werden müssen: Im ersten Satz muss das Anfangsmoderato lyrisch, aber unterschwellig unheilvoll sein. Das Allegro muss bei anhaltender Spannung gesteigert werden, bis die Musik am Ende im Höchstmaß bedrohlich und schreckensvoll ist. Die Überleitung von Allegro zu Moderato darf nicht plump sein. Das Moderato sollte Requiemcharakter tragen. Der zweite Satz muss sarkastisch und scharf humorvoll klingen, der dritte herzzerreißend, der vierte, gerade am ende, hohl pathetisch.

Bitte, all dies ist nur meine Meinung. Es steht jedem frei, das anders zu sehen. Das aber ist die Vorgabe, an der ich die Aufnahmen messe. Für mich hat zudem das Allegro des ersten Satzes die größte Bedeutung.

Die Aufnahme von Ahronovich – ein Dirigent, den ich ansonsten nicht kenne –, gefällt mir sehr gut. Die Aufnahmequalität ist hervorragend, die Musik hat Intensität und Spannung. Was der Aufnahme fehlt, jeweils aber nur ein bisschen, ist im Allegro des ersten Satzes ein wenig Gemeinheit, die Musik klingt nicht dreckig genug, und am Anfang des zweiten Satz ein wenig Derbheit. Die Vordergründigkeit des Endes des vierten Satzes könnte auch noch besser herausgearbeitet werden. Insgesamt gesehen aber, handelt es sich um die Aufnahme, die mir von meinen am besten gefällt.

Barshai, dessen Zyklus insgesamt gesehen, herausragend gut gelungen ist, enttäuscht mich bei der Fünften sehr. Die Aufnahmequalität ist wie gewohnt. Aber es gelingt dem Dirigenten einfach nicht, die Spannung zu halten. Das Allegro im ersten Satz ist hinsichtlich der allmählichen Steigerung vollkommen misslungen.

Bernsteins Aufnahme von 1959, er hat das Stück Jahrzehnte später erneut aufgenommen, leidet unter mehreren Punkten: Das Hauptmanko ist, dass Bernstein das Stück nicht versteht. Er konnte es vielleicht auch nicht verstehen. Die Verhältnisse unter Stalin waren noch nicht bekannt. Die Memoiren von Volkov noch nicht herausgegeben. Bernstein spielt das Stück, als wäre es eine Sinfonie von Mahler. Das Allegro im ersten Satz wird hervorragend aufgebaut. Bernstein gelingt ein hoch emotionaler Höhepunkt. Aber ihm fehlt völlig das, worum es eigentlich geht: Der Schrecken und die Angst. Der zweite Satz wird als Ländler gespielt. Das Ende des vierten Satzes wird missverstanden. Zudem ist der Klang des Orchesters sehr unrussisch. Die Klangqualität der Aufnahme ist für das Alter erstaunlich gut. Für den Hörer, den Schostakotwitsch nicht weiter interessiert, der aber Mahler gerne hört, mag das die ideale Aufnahme sein.

Haitinks Aufnahme ist großartig. Nur ist er im ersten Satz sehr langsam. Obgleich es ihm gelingt, die Spannung zu halten, ist er mir zu langsam. Die Bedrohlichkeit gerät bei dieser Interpretation unter die Räder. Gleichwohl, damit Haitink nicht ungerechtfertigterweise zu schlecht wegkommt: Zwar ein wenig sachlich, aber großartig. Haitink höre ich, wenn ich auf Ahronovich keine Lust habe.

Kondrashin hingegen ist mir zu schnell. Er hetzt geradezu durch den ersten Satz. Es gibt ja diese Thriller, in denen sich ganz, ganz langsam eine Tür öffnet. Sie knarrt, man sieht zu und hat Angst. Hiervon, von dem Spannungsaufbau durch ein retardierendes Moment, weiß diese Aufnahme Kondrashins nichts. Schade. Da auch die Klangqualität weniger gut ist als die der anderen Aufnahmen bleibt Kondrashin bei mir im Schrank.

Und nun genug geschrieben. Jetzt interessieren mich eure Eindrücke, eure Aufnahmen. Besitzt jemand die Aufnahme Gergievs?

Thomas


[Beitrag von Thomas228 am 01. Okt 2006, 08:06 bearbeitet]
Werdan
Ist häufiger hier
#2 erstellt: 01. Okt 2006, 09:18
Ich bin nach wie vor von der 5. Haitinks begeistert,
einer der ersten westeuropäischen Dirigenten,
der diese Musik zu dirigieren versteht – unterstützt von einer traumhaften Aufnahmetechnik.

Gruss W.
AladdinWunderlampe
Stammgast
#3 erstellt: 02. Okt 2006, 00:06
Vielen Dank, Thomas, für Deine ausführliche, detailreiche und gehaltvolle Darstellung von Schostakowitschs fünfter Symphonie.

So sehr ich Dir in Vielem zustimme, so sehr denke ich zugleich, dass Einiges an Deiner Interpretation zu diskutieren ist, weil es - im besten Sinne - fragwürdig ist: fragwürdig, weil es uns zwingt, die Musik, aber zugleich auch unser Auffassen dieser Musik zu hinterfragen.

Du näherst Dich dem Stück, indem Du es als eine Art tönende Biographie auffasst, die Du versuchst nachzuerzählen. Das ist auf dem bekannten geschichtlichen Entstehungshintergrund verständlich; es birgt aber zugleich die Gefahr, dass hier die Musik zur klanglichen Illustration von Schostakowitschs persönlichen Schicksal zurechtgebogen wird, statt sie zum Ausgangs- und Zielpunkt der Interpretation zu machen. Jedenfalls gibt es in dem Stück zahlreiche Details, die meines Erachtens eine so eindeutige Dechiffrierung, wie Du sie vornimmst, erschweren. Ich möchte das anhand einiger Gedanken zum ersten Satz erläutern:

Der Lyrismus der Exposition beruht auf der Klage über ein gebrochenes Aufbegehren: Das Anfangsmotiv mit der aufsteigenden kleinen Sexte im punktierten Rhythmus knüpft an einen jahrhundertealten musikalischen Gestus an: die aufsteigende kleine Sext - als Klageintervall vom Barock bis zum Wagnerschen "Tristan" eine gängige musiksprachliche Vokabel - wird hier Verbindung mit einem pathetischen, ebenfalls seit dem Barock bekannten punktierten Ouvertürenryhthmus zu einer rhetorischen Geste verknüpft, deren auffahrender Impuls in der Tat rasch verebbt; er bebt aber in den Begleitstimmen weiter, zu der die Violinen ihre klagende Abwärtslinie singen. Diese benutzt nicht die Töne von Moll, sondern der phrygischen Tonleiter, die ebenfalls ein altbekannter Klagetopos ist.
Nun erspürst Du in dieser Musik neben Trauer und Melancholie auch einen bedrohlichen Unterton. Möglicherweise rührt er von dem einer dreifachen Tonwiederholung im Anapästryhthmus (.._) her, die zuerst am Ende des herrischen Kopfthemas auftaucht, später auch in der Begleitung der klagende absteigenden Violinlinie erklingt, dann in weicherer Form auch in die Melodik des Klagegesangs selbst eindringt und schließlich zum sanft, aber unruhig pochenden, durchlaufenden Begleitrhythmus des zweiten Streicherthemas wird, dessen Melodik übrigens wie eine rhythmische und melodische Spreizung der aufbegehrenden Anfangsgeste wirkt.

So weit, so gut.

Der Wendepunkt des Satzes kommt in Deiner Interpretation mit dem aggressiven dreitönigen Klaviermotiv zu Beginn der Durchführung, die Dir zufolge das Aufbegehren des unschuldigen Individuums Schostakowitsch darstellt, das dann aber durch "das Böse", die Machthaber, die in Form der Blechbläser auftrumpfen, zerquetscht wird. Das Problem und das zutiefst Verstörende dieser Musik ist nur, dass diese vermeintlichen Antagonisten musikalisch auf das Engste zusammenhängen: Einerseits ist das Klaviermotiv ja eine Fortspinnung der Streicherlinie aus dem lyrischen Abgesang der Exposition und beruht außerdem rhythmisch auf dem pochenden Anapäst; und andererseits ist das bedrohliche Bläserthema ja nichts anderes als der Klagegesang der Violinen aus dem ersten Thema. Auch die grotesk verzerrte, brutale Marschmusik, in der die kleine Trommel und das Xylophon übrigens unablässig den Anapäst-Rhythmus hämmern, beruht auf dem ausdrucksmäßig in sein Gegenteil verkehrten Klagegesang. (Das Motiv zieht sich übrigens weiter durch die gesamte Symphonie und hilft, die schneidenden Tonwiederholungen des hohen A in der aufgedonnerten Schluss-Apothese vorzubereiten.)

Gänzlich verwickelt ist der Übergang zur Reprise: Hier ertönt nämlich die Trotzgeste des Anfangs in vielfacher Schichtung: im Kanon und beschleunigt in den Streichern (von Dir mit dem Individuum Schostakowitsch indentifiziert), und verlangsamt im Kanon in den Blechbläsern in der vergrößerten Fassung des Streicherthemas (von Dir als zermalmende Staatsmacht aufgefasst). Der vermeintliche Gegensatz beruht also auf ein- und demselben Material.

Unverkennbar wird in der Durchführung das Material der Exposition verzerrt, entstellt, ins Brutale, Rohe gewendet. Aber ist es möglich, einzelne Themen mit bestimmten Protagonisten zu verbinden? Kommt "das Böse" hier wirklich von außen her ins Spiel? Oder liegt nicht der tiefe Ernst und die beängstigende Wahrheit dieser Musik darin, dass es ein- und dieselbe musikalische Substanz ist, die hier zum Ausdruck anrührend subjektiver Klage und hemmungsloser Brutalität wird? (Und wohlgemerkt: Es ist unüberhörbar ein- und dieselbe Substanz; die Zusammenhänge bestehen nicht nur - wie in beispielsweise in der Zwölftontechnik - unter der Oberfläche.) Liegt er nicht darin, dass das Individuum in eine häßliche Fratze seiner selbst gewendet werden kann und sich möglicherweise sogar selbst in eine solche wendet? (Wer könnte sicher entscheiden, ob der lyrischen Dreitonfloskel die Umdeutung in die hämmernde Klavierfigur "von außen" angetan wird oder ob sie sich dazu "von sich aus" entschließt?) Liegt er nicht darin, dass sich der in Revolution und Befreiungskampf gegen die Ungerechtigkeit Aufbegehrende auf schreckliche Weise in den wandeln kann, der selbst Terror und Zerstörung verbeitet?
Und könnte es nicht sein, dass Sofia Gubaidulina daher mit ihrem Gedanken gar nicht so falsch liegt, es gehe hier nicht um das ins Riesenhafte aufgeblähte Privatschicksal einer einzelnen Person, sondern um das Exemplarische daran: um Konflikte von wahrhaft existentieller Dimension, denen der Mensch in der politischen und sozialen Wirklichkeit der Moderne nur allzu oft ausgesetzt war?

Wohlgemerkt: Ich möchte keine "andere" Geschichte des ersten Satzes erzählen. Denn ich glaube, dass keine Geschichte der Komplexität dieser Musik wirklich gerecht werden kann. Aber viele Dinge sprechen schon im ersten Satz gegen eine all zu einfache Auffassung: Da ist zum Beispiel auch der merkwürdige Sachverhalt, dass nach dem Zusammenbruch am Durchführungsende das Klagethema zwar im bedrohlichen Tutti des gesamten Orchesters unisono erklingt, aber ausgerechnet danach das zweite Thema (das wie gesagt eine vergrößerte Variante des Klagegesangs aus dem ersten Themenkomplex darstellt) in einer langen Episode nach Dur aufgelichtet wird. (Hier wird also die übliche Tonartendramaturgie der Sonatensatzform ins Gegenteil verkehrt.) Gerade da, wo Deiner Meinung nach das zerstörte Individuum in Trümmern liegen müsste, erklingt statt der aus der Exposition bekannten schattenhaften Streicherfassung dieses Themas ein tröstlich zarter Dialog zwischen Flöte und Horn. Und in der Coda, die Du als Requiem deutest, spielt wiederum die Flöte eine Umkehrung des Klagethemas wie eine sinnend offene Frage, die dann von der Solo-Violine fortgeführt wird - und es ist genau diese Umkehrungsfassung des Themas, die Schostakowitsch später an einer markanten Stelle im dritten Satz wieder zitiert. Keineswegs ist daher der Lyrismus, den die Symphonie gerade in weiten Teilen der Reprise und der Coda, aber auch in der Exposition besitzt, Ausdruck einer Konzession an die Machthaber, die Schostakowitsch nur durch die Aggressivität der nachfolgenden Durchführung unterwandert: Dass in diesen berührenden Partien Solo-Instrumente - Horn, Flöte, Solo-Violine - dominieren, zeigt meines Erachtens vielmehr, dass für Schostakowitsch der Ausdruck gebärdenloser Klage und zögernden, tastenden Fragens kein Rückzug in private Innerlichkeit, sondern der letzte Rest von Subjektivität gegenüber der großsprecherischen Selbstsicherheit und "Positivität" staatlicher Instanzen gewesen ist.

All dies lässt sich freilich nicht in eine stimmige Handlung im hollywoodartigen schwarz-weiß bringen, in der ein "Held" erfolglos gegen die "Bösen" kämpft, um dann zerstört zu Grabe getragen zu werden. Adorno hat einmal bemerkt, dass in der Musik die Bedeutungen, die Intentionen nur intermittierend "aufblitzen". Zweifellos spricht Schostakowitschs Musik in diesem Sinne zu uns. Aber eine Geschichte erzählt sie nicht. Vielleicht sollten wir daher lieber Fragen stellen als Antworten geben.



Herzliche Grüße
Aladdin


[Beitrag von AladdinWunderlampe am 02. Okt 2006, 13:37 bearbeitet]
teleton
Inventar
#4 erstellt: 02. Okt 2006, 12:41
Hallo Thomas,hallo Aladdin,

wiedermal herzlichen Dank für Deinen Schostakowitsch-Beitrag und auch an Aladdin als Gegenpol.

Schostakowitsch´s Sinfonie Nr.5 hat mich von Anfang an immer sehr interessiert. Schon in den 70er-Jahren bin ich von meinem damaligen (heute undenkbaren) Grundsatz abgewichen möglichst wenig doppelt zu haben und habe nach Kondraschin / Moskauer PH (Eurodisc-LP) mir als Vergleich Ormandy / Philadelphia Orchestra (CBS-LP) gekauft, die mir auch sehr gut gefiel.

Von den Hintergründen und Schostakowitsch´s stalinistische Unterdrückung war mir damals nichts bekannt.
Aber das muß auch nicht sein um an diesem Meisterwerk höchste Begeisterung zu verspüren.
Jedoch habe ich gleich gemerkt, das ich bei den russischen Orchestern und Dirigenten bei Schostakowitsch immer an der richtigen Adresse war. Wieder finde ich die Kondraschn-Aufnahme zumindest auf LP gut und hatte sowohl klanglich als auch interpretatorisch niemals einen schlechten Eindruck von der Aufnahme - quasi als Referenz zu anderen Aufnahmen.

Meine erste Aufnahme auf CD war mit Bernstein / New Yorker PH (CBS-CD- Aufnahme 1974 TOKYO LIVE). Was ich hier zu hören bekam hatte mir die Kritik schon vorweggenommen - eine höchst dramatische sich absolut entladende Interpretation.
Ich gehe da nicht mit Dir konform, wenn Du Bernstein das Verständnis absprichst- er ist sehr wohl in der Lage dieses Werk zu interpretieren. Es ist eben Bernstein´s Interpretatin: Die Angst der Schrecken, der russische Orchesterklang sind natürlich nicht so vorhanden, wie man es von Roshdestwensky und Kondraschin kennt. Aber ist das tatsächlich für das Ergebnis so entscheidend ? Bernstein erreicht auch in seiner 1959er-CBS-Aufnahme die ich seit 2Wochen ebenfalls habe (SONY-CD) eine umwerfende Dramaturgie und Gestaltung des Werkes. Das er dann im letzten Satz bernsteintypisch auftrumpft und den 4.Satz bis "zum Abwinken" überläd (in Tokyo 1974 noch mehr) macht die Sache für mich kein bischen unsymphatisch, sondern ich ergebe mich beim Hören voll dem Klangrausch, den Bernstein PUR liefert.

Ich kann es wiedermal nicht anders schreiben:
Roshdestwenky / Moskauer PH auf Eurodisc-CD
ist wieder meine Favoritenaufnahme, da hier wirklich alles vorhanden ist, was man sich wünscht: eine russische Interpretation mit der richtigen Sicht auf das Werk mit scharfem Humor und Sarkasmus im zweiten Satz und auf den vermeindlichen Jubel im letzten Satz (der gar keiner sein soll); sowie eine TOP-Klangqualität, die alles mit Gänsehautfaktor überrumpelnd über die Lautsprecher kommen läßt. Man ist nach dem Hören "fertig" - wunderbar !
Diese CD hatte ich wenig später nach der Bernstein - Tokyo-CBS-CD gekauft um erneut "baff" vor Begeisterung zu sein.

Die DG-Aufnahme mit Rostropowitsch / Washington SO (DG)hatte ich vor ca.10-15 Jahren mal besessen - sie war mir zu brav und erreichte alle Vorgenannten aus meiner damaligen Sicht nicht; heute bedauere ich eigendlich, das ich die CD wieder abgegeben habe, weil Rostropowitsch das Wesen der Sinfonie voll begreift. Ich werde sie mir nochmal holen, wenn ich diese billig sehe.

Eine weitere Aufnahme ist auch gut getroffen, aber klingt zu normal westlich:
Mackeras / Royal PO (RPO-CD).

Barshai / Kölner RSO auf Brillant im Rahmen der Gesamtaufnahme finde ich nicht so schlecht, wie Du in Deinem Beitrag andeutest - ich finde die Aufnahme voll angemessen und gelungen. Das der esrte Satz in seiner Steigerung misslungen sein soll ist mir nicht negativ aufgefallen - dazi müßte ich die Aufnahme nochmal hören.

Hier meine Reihenfolge aller mir bekannten Aufnahmen:
1. Roshdestwensky
2. Kondraschin
3. Bernstein (Tokyo 1974)
4. Bernstein (New York 1959)
5. Rostropowitsch
6. Barshai
7. Ormandy
8. Mackeras
9. Haitink
Jede dieser Aufnahmen hat das "gewisse etwas" - keine ist schlecht.

Wie ist eigendlich Bernstein´s DG Aufnahme der Sinf.Nr.5 - die kenne ich nicht ?


[Beitrag von teleton am 02. Okt 2006, 13:09 bearbeitet]
Thomas228
Stammgast
#5 erstellt: 02. Okt 2006, 13:35
Hallo Aladdin,

der Thread ist noch keinen Tag alt, schon erhalte ich, erhält das Forum deine sehr interessante Antwort. Vielen Dank, das freut mich!

Mit dem von dir Geschriebenen, mit deinen kritischen Anmerkungen bin ich naturgemäß nicht in allen Punkten einverstanden.

Allgemein gesprochen entspricht es auch meiner Auffassung, dass es nur in Ansätzen gelingen kann, ein musikalisches Werk, eine Sinfonie mit Worten zu beschreiben bzw. ihren Gehalt mit Worten wiederzugeben. Die Sprache der Musik ist ausdrucksvielfältiger als die Sprache der Worte. Ein Beschreiben der Musik mit Worten kann daher immer nur Annäherung, Hinführung sein. Abgesehen von bestimmten Programm-Musiken – Strauss` Till Eulenspiegel mag als Beispiel dienen – halte auch ich eine konkrete Gleichsetzung von Wort und musikalischem Motiv für verfehlt.

Dieser allgemeine Grundsatz wird im Falle Schostakowitsch dadurch verstärkt, dass Schostakowitsch ein Meister darin war, das musikalische Ausgangsmaterial, d.h. die Anfangsmotive, derart zu verarbeiten, dass es letztlich eine andere, zum Teil sogar gänzlich entgegengesetzte musikalische Bedeutung gewinnt. Du hast es bezogen auf den Marsch anschaulich beschrieben. Hurwitz behauptet übrigens (in "Symphonies and Concertos: An Owner's Manual"), Schostakowitsch habe die Technik, eine ursprüngliche lyrische Melodie zu brutalisieren, von Gustav Mahler gelernt. Nun ja, vielleicht. Richtig ist jedenfalls, dass es bei Mahler diesen Vorgang ebenfalls gibt.

Bedeutet dieser Grundsatz aber, dass man sich einer Interpretation gänzlich enthalten, nur fragen sollte, wie du offenbar meinst? Kommt darauf an, möchte ich ausweichend antworten, um die Frage im Falle der fünften Sinfonie von Schostakowitsch ausdrücklich zu verneinen.

Du selbst schreibst ja davon, dass in der Durchführung das Material der Exposition verzerrt, entstellt, ins Brutale, Rohe gewendet wird. Du stellst die Frage, ob der tiefe Ernst und die beängstigende Wahrheit dieser Musik nicht darin liege, dass ein- und dieselbe musikalische Substanz zum Ausdruck anrührend subjektiver Klage und hemmungsloser Brutalität werde, ob der tiefe Ernst nicht darin liege, dass sich der in Revolution und Befreiungskampf gegen die Ungerechtigkeit Aufbegehrende auf schreckliche Weise in den wandeln könne, der selbst Terror und Zerstörung verbreite.

Ich verstehe, dass du keine andere Geschichte erzählen willst, dass du nur fragst, ob es nicht auch so sein könnte. Gleichwohl stellst du diese Interpretation in den Raum. Daher erlaube ich mir, auf sie einzugehen, meine Sicht der Dinge zu untermauern.

Die Antwort auf deine Frage lautet meiner Meinung nach: Nein, so könnte es nicht sein.

Schostakowitsch selbst hat ja, daran sei erinnert, die Fünfte als autobiographisch bezeichnet. Dies tat er in einem unverdächtigen Kontext, will sagen, nicht in einer offiziellen Stellungnahme, sondern privat gegenüber Freunden, die ihrerseits Profimusiker waren. An der inhaltlichen Richtigkeit dieser Äußerung zu zweifeln, besteht daher kein Anlass, zumal Zeitgenossen wie Kurt Sanderling und auch Schostakowitschs eigener Sohn Maxim die Sinfonie in diesem Sinne verstanden bzw. verstehen.

Daran, dass es in der Fünften um Schostakowitsch persönlich geht, kommt man daher meiner Meinung nach nicht vorbei, wenn es auch möglich bleibt, das Schicksal Schostakowitschs pars pro toto zu nehmen.

Zu der „Merkwürdigkeit“ des Auftretens einer langen Dur-Episode nach dem Zusammenbruch am Ende der Durchführung sei der Hinweis erlaubt, dass ein Requiem nicht durchweg leidvoll sein muss, sondern auch die Erinnerung an frühere schöne Zeiten, eine „Was wäre wenn?“ beinhalten kann. Maxim Schostakowitsch spricht denn auch davon, dass der Schlussteil eine Requiem für den Mann sei, der ein anderes Leben gelebt haben würde, wenn er nicht das Böse attackiert hätte. Von Maxim Schostakowitsch habe ich den Begriff „Requiem“ entlehnt. Ganz glücklich bin ich mit diesem Begriff nicht, weiß jedoch keinen besseren.

Und ja, auch ich halte mit dem Ende des ersten Satzes noch nicht alles für gesagt, empfinde die in diesem Satz gestellte Frage als noch nicht beantwortet. Dieses Empfinden resultiert nicht nur aus der Umkehrung in der Solo-Violine – nebenbei bemerkt, mir imponiert, wie du das musikalische Geschehen zu beschreiben vermagst; auch das mit der phrygischen Tonleiter hätte ich nie herausgehört bzw. aus der Partitur herausgelesen; das übersteigt meine Fähigkeiten –, sondern auch aus den am Ende von der Celesta gespielten dreimaligen Skalen, die wegen des Aufsteigens für mich nicht wie ein Abschluss klingen, sondern eine Weiterbeschäftigung mit dem Thema ankündigen.

Zusammengefasst lautet meine Antwort auf deinen Einwand also: Bei Schostakowitschs Fünfter halte ich nicht nur das Stellen von Fragen, sondern weitergehend eine konkrete, am historischen Kontext orientierte autobiographische Interpretation für richtig und geboten. Die Interpretation sollte allerdings nicht im Wege der Gleichsetzung einzelner Motive mit konkreter Bedeutung bzw. mit konkreten Personen erfolgen, sondern im Wege des Erkennens einzelner Stellen als Träger konkreter Bedeutung.

Abschließend möchte ich einen Wunsch äußern. Es dürfte vermutlich einige Leser geben, die sich vom hier Geschriebenen, Diskutierten abgeschreckt fühlen, weil sie befürchten, nicht mithalten zu können, und daher schweigen. Bitte, tut das nicht! Ich bin ehrlich interessiert daran, zu erfahren, wie die Sinfonie auf diejenigen wirkt, die sich noch nicht intensiv mit Schostakowitsch auseinandergesetzt haben. Also frei heraus: Wie empfindet, versteht ihr die Sinfonie.

Thomas
s.bummer
Hat sich gelöscht
#6 erstellt: 02. Okt 2006, 21:14
Guten abend,

Die 5. von DS war die erste Sinfonie, dich ich von ihm gehört habe.
Das muss so Mitte der 70iger Jahre gewesen sein. Der Abend war zumindest am Anfang ein Reinfall: Als der Marsch im 1. Satz losging, fing die zuhörende Gesellschaft lauthals an zu lachen (eher wiehern!). Im dritten Satz war man dann endlich ruhig.
In den nachfolgenden Jahren habe ich dann Aufnahmen mit Werken von DS gesammelt, erst als Tonbandaufnahmen, dann habe ich mir LPs gekauft. Dabei spielte die 5. nicht die Hauptrolle!
Ich habe aber noch die Bernstein Aufnahme aus Tokio, die ich sehr gut finde. Rostropowitsch wurde damals in der Hifi Stereophonie hoch gelobt, ich habe mir diese Aufnahme gekauft und war gelinde gesagt enttäuscht. Der letzte Satz war viel zu didaktisch.
Da fand ich Bernstein schon viel besser.

In den frühen 80igern kam Maxim Schostakowitsch nach Kiel und brachte die 5. seines Vaters zu Gehör. Ein bemerkenswertes Konzert auch wegen Helga, die neben mir saß.
Doch die 5. blieb bei mir liegen, weil die 4. regierte.

Zwei Ereignisse haben die 5. wieder in mein Hörrepertoire zurückgebracht.

Eine Fernsehsendung mit Kurt Sanderling, der die 5. erläuterte und anschließend aufführte. Diese Sendung an sich brachte mir vor allem Sanderling nahe und inzwischen bin ich froh, dass ich den Schostakowitsch Schuber mit ihm habe.
Als er das Thema der Solovioline im 2. Satz auf den Kinderrefrain „Papa Stalin“ brachte, fand ich es zwingend und überzeugend. Da karikiert einer den vorauseilenden Gehorsam und wie man Kinder manipuliert.

Ja, dann die 20 CDs umfassende Mrawinski Edition, in der die 5. mit einer Fake-Sinfonie gekoppelt ist.
Wie immer bei Mrawinski sind die Aufnahmen von der Tonqualität her nicht so dolle, aber ich finde die Darstellung sehr geschlossen.

Thomas zitiert DS über Mrawinski.

„Eines schönen Tages merkte ich zu meiner Verblüffung, dass ein Künstler, der sich für den besten Interpreten meiner Musik hält, sie nicht versteht [gemeint ist Mrawinski]. Er meinte, in der Fünften und in der Siebten hätte ich ein jubelndes Finale schreiben wollen, aber es sei mir nicht gelungen. Es wollte dem Mann einfach nicht in den Kopf, dass ich mit jubelnden Finales überhaupt nichts im Sinn hatte."


Ich denke, diese Meinung ist dem Zerwürfnis zwischen den beiden zuzuschreiben, das so um 1962-1963 eingesetzt haben muss, als die beiden sich um die Uraufführung der 13. stritten. Denn überliefert ist von der Uraufführung der 5. unter Mrawinski, dass die Leute 40 Minuten applaudierten: „Sie hatten verstanden“. Das war auch und vor allem Mrawinski zu verdanken. Also was soll der Ausbruch von DS bei Volkow?


Ich befürchte außerdem, dass das Bild, das von DS heute gerne gezeichnet wird, zu extrem ist.
War er bis in die frühen 70iger in der Sicht des Westens der komponierende Apparatschik der UdSSR; in der Hifi Stereophonie wurde er von Alfred Beaujean mitunter geradezu gedisst (Ausdrucksweise meines Sohnes, aber sehr angemessen), so wird er heute als ein von den Bürden der Geschichte gezeichneter heimlicher Dissident dargestellt, der seine Werke in tiefer Opposition zum Sowjetreich schrieb. Das kommt auch in der DVD „Stalin against Shostakovich“ durch, wo im Guido-Knopp-Stil die Historie durchaus packend aber auch sehr einseitig dargestellt wird.
Chrennikow wird so richtig als Bösewicht dargestellt.
Ich glaube nicht so recht daran, dass diese Sicht so richtig ist, wie die alte falsch sein soll. (Womit wir in einer Diskussion landen könnten, die an anderer Stelle schon häufiger aufkam.)

Ich höre die 5. als ein Stück "absolute Musik" und stimme Aladdin zu.

"Aber eine Geschichte erzählt sie nicht. Vielleicht sollten wir daher lieber Fragen stellen als Antworten geben."


Ach ja. Empfehlungen.
Mrawinski, Sanderling und (Wolfgang wird’s freuen) Bernstein in Tokio.

Dann gibt es noch recht viele neuere Aufnahmen, man wird 2006 ja damit fast zugesch(m)issen. Ich kenne die leider (noch) nicht.

Gruß S.


[Beitrag von s.bummer am 03. Okt 2006, 07:04 bearbeitet]
AladdinWunderlampe
Stammgast
#7 erstellt: 03. Okt 2006, 10:03
Hallo,

Thomas, nach Deinen klarstellenden Erläuterungen scheinen wir in vielem doch näher beieinander zu sein als anfangs vermutet: Dass Du die Etikettierungen der Themen problematisch findest, Dir der Problematik der überaus verkürzenden Bezeichnung "Requiem" für die einzige lichtere Episode des ersten Satzes bewusst bist und nun auch konzedierst, in der Symphonie werde das Schicksal des Komponisten womöglich eher als eine Art "pars pro toto" abgehandelt, liegt nahe bei meiner Auffassung, hier werde nicht einfach nur geradlinig eine persönliche "Geschichte" erzählt.

Die "konkrete Bedeutung", die Du nichtsdestoweniger an einigen Stellen der Musik fassen zu können glaubst, ähnelt möglicherweise ein wenig demjenigen, das ich mit einem Ausdruck Adornos als "aufblitzende Intentionen" bezeichnet habe: In der auffahrenden und dann rasch resigniert zusammensinkenden Gestik des Beginns, in der brutal verzerrten Marschmusik der Durchführung, im tröstlichen Dialog von Flöte und Horn glaubt man solche Intentionen mit Händen greifen zu können. Allerdings werden diese konkret bedeutungstragenden Momente stets in einen kompositorischen Zusammenhang eingeschmolzen, in dem sie eben auch musikalische Funktionen zu erfüllen haben, und indem sie sich hierbei gewissermaßen verflüssigen, verlieren sie auch einiges von Ihrer Buchstäblichkeit, werden von eindeutig lesbaren Zeichen viel mehr zu Metaphern, die man auf ihre Bedeutung befragen muss.

Übrigens glaube ich nicht, dass man meine Einwände, die sich auf musikalische Sachverhalte, vor allem motivisch-thematische Zusammenhänge, bezogen haben, sinnvoll mit biographischen Hinweisen abwehren kann. Natürlich ist die Kenntnis des Entstehungskontextes für das Verständnis speziell dieses Werkes hilfreich. Aber er stellt nur Material der Interpretation dar, das man auf die Musik beziehen und an dieser messen muss; keinesfalls ist er selbst schon die Interpretation.
Und was besagt es übrigens, dass Schostakowitsch selbst die fünfte Symphonie als "autobiographisch" bezeichnet hat? Was ist hier autobiographisch? Der Anlass der Enstehung? Die Grundstimmung des Werks? Oder die konkrete musikalische Dramaturgie der Musik? Erzählt die Musik dabei eine Geschichte? Oder ist sie Reflex des psychischen Erlebens des Komponisten? Oder konzentriert sie sich auf ein einzelnes, charakteristisches Ereignis?
Und wie geschieht dabei die Übersetzung vom Leben ins Werk?
Muss man nicht auch davon ausgehen, dass hierbei ein Stück Biographie in Deckung mit einer übergeordneten musikalischen Vorstellung gebracht werden muss? (Die Anlage des ersten Satzes mit seinem auffahrenden Beginn und den nachfolgenden beiden elegischen Mollthemen, deren zweites über einem ostinaten Akkordrhythmus erklingt und in eine Durchführung mündet, die im Gegensatz zur streicherdominierten Exposition vor allem durch Blechbläser und Schlagzeug geprägt wird und auf ihrem Höhepunkt einen grotesk verzerrten und beschleunigten Marsch bringt, an dessen Schluss die Reprise mit einer verkürzten und pathetisch gesteigerten Fassung des ersten Themas einsetzt, taucht fast buchstäblich im ersten Satz der achten und zumindest als Umriss auch im ersten Satz der zehnten Sinfonie wieder auf. Es handelt sich dabei offenbar um eine typisch schostakowitsch'sche Abwandlung der Sonatenhauptsatzform. Der Verlauf der Musik ist also kein unmittelbares Protokoll autobiographischen Geschehens oder Erlebens, sondern beruht vielmehr auf einer vorgängigen musikalischen Formidee, in die die lebensgeschichtlichen Momente beziehungsweise die wie auch immer autobiographisch rückgebundenen musikalischen Ausdruckscharaktere eingepasst worden sind.) Die bloße Beteuerung, ein Werk sei "autobiographisch", erklärt also wenig oder nichts.

Übrigens sind (auto-)biographische Informationen - wie auch s.bummer bemerkt - keine neutralen Fakten, sondern stets im höchsten Maße perspektivisch geprägt.
Dass im Falle Schostakowitschs die Diskussion überaus kontrovers geführt wird, liegt an den besonders schwierigen politischen Umständen, unter denen er sein Leben zu fristen hatte, so dass sein Denken und Handeln für uns hinter einem schwierig zu durchschauenden Geflecht von Verstellungen, Anpassungen, Mitläuferei, Selbstanklagen, Selbstrechtfertigungen und Reinwaschungen verborgen ist. Aber auch davon abgesehen sind Selbstinterpretationen von Komponisten stets höchst fragile Gebilde - eine Momentaufnahme aus dem Jahr 1937 kann sehr anders aussehen als eine, die fast vierzig Jahre später gemacht wird. Und Selbstinterpretationen sind immer auch Selbstinzenierungen - vor anderen, aber auch vor sich selbst. (In einer Symphonie wird ein Komponist schnell zu dem Helden, der er in der Realität niemals war.) Keinesfalls ist daher ein Komponist ein priviligierter Deuter seines eigenen Werks. Und eben deswegen beharre ich darauf, dass wir (auto-)biographische Informationen nicht als fertige Antworten auffassen sollten, sondern als Material, das wir - wie die Musik - zu befragen haben, weil es selbst interpretationsbedürftig ist. Der Maßstab für das Verständnis und die Beurteilung eines musikalischen Werks sollte dabei zunächst einmal dessen kompositorische Faktur sein. Und vielleicht ist das Kriterium für die Qualität eines künstlerischen Gebildes gerade seine Fähigkeit, aus sich selbst heraus vorgegebene Weltdeutungen in Frage zu stellen und uns dazu zu bewegen, solche vorgegebenen Weltdeutungen kritisch zu überdenken.

Abschließend noch eine persönliche Bemerkung: Schostakowitsch war einer der großen musikalischen Helden meiner Jugend. Eine Aufnahme der fünften Symphonie gehörte zu den ersten Schallplatten, die ich mir vor etwa zwanzig Jahren gekauft habe, und manchmal habe ich damals Nächte durchwacht, um bestimmte seltener zu hörende Schostakowitsch-Symphonien aus den Nachtprogrammen des Radios auf Kassette mitzuschneiden. Von dieser Euphorie ist bei mir heute nicht mehr viel übriggeblieben; aus dem Korpus der fünfzehn Symphonien faszinieren mich gerade noch eine Hand voll - abgesehen von der fünften noch die erste, die vierte (die ich für Schostakowitschs Meisterstück halte), die sechste und die fünfzehnte Symphonie. Dass ich gerade diese Stücke liebe, während etwa ein Werk wie die zehnte Symphonie - obwohl diese dank Mussorgsky-Zitat, Stalin-Porträt und DSCH-Chiffre zweifellos jede Menge Material zum Erzählen einschlägiger biographischer Geschichten böte - für mich in musikalischer Hinsicht ziemlich verblasst ist, liegt an der ungeheueren kompositorischen Kraft, mit der Schostakowitsch den ihnen zugrunde liegenden (musikalischen wie außermusikalischen) Ideengehalt zu realisieren vermochte. Stellte die fünfte Symphonie dagegen nichts als das Dokument einer politisch-biographischen Krise dar, so wäre sie für mich bestenfalls von historischem Interesse, als Kunstwerk aber uninteressant.

Herzliche Grüße
Aladdin


[Beitrag von AladdinWunderlampe am 04. Okt 2006, 22:59 bearbeitet]
Thomas228
Stammgast
#8 erstellt: 04. Okt 2006, 10:09
Liebe Leser, liebe Mitstreiter,

nachdem ich den Thread soeben noch einmal gelesen habe, stelle ich fest, dass ich mich auf eine Weise interpretativ festgelegt habe, die mir nicht behagt. Daher erlaube ich mir einen kleinen Exkurs zur Frage der Interpretationsfähigkeit und –bedürftigkeit von Kunstwerken.

In einem meiner Beiträge im Thread zur achten Sinfonie von Schostakowitsch schrieb ich:

„Anders als du [gerichtet war dieser Satz an peet_g], halte ich es nicht für wichtig, mit welcher Einspielung man ein Werk kennenlernt. Deine Auffassung, es ginge im Falle der Achten nur richtig mit der Aufnahme von Mravinsky von 1947 oder der 1961er von Kondrashin befremdet mich. Da sollte man konsequenterweise doch gleich auf die Partitur verweisen und jegliches Musizieren, weil notwendigerweise mit Interpretation verbunden, ablehnen. Ich weiß, das ist auf die Spitze getrieben, trifft aber, denke ich, dennoch den Kern.

Mir geht es um Folgendes: Für mich gibt es keine absolut richtige Aufnahme/Interpretation. Nach meinem Verständnis sind Sinfonien Kunstwerke und als solche interpretationsoffen, wenn nicht sogar interpretationsbedürftig. Eine Sinfonie immer gleich zu spielen wäre museal und langweilig. Über den Dirigenten Gustav Mahler habe ich gelesen, dass er dieselben Werke bewusst und interessehalber immer wieder anders gespielt hat. Diese Haltung ist mir sehr sympathisch.“

Diese Aussage scheint nun im Widerspruch zu meinen obigen Ausführungen, in denen ich eine konkrete Interpretation anbiete, zu stehen. Dieser Widerspruch besteht jedoch nur scheinbar.

Meines Erachtens hat eine Interpretation vom Werk (in der Musik also von der Partitur) und den sonstigen relevanten Umständen (Angaben des Künstlers, etwaige Programme, historischer, biographischer Kontext, Bezüge zu anderen musikalischen Werke usw.) auszugehen. Abhängig vom Einzelfall gibt es dabei ggf. einige Fixpunkte, gewissermaßen Interpretationsanker. Diese gilt es zu beachten. Ansonsten halte ich die Interpretation für frei. Das Problem besteht in der Festlegung der Fixpunkte.

Konkret bezogen auf die fünfte Sinfonie kann als Beispiel das Anfangsmotiv herhalten. Aladdin hat herausgearbeitet, dass es sich um eine Klagegeste handelt und dies musikgeschichtlich begründet. Ich habe diese Sichtweise in meinem Anfangsbeitrag verkürzt dargestellt („Eine Geste des Trotzes, des Aufbegehrens, wird oft gesagt.“), dies für möglich gehalten („Mag sein.“), eine Überlegung dazu geäußert („Nur, warum erstirbt der Trotz sogleich?“) und schließlich die Sichtweise von Maxim Schostakowitsch angesprochen („Hört mir zu! Jetzt rede ich!“), für die einiges spreche. Hinzufügen möchte ich, dass es in der Musikgeschichte nicht nur eine Tradition der aufsteigenden Sexte als Klagegeste, sondern auch eine Tradition des kurzen lauten Anfangs und des leisen Fortgangs gibt. Viele Sinfonien von Haydn beginnen auf diese Weise, das berühmteste Beispiel dürfte die dritte Sinfonie Beethovens sein.

Was sagt uns das? Meines Erachtens sind beide Verständnisse möglich, möglicherweise sogar beide von Schostakowitsch gewollt. Inhaltlich knüpft Schostakowitsch mit der Sexte an den Klagegestus, dynamisch an die „Jetzt rede ich-Tradition“ an. Wie also sollte das Anfangsmotiv gespielt werden? Trotzig und aufbegehrend oder als Zuhören gebietendes Signal? Mir ist es egal. Beides geht. Würde jedoch ein Dirigent das Anfangsmotiv lyrisch und leise spielen, hätte der den Bereich der möglichen Interpretationen verlassen, das Werk nicht interpretiert, sondern dem Werk eine nicht passende Interpretation übergestülpt.

Nebenbei bemerkt zeigt das Regietheater der Oper, dass teilweise sogar solch ein Überstülpen einen Sinn haben kann. Stellen wir uns vor, die fünfte Sinfonie wäre eine Oper und Neuenfels würde sie inszenieren. Es ist nicht auszuschließen, dass Neuenfels zu dem bedrohlichen Marsch des ersten Satzes Walzer tanzen lassen würde und es ihm sogar gelingen würde, die Dramatik des Vorgangs durch dieses Mittel der Groteske noch zu verdeutlichen. Andererseits, stellen wir es uns lieber nicht vor…

Ein weiterer Fixpunkt in der fünften Sinfonie ist für mich die Aussage von Schostakowitsch, das Werk sei autobiographisch. Ich räume ein, dass die bloße Kennzeichnung als autobiographisch nicht hinreichend konkret ist, um daraus Einzelheiten ableiten zu können, insbesondere weil nicht klar wird, was genau an der Fünften autobiographisch ist. Wohl aber bedeutet diese Kennzeichnung, dass die fünfte Sinfonie auf irgendeine Weise mit dem persönlichen Leben, mit der Biographie Schostakowitschs zu tun hat. Ein Überstülpen im obigen Sinne entstünde daher bei einer Interpretation, die das Werk vollkommen von der Person Schostakowitsch, von Schostakowitschs Leben abstrahiert. Angesichts des von mir dargestellten historischen und biographischen Kontextes und des Erlebens und Verständnisses der Zeitgenossen, sogar des eigenen Sohnes, der ein ausgewiesener Kenner des Werkes seines Vaters ist, auch wenn dieser nicht mit seinem Sohn über seine Werke gesprochen haben mag, liegt für mich die von mir vorgenommene Interpretation nahe.

Es ist auch meiner Auffassung nach richtig, wenn Aladdin davon spricht, dass es zwar aufblitzende Intentionen gebe, diese konkret bedeutungstragenden Momente aber stets in einen kompositorischen Zusammenhang eingeschmolzen werden, in dem sie auch musikalische Funktionen zu erfüllen haben. Nur hat Aladdin das Wort „musikalische“ kursiv gesetzt. Ich hätte dies mit dem Wort „auch“ getan.

Selbstredend könnte die Sinfonie auch in der Form beschrieben werden, dass nur das musikalische Geschehen berichtet wird. Das aber würde meiner Meinung nach der Sinfonie nicht gerecht. Sie enthält eben auch die konkret bedeutungstragenden Stellen. Da diese Stellen Musik sind, gibt es meines Erachtens übrigens keine buchstäbliche, sondern nur die metaphorische Bedeutung. Die Frage ist nur, wofür die Metapher steht.

Der Hinweis von Aladdin auf den ähnlichen Aufbau der achten Sinfonie ist sehr interessant. Ein mögliches Verständnis ist das Folgende: In beiden Sinfonien geht es um das Leid der Opfer des stalinistischen Terrors. Daher sind sie auch gleich oder wenigstens ähnlich aufgebaut. Während es allerdings bei der fünften Sinfonie um das Leid Schostakowitschs persönlich geht, geht es bei der achten um das Leid aller.

Abschließend, lieber Aladdin, ist es mir sehr sympathisch, dass du die unter anderem die erste und die vierte Sinfonie bevorzugst, mir geht es ebenso.

Sehr interessant ist übrigens, die von von S.bummer aufgeworfene Frage, ob Schostakowitsch mittlerweile nicht zu sehr als Oppositioneller gepriesen wird. Ich gebe ehrlich zu, ich weiß es nicht. Ich war nicht dabei. Weil ich aber nicht dabei war, mag ich Schostakowitsch seinen Opportunismus nicht vorwerfen. Es gibt in den Memoiren eine Stelle, in der über amerikanische Reporter berichtet wird, die kommen, systemkritische Fragen stellen und sich wundern, wenn nichts kommt. Die Reporter müssen ja auch nicht weiterhin in der Sowjetunion leben, heißt es dazu sinngemäß. Das überzeugt mich. Ich maße mir nicht an, einem in einer Diktatur leben müssenden Opportunismus vorzuwerfen.

Freundlich grüßt

Thomas

(dessen Sanderling-Legendary Recordingsbox-Bestellung übrigens vor einigen Wochen von Total Recall als nicht lieferbar storniert worden ist).
Thomas228
Stammgast
#9 erstellt: 06. Okt 2006, 07:51
Hallo noch mal,

Gestern habe ich mich ein wenig mit der ersten Sinfonie Gustav Mahlers beschäftigt.

Mahler hatte der bereits komponierten ersten Sinfonie – die Fassungsfrage soll hier außer Acht bleiben – zunächst auf Drängen von Freunden ein Programm beigegeben. Später wollte er davon nichts mehr wissen. Der Grund dafür ergibt sich aus seinen Briefen. Das, was er schreibt, interessiert auch in unserem Zusammenhang (zitiert nach: Jens Malte Fischer: "Gustav Mahler – Der fremde Vertraute"):

Zunächst gibt Fischer Mahlers Meinung in indirekter Rede wieder:

"In symphonischer Musik gebe es ganz natürlich Programme, auch die Beethovenschen Symphonien hätten ein solches inneres Programm, aber das sei nur durch immer engere Vertrautheit des Publikums mit dem Werk zu verstehen und nicht durch Beilagen in den Programmheften",

um dann wörtlich zu zitieren:

"Ich weiß für mich, daß ich, solang ich mein Erlebnis in Worten zusammenfassen kann, gewiß keine Musik hierüber machen würde. Mein Bedürfnis, mich musikalisch-symphonisch auszusprechen, beginnt erst da, wo die dunkeln Empfindungen walten, an der Pforte, die in die andere Welt hineinführt; die Welt in der Dinge nicht mehr durch Zeit und Ort auseinanderfallen."

Das Gemeinte wird von Fischer illustriert durch einen Brief Bruno Walters, der hier ebenfalls nach Fischer zitiert werden soll:

"Mahler perhorresziert aufs energischste jedes Programm. Das Tiefste, Unaussprechlichste, das, wenn wir es in Worte kleiden wollten, bestenfalls als eine schlechte Übersetzung anmuten muß, findet in der Musik seinen gänzlich vollkommenen Dolmetsch, dagegen ist, wie schon erwähnt, die Musik nie im Stande, das was durch Worte genau zu bezeichnen ist, mit der selben Deutlichkeit zu schildern, spielt also in der Programmmusik eine doppelt klägliche Rolle, das sie erstens ihr eigenes, höheres Reich, das des ursprünglichen Empfindungslebens (das keine andere Sprache hat) verlässt, und nun in der fremden Sphäre (der der einzelnen Vorgänge) unverständlich, oder bestenfalls halbverständlich stammelt."

Wir sehen, das Problem ist alt.

Es gilt allerdings nicht aus den Augen zu verlieren, dass die Begriffe Programm und Interpretation nicht identisch sind. Mir scheint, ohne das nun im Einzelnen überprüfen zu wollen, die geführte Diskussion leidet ein wenig unter der nicht klaren Abgrenzung dieser Begriffe. Während Aladdin der fünften Sinfonie eine "Geschichte" und damit ein Programm abspricht, rede ich immer nur von Interpretation. Zu behaupten, dass Schostakowitsch ein Programm (im Sinne der Programm-Musik) vertont hat, käme mir nicht in den Sinn.

Ich darf aus meinem Einführungsbeitrag in Erinnerung rufen:

"Im ersten Satz muss das Anfangsmoderato lyrisch, aber unterschwellig unheilvoll sein. Das Allegro muss bei anhaltender Spannung gesteigert werden, bis die Musik am Ende im Höchstmaß bedrohlich und schreckensvoll ist. Die Überleitung von Allegro zu Moderato darf nicht plump sein. Das Moderato sollte Requiemcharakter tragen. Der zweite Satz muss sarkastisch und scharf humorvoll klingen, der dritte herzzerreißend, der vierte, gerade am ende, hohl pathetisch.

Bitte, all dies ist nur meine Meinung. Es steht jedem frei, das anders zu sehen. Das aber ist die Vorgabe, an der ich die Aufnahmen messe. Für mich hat zudem das Allegro des ersten Satzes die größte Bedeutung."

Nur gibt es für die möglichen, zulässigen Interpretationen eben gewisse Grenzen, die Fixpunkte bzw. Interpretationsanker (s. o.).

Mit freundlichem Gruß

Thomas
peet_g
Stammgast
#10 erstellt: 16. Okt 2006, 20:24
Von den mir bekannten mehr als 20 Aufnahmen der Fünften Symphonie schätze ich besonders die folgenden drei:

Mitropoulos 1952
Kondraschin 1968
M.Schostakowitsch 1990

Sie sind sehr individuell und unterschiedlich und vermitteln doch sinvolle Konzepte (lebendig-prozessual, kampfbetont tragisch, philosophisch-resigniert).

Dem Wunsch des Threadöffners entsprechen vielleicht die folgenden Aufnahmen:

für den Ersten Satz - Solti 1993, M.Jansons 1997;
für den Zweiten Satz - Horenstein 1952, Roshdestwensky 1984. Mackeras 1994;
für den Dritten Satz - Stokowsky 1939, Rodzinski 1942;
für den Vierten Satz - Maazel 1981

Daraus sieht man, dass die Deutung der Symphonie in der historischen Rezeption diesem Wunsch nicht folgt. Aber auf diese Weise kann man sich eine gewünschte Mischung zusammenbasteln. :-)

Gruß
Thomas228
Stammgast
#11 erstellt: 17. Okt 2006, 07:55
Hallo peet_g,

schön, dass du dich hier zu Wort meldest.

Horenstein klingt interessant. Ich kenne ihn vor allem als Mahler-Interpreten, wusste gar nicht, dass er auch Schostakowitsch dirigiert hat. Wenn ich dich richtig verstehe, spielt er den zweiten Satz "sarkastisch und scharf humorvoll"? Mit solch einer Spielweise bringe ich Horenstein bislang gar nicht in Verbindung. Ich verbinde ihn, ohne das jetzt überprüft zu haben, eher mit einem schlanken Dirigat, kenne ihn aber auch kaum.

Zur Mitropoulos-Aufnahme würde mich interessieren, in welche Richtung sie geht, weshalb du sie schätzt. Es wäre schön, wenn du dazu ein, zwei Sätze schreiben könntest.

Der Zyklus von Maxim Schostakowitsch ist ja im Begriff zu erscheinen. Leider ist er viel zu teuer.

Erst einmal werde ich mir aber keine weitere Aufnahme der Fünften zulegen, da sich zurzeit weitere Aufnahmen dieser Sinfonie auf dem Weg zu mir befinden und mich hoffentlich bald erreichen. Ggf. werde ich berichten.

Beste Grüße, Thomas
teleton
Inventar
#12 erstellt: 17. Okt 2006, 12:03
Hallo Thomas228,

Du schreibst
Für mich gibt es keine absolut richtige Aufnahme/Interpretation. Nach meinem Verständnis sind Sinfonien Kunstwerke und als solche interpretationsoffen, wenn nicht sogar interpretationsbedürftig.

Mit diesen Sätzen stimme ich zwar mit Dir überein, doch was nützt es alle. Man will doch letztendlich eine Interpretation haben, die einem zusagt und es werden sich automatisch Interpretationen herauskristllisieren, die man weniger schätzt.

Die letzte von mir erworbene Aufnahme der Sinfonie Nr.5 ist die Haitink-Decca-Aufnahme. Damit habe ich mich vor kurzem intensiv beschäftigt. Mir gefällt die langsame Tempowahl Haitinks im 1.Satz überhaupt nicht. Der Anfang fällt genau so auseinander, wie das Finale. Einzig der Durchführungsteil wird gepeitscht um dann wieder zu bremsen. Da finde ich rund 15Minuten bei Roshdestwensky wesentlich angemesser (ich hoffe es ist die Rosh-CD, die Dich erwartet ?).
Der 2.Satz ist OK, den versteht er nicht als Ländler sondern mit seinem scharfen Sarkasmus.
Der 3.Satz klingt im Vergleich zu Roshdestwensky vielleicht zu mahlerisch auch für meinen Geschmack etwas zu langsam, das mag aber auch am westlichen Orchester liegen, da klingt es aus Moskau einfach russischer.
Der 4.Satz läßt IMO kaum wünsche offen. Diese Durchsetztungskraft hätte ich mir von Haitink im 1.Satz gewünscht.

Du hörst ja Haitink, neben Aronowitsch gerne und Kondrschin ist Dir wiederum zu schnell im ersten Satz. So hat jeder seine Prioritäten und es wird sich auch bei Dir irgendwann eine Interpretation herausstellen, die Dir fast 100% gefällt - ganz 100% geht wohl nie.

Zu Maxim Schostakowitsch´s neuem Sinfonien-Zyklus:
Dieser erscheint am 20.10.2006 (bei jpc) und ist mit dem Prager SO. Ob dies das "richtige Orchester" für die Schostakowitsch-Sinfonien ist bleibt abzuwarten !?!
Schade das Maxim die Sinfonien nicht in Moskau oder Leningrad aufnehmen konnte. Das hat warscheinlich auch politische Gründe. Maxim Schostakowitsch hat jetzt seinen Wohnsitz in den USA.

Der Preis ist mit 89,-€ zwar nicht billig, aber für die Anzahl der CD´s (11-12) nicht übermäßig hoch.

Für die neuremasterte Kondraschin-GA auf AULOS sind 99,-€ mit Versand zu zahlen. Diese soll klanglich die alten Melodia-CD´s weit übertreffen.

Im Endzustand möchte ich beide Aufnahmen haben, denn Kondraschin habe ich bislang nur auf LP (Außnahme Nr.9 und 15 auf Melodia-CD).
Thomas228
Stammgast
#13 erstellt: 17. Okt 2006, 14:46
Hallo teleton,

nein, die CD, auf die ich warte, ist nicht von Roschdestwenskij (den ich wohl bis ans Ende meiner Tage immer wieder anders schreiben werde). Bestellt habe ich bereits vor einiger Zeit die Gesamtaufnahme von Jansons, hinzugekommen ist noch die Aufnahme der Sinfonien 1 und 5 von Ancerl sowie die Box: "Evgeny Mravinsky - 100th Anniversary Edition I Vol. 1-5", welche die Symphonien Nr. 5-8, 10-12 und 15 sowie das Lied von den Wäldern enthält. Geliefert wird alles zusammen. Mal sehen, wie lange ich brauche, um das alles durchzuhören - und was meine Frau dazu sagt, wenn das Paket kommt.

Anhand der Haitink-Aufnahme ist übrigens sehr schön zu sehen, dass dieselben Aufnahmen unterschiedlich beurteilt werden. Mir ist sie im ersten Satz, wie berichtet, zu langsam. Allerdings finde ich, dass es Haitink gelingt, die Spannung zu halten. Du hingegen schreibst, der Anfang des ersten Satzes falle auseinander, so auch dessen Finale, Werdan wiederum ist einschränkungslos begeistert. Man sieht: Ob einem die Aufnahme gefällt, muss jeder selbst beurteilen.

Viele Grüße, Thomas
Hüb'
Inventar
#14 erstellt: 30. Nov 2006, 21:19
Hi!

Ich höre gerade die 5. in Paavo Berglunds EMI-Einspielung mit dem Bournemouth SO (engl. SLS-2-LP-Box gekoppelt mit der 10.).
Kennt jemand der anwesenden Experten diese Aufnahme und mag ein paar erhellende Worte darüber verlieren?

Grüße

Frank
M_on_the_loose
Hat sich gelöscht
#15 erstellt: 01. Dez 2006, 00:10
Die Platte hier:
http://www.amazon.de.../302-2024048-6721660
enthält die erste Aufnahme der 5., die 1938 wenige Monate nach der Uraufführung vom Verdienten Kollektiv der Republik, dem Akademischen Symphonischen Orchester der Leningrader Staalichen Philharmonie unter der Leitung von Mravinsky (oder Mrawinskij) gemacht wurde.
Mehr Details hier: http://www.amazon.co...7608?ie=UTF8&s=music
Sehr interessant.

Für die 5. habe ich noch nie weitgehende Vergleiche angestellt, daher auch eigentlich keine Lieblingsaufnahmen. Aber neulich habe ich die hier gehört, die mich (zu meiner Überraschung - ich bin nicht so der Solti-Fan) sehr beeindruckt hat:
http://www.amazon.de...1660?ie=UTF8&s=music
musiccreator
Ist häufiger hier
#16 erstellt: 09. Jan 2007, 20:30
Hallöchen!


Habe mir gerade die 5. Schostakowitsch in einer Einspielung unter Barbirolli mit dem Hallé Orchestra angehört; sehr, sehr schade, dass er Schostakowitsch nie offiziell eingespielt hat. Bei der Aufnahme handelt es sich um eine Einspielung für die BBC, und da das Hallé-Orchester nicht zu den besten Orchestern der Welt gehört, machen sich gelegentlich Ungeschliffenheiten bemerkbar. Dennoch war ich sehr beeindruckt von Barbirollis Interpretation, die einmal mehr beweißt, dass es sich bei im um einen Espressivo-Dirigenten handelt. Gerde den langsamen Satz habe ich noch nie mit einer dermaßen starken Intensität und Spannung gehört, genial!!! So schade, dass er das Werk nicht in einer guten Studioaufnahme mit gutem Klang herausgebracht hat.

Ansonsten gefällt mir noch am Besten Bernsteins Aufnahme von 1959 mit den New Yorkern. Thomas schreibt, Bernstein hätte noch nicht so sehr die politischen Hintergründe verstehen können und das Werk mehr im Sinne eines Gustav Mahlers interpretiert. Dies mag sein, allerdings hat Bernstein kurz vor der Aufnahme das Werk mit den New Yorkern in Russland dirigiert und Shostakowitsch, der anwesend war, zeigte sich sehr begeistert und zu Tränen gerührt. Insofern fragt sich, ob nicht einfach mehrere Deutungen dem Werk gerecht werden.

Grüße,
Musiccreator
teleton
Inventar
#17 erstellt: 10. Jan 2007, 08:35
Hallo musiccreator,

meine volle Zustimmung für deine Aussage:

Insofern fragt sich, ob nicht einfach mehrere Deutungen dem Werk gerecht werden.


Mir gefallen die Interpretationen von Bernstein 1959 NewYorkerPH und in den 70ern mit den NewYorkerPH-LIVE in Tokyo(der absolute unbändige Wahnsinn) auch sehr gut.
Das Bernstein die Sinfonie Nr.5 in Gegenwart und mit großer Zustimmung des Komponisten in Russland dirigert hat ist eine interessante INFO, die natürlich für Bernstein spricht.

Ich habe aber auch schon an anderer Stelle folgendes gelesen (hier mit meinen Worten):
Komponisten sind immer froh wenn ihre Werke aufgeführt werden und werden dann kaum unhöflich und ablehnend sein.
Bei Sibelius ist bekannt, das er sagte:
"Karajan ist noch der, der mich am besten versteht."
Dazu meinte ein bekannter wiener Kritiker heute: Das hat er immer aus Höflichkeit gesagt, weil er froh war, dass seine Werke aufgeführt wurden.

Allerdings glaube ich nicht, dass Schostakowitsch nur aus Höflichkeit von bernsteins Interpretation begeistert war, wenn er zugleich zu Tränen gerührt war. Das muß echt gewesen sein !
op111
Moderator
#18 erstellt: 10. Jan 2007, 10:40
Hallo zusammen,

teleton schrieb:
Mir gefallen die Interpretationen von Bernstein 1959 NewYorkerPH und in den 70ern mit den NewYorkerPH-LIVE in Tokyo(der absolute unbändige Wahnsinn) auch sehr gut.

wie oft hat Lenny eigentlich die 5. für CBS aufgenommen?

Bei CBS/Sony habe ich von 3 Aufnahmen gelesen 1959:


1974,???

und 1979, aktuell in dieser Kopplung am Markt
Symphonie Nr. 5
+Cellokonzert Nr. 1
New York PO, Bernstein;
Ma, Philadelphia Orch.,
Ormandy


eine der 197?er hatte ich als audiophile LP-Pressung ca. 1982, soweit ich mich erinnere Live in Japan 1979 aber vom Analogmaster.

Gruß
M_on_the_loose
Hat sich gelöscht
#19 erstellt: 10. Jan 2007, 11:43

teleton schrieb:

Bei Sibelius ist bekannt, das er sagte:
"Karajan ist noch der, der mich am besten versteht."
Dazu meinte ein bekannter wiener Kritiker heute: Das hat er immer aus Höflichkeit gesagt, weil er froh war, dass seine Werke aufgeführt wurden.


Schwachsinn. Sibelius wurde zu seinen Lebzeiten sehr viel aufgeführt, nicht so sehr in D, aber sehr viel in Nordeuropa und den englischsprachigen Ländern. Genau deshalb haben EMI auch die Aufnahmen mit Karajan produziert (die, die auch Sibelius gehört hat), weil die sich nämlich sehr gut verkauft haben.
Sibelius hat die gleiche Meinung über Karajan auch im privaten Kreis geäussert, das ist gut belegt. Damit scheinen aber manche Leute nicht klarzukommen.
musiccreator
Ist häufiger hier
#20 erstellt: 10. Jan 2007, 12:24
Hallo,

kleiner off-topic Sibelius (oder auch Schostakowitsch):

Man muss natürlich berücksichtigen, wann der Komponist die Äußerung gemacht hat; bei Aufnahmen, die der Komponist "autorisiert" hat übersieht man nämlich vielleicht schnell, dass der Komponist später entstandene Aufführungen oder Aufnahmen gar nicht gehört hat, die ihm vielleicht sogar besser gefallen hätten. Man mag mich hier gerne korrigieren, aber ich glaube, dass Sibelius nicht viel Auswahl hatte, was andere Dirigenten eines Kalibers wie das des Herren von Karajan betrifft.

Zu Schostakowitsch: Glaube auch nicht, dass es pure Höflichkeit war, wenn er bei Bernstein zu Tränen gerührt war (das gleiche gilt übrigens, als er Karajan mit seiner 10. hörte), sondern dass es ihm imponiert haben muss, dass auch die "westliche" Welt in der Lage war, seine Musik zu verstehen und exzellent darzubieten.

Grüße,
Musiccreator
M_on_the_loose
Hat sich gelöscht
#21 erstellt: 10. Jan 2007, 12:26

musiccreator schrieb:
Hallo,

kleiner off-topic Sibelius (oder auch Schostakowitsch):

Man muss natürlich berücksichtigen, wann der Komponist die Äußerung gemacht hat; bei Aufnahmen, die der Komponist "autorisiert" hat übersieht man nämlich vielleicht schnell, dass der Komponist später entstandene Aufführungen oder Aufnahmen gar nicht gehört hat, die ihm vielleicht sogar besser gefallen hätten. Man mag mich hier gerne korrigieren, aber ich glaube, dass Sibelius nicht viel Auswahl hatte, was andere Dirigenten eines Kalibers wie das des Herren von Karajan betrifft.


Genau. Es gab damals nämlich ausser HvK keine guten Dirigenten.





[Beitrag von M_on_the_loose am 10. Jan 2007, 12:28 bearbeitet]
swjatoslaw
Hat sich gelöscht
#22 erstellt: 13. Jan 2007, 16:23
Zunächst einmal an Thomas und Aladdin herzlichen Dank für die unglaublich fundierten Beiträge, mit denen dieser Thread eröffnet wurde. Ich habe mir anlässlich Eurer Diskussion mal wieder meine Aufnahmen der 5. vorgenommen. Die da wären:

Mravinsky/Leningrader Studio 1954
Bernstein/New Yorker 1959
Maazel/Cleveland 1981
Haitink/Concertgebouw 1982
Rostropwitsch/Washington 1983
Mravinsky/Leningrader Live 1984
Mariss Jansons/Wiener 1997

s.bummer hat am 2.10.06 geschrieben, dass die 5. bei ihm bzw. ihr liegen blieb, weil die 4. regierte. Das gilt auch für mich. In den letzten beiden Jahren regierten in meinem Kopfhörer die 11. (vor allem in der geradezu unfassbar guten, mitreißenden Live-Aufnahme Mravinskys vom 3.11.1957, erschienen auf Russian Disc) und ebenfalls die 4. (Favoriten hier für mich: Simon Rattle 1994 und Haitink 1979). Die 2., 3., 13. und 14. von Schostakowitsch mag ich nicht, seine übrigen Sinfonien sind in den letzten 30 Jahren immer wieder mal auf meinem Plattenteller bzw. in meinem CD-Schacht gewesen.

Zur. 5.: Die Studio-Aufnahme Mravinskys von 1954, gerade wiederveröffentlicht in der Melodiya 100th Anniversary Edition-Box, ist für meine Begriffe saft- und kraftlos, man kann fast schon sagen: teilnahmslos gespielt. Kein Vergleich mit der bei Erato erschienenen Live-Aufnahme Mravinskys vom 4.4.1984, die vor Lebendigkeit nur so strotzt und das Werk auf Hochspannung hält.

Beim Stichwort "saft- und kraftlos" bzw. fast schon "Langeweile pur" muss ich leider auch Maazels 1981 bei Telarc erschienene audiophile Einspielung erwähnen. Diese CD ist nur aufgrund der Koppelung mit Stravinskys Sacre du Printemps behaltenswert, den Maazel meisterhaft interpretiert.

Über Rostropowitschs Washingtoner Aufnahme hat teleton in seinem Beitrag vom 2.10.06 das Wort "brav" fallen lassen. Dem kann ich mich anschließen. Zudem klingt die CD nicht so überzeugend. Und das Orchester ist eben kein Spitzenorchester.

Für Haitink möchte ich hier eine Lanze brechen. Die Aufnahme haut Dich allein schon wegen ihrer Klangqualität vom Stuhl. Decca eben: von der wohl besten aller Schallplattenfirmen erwarte ich auch nichts anderes. Die Interpretation von Haitink ist schlüssig, sehr gut ausdifferenziert. Und dass er den ersten Satz eben sehr langsam nimmt, kann man mögen oder nicht mögen. Ich mag's zur Abwechslung durchaus mal so hören.

Jansons stand mit den Wiener Philharmonikern von allen von mir besprochenen Dirigenten das beste Orchester zur Verfügung und angesichts des Aufnahmedatums (1997) auch die fortgeschrittenste Klangtechnik. Deshalb ist seine Einspielung natürlich nicht wirklich schlecht. Aber er macht wenig aus den ihm gegebenen Rahmenbedingungen. Seine Interpretation berührt mich nicht, sie hängt im langsamen Teil des 4. Satzes geradezu völlig durch. Was übrigens auch für andere Sinfonien aus seiner EMI-Box gilt. Als mich neulich einmal Freunde danach fragten, was denn so besonders an Mravinskys Interpretation der 11. sei, antwortete ich nichts, sondern legte ihnen den 2. Satz einmal mit Jansons und einmal mit Mravinsky auf. Damit war ihre Frage beantwortet. Sie hatten wortlos verstanden.

Womit wir zu guter Letzt bei Bernstein angekommen sind. Ich habe leider nur die 1959er Aufnahme. Die 1979er Einspielung habe ich mir anlässlich dieses Beitrags bestellt, ich bin schon sehr gespannt darauf. Die von Euch so hochgelobte 1974er Live-Einspielung aus Tokyo finde ich leider nirgends, kann mir vielleicht jemand eine Bezugsquelle nennen? Jedenfalls ist für mich Bernstein der Favorit unter allen mir bekannten Interpreten der 5. - dicht gefolgt von Mravinsky 1984. Dass er den 4. Satz natürlich auch als "Show-Piece" begreift, ist doch klar: wir sprechen über Lenny und nicht über Günter Wand. In Bernsteins 1959er Einspielung kommt für mich einfach etwas rüber. Sie geht mir zu Herzen und reißt mich mit. Dass Schostakowitsch seine Interpretation gehört und als gut befunden hat, kann ich übrigens bestätigen. Ausweislich der Leonard Bernstein-Biografie von Humphrey Burton verpasste Schostakowitsch allerdings das allererste Moskauer Konzert Bernsteins mit den New Yorkern im August 1959, weil er gerade im Urlaub war. An jenem ersten Abend führte Bernstein zunächst die sowjetische Nationalhymne auf, danach (in Personalunion als Pianist und Dirigent) das Klavierkonzert G-Dur KV 453 von Mozart und zum triumphalen Schluss des Abends die 5. Schostakowitsch. Das Publikum raste vor Begeisterung, und selbst die offizielle Nachrichtenagentur TASS schrieb, dass seine Interpretation der 5. "die beste war, die man je hörte". Aram Khatchaturian lobte die New Yorker und Bernstein überschwänglich. Das Publikum sei geradezu gebannt gewesen. Als Bernstein nach insgesamt 5 Konzerten in Moskau und weiteren Konzerten in Leningrad und Kiew im September 1959 nach Moskau zurückkehrte, gab er am 11. September 1959 im Rahmen des Abschlusskonzerts der UdSSR-Tournee erneut die 5.: diesmal war nicht nur Boris Pasternak anwesend, sondern auch Schostakowitsch. Es mag zwar immer schon schwer gewesen sein, als noch lebender Komponist den Umarmungen Lennys zu entgehen, aber die Umarmung Schostakowitschs und Bernsteins nach dem Schluss der Aufführung muss überaus herzlich gewesen sein. Sie soll angeblich auch in einem Film festgehalten sein, leider habe ich ihn noch nie zu Gesicht gekriegt.

Weil die 1959er Studio-Aufnahme Bernsteins die zeitliche Nähe zu der UdSSR-Tour hat, kann ich die Begeisterung der russischen Musikhörer sehr gut nachvollziehen. Aber wenn die Tokyoer Live-Einspielung noch mehr "der unbändige Wahnsinn" sein soll bzw. eine "höchst dramatische, sich absolut entladende Interpretation", wie zwei Threadteilnehmer geschrieben haben, schlägt mein Sammlerherz jetzt natürlich auf Hochtouren. Daher nochmals die Bitte: weiß jemand, wo man jetzt noch diese Aufnahme herbekommt? Und könnte jemand teletons Frage beantworten, wie Bernsteins DG-Aufnahme der 5. ist?

Herzliche Grüße,
Joachim aus Hamburg
Thomas228
Stammgast
#23 erstellt: 13. Jan 2007, 22:32
Hallo Joachim,

es freut mich, dass dir dieser Thread gefällt. Noch mehr freut es mich, einen weiteren Schostakowitsch-Liebhaber, der zudem auch noch Lust hat, über seine Hörerfahrungen zu schreiben, hier begrüßen zu können. Willkommen also!!!

Bevor ich auf deine Frage antworte, möchte ich dich darauf hinweisen, dass wir hier im Forum bereits eine Reihe von Schostakowitsch-Threads haben (insbesondere zu den Sinfonien 1 bis 6 und 8, aber auch beispielsweise zu der Kondraschin-Gesamtaufnahme). Weitere Threads werden folgen.

Zu deinen Fragen zu Bernstein:

Teleton hat hier ja ganz schön für Verwirrung gesorgt. Meiner Kenntnis nach verhält es sich wie folgt:

Es existiert keine Aufnahme der fünften mit Bernstein aus 1974. Teleton, der von den New Yorker Philharmonikern in Tokyo und einer CBS-Aufnahme geschrieben hat, dürfte die Aufnahme von 1979 meinen, auf die alle drei Eigenschaften - 1979, CBS, NY-Philharmoniker - zutreffen.

Franz hat bereits auf die Aufnahme hingewiesen. Es ist die CD, auf der auch eine von Aufnahme von Ormandy enthalten ist:

amazon.de
http://www.amazon.de...7030?ie=UTF8&s=music

amazon.de
http://www.amazon.de...7030?ie=UTF8&s=music

Bei der zweiten CD bin ich mir nicht ganz sicher, ob es die 1979er-Aufnahme ist. Ich denke aber, sie ist es.

Für die Deutsche Grammophon hat Bernstein die fünfte Sinfonie nicht aufgenommen. Sämtliche DG-Schostakowitsch-Aufnahmen Bernsteins finden sich in dieser CD-Box (s. den Untertitel "Complete Recordings on Deutsche Grammophon"):


http://www.jpc.de/jp.../rk/home/rsk/hitlist
Enthalten sind die Sinfonien 1, 6, 7 und 9.

Zum besseren Überblick verweise ich nochmals auf die Schostakowitsch-Diskographie: http://develp.envi.o...dsch/work/sym5e.html

Interessant ist vielleicht auch die Bernstein-Diskographie http://www.leonardbernstein.com/discog.php, die allerdings nicht vollständig ist und unter der sich die folgenden beiden Aufnahmen finden:

1)NYP 10/20/59: Boston, Symphony Hall Sony: ML 5445; MS 6115; MY 37218 p MYK 37218; MK 44711; SMK 47615; SMK 61841

2) NYP 07/03/79: Tokyo, Bunka Kaikan Sony: IM 35854; CBS 25AC 808 p MK 35854; MDK 44903

Viele Grüße und munteres Posten

Thomas
M_on_the_loose
Hat sich gelöscht
#24 erstellt: 13. Jan 2007, 23:35
Neulich habe ich mir die Live-Aufnahme der 5. mit den WP unter Solti gegönnt. Ich bin eigentlich alles andere als ein grosser Solti-Fan, aber diese Aufnahme hat mich sehr überzeugt. GS holt aus dem Orchester einen mehr scharfkantigen Klangstil heraus, als man evtl. von den WP erwartet hätte. Die Aufnahme ist exzellent gespielt (da kommen auch Details raus, mit einer unerhörten Klarheit, wie die wirbelnden Figuren in den Geigen in der Eröfnungsphase des letzten Satzes) und sehr eloquent phrasiert und mit einem klaren Blick auf die dramatischen Zusammenhänge aufgebaut. Klingt auch sehr anhörbar.

swjatoslaw
Hat sich gelöscht
#25 erstellt: 13. Jan 2007, 23:55
Lieber Thomas,

das ist ja fantastisch, dass ich so schnell schon eine Antwort auf meine Fragen bekomme und dann noch so fundiert. Herzlichen Dank dafür!

Die 1979er Bernstein-Aufnahme, die ich mir gerade bestellt habe, scheint also tatsächlich die von Euch so gerühmte Live-Aufnahme aus Tokyo zu sein. Eine 1974er Bernstein-Aufnahme gibt es nicht. Laut Bernstein-Diskographie gibt es nur eine am 3. Juli 1979 in Tokyo entstandene Aufnahme, und diese ist auf der mit dem Cellokonzert Nr. 1 von Yo Yo Ma/Eugene Ormandy gekoppelten Sony-CD
http://www.jpc.de/jp.../rk/home/rsk/hitlist
drauf. Der Spielzeitenvergleich, der anhand der bei jpc abrufbaren Coverrückseite möglich ist, verheißt deutliche Unterschiede zur 1959er Bernstein-Aufnahme. Na, ich bin jetzt wirklich gespannt wie ein Flitzebogen!

Vielen Dank nochmals für die kompetente Hilfe, Thomas!
Gute Nacht
Joachim
teleton
Inventar
#26 erstellt: 16. Jan 2007, 08:57
Hallo swjatoslaw und Thomas228,

ja, ich habe mich mit dem datum der Bernstein-Live-Aufnahme aus Tokyo in meinem Beitrag vom 02.10.06 tatsächlich mit dem Datum geirrt - das Konzert fand 03.Juli 1979 statt !

Ich kann mich sonst sehr gut an Daten merken, aber hier konnte ich nicht nachsehen, weil ich den Beitrag "im Dienst" erstellt hatte.

Demnach gibt es 2 Bernsteinaufnahmen mit den NewYorker PH:
1. Die CBS-Aufnahme von 1959
2. Die CBS-Aufnahme Live von 1979

Die von Thomas abgebildete DG-Bernstein-Box enthält nur die Sinfonien Nr.1,6,7,9.
Damit hat sich meine Frage erledigt, wie Bernsteins Funfte hier sei, denn die ist gar nicht in der DG-Box, wie ich annahm.

Swjatoslaw, Du wirst überrascht sein, was Dich bei Bernsteins Live-Aufnahme von 1979 für "ein Wahnsinn" erwartet. Das Dir die 1959er-Aufnahme schon gut gefällt das kann ich verstehen, aber dann wirs Dir die 1979er noch besser gefallen.
Ich habe sie in dieser CD-Version:
Bei mir steht aber noch CBS drauf und nicht wie hier SONY.
amazon.de

Die 2.CBS-CD mit dem Cellokonzert Nr.1 hatte ich auch mal. Ich meine aber, das wäre nicht die Live-Aufnahme gewesen !
Da diese CD klanglich unzufriedenstellend war und ich auch vom Cellokonzert Nr.1 bessere Aufnahmen hatte, verblieb die CD nicht in meiner Sammlung.

Ich bin gespannt auf Deinen Beitrag zu der Aufnahme, die Du nun bestellt hast.
Drosophila
Neuling
#27 erstellt: 20. Jan 2007, 11:22
Hallo Thomas228,

in deinem Beitrag vom 1.10.06 schreibst du, dass Sanderling den zweiten Satz der 5. Symphonie als eine Persiflage auf das Musikprogramm bei den Treffen der Mächtigen sieht (kosakentanz, volksensemble...).

Könntest du mir sagen, aus welcher Quelle diese Information stammt?
Ich schreibe über Schostakowitsch Facharbeit und würde diese Interpretation Sanderlings gerne verwenden, was aber nur geht, wenn ich eine genaue Quellenangabe besitze.

Vielen Dank,
D.
Thomas228
Stammgast
#28 erstellt: 20. Jan 2007, 12:36
Hallo Drosophila,

die Information stammt aus dem Film: "Kurt Sanderling über die 5. Symphonie. Zum 100. Geburtstag von Dmitri Schostakowitsch" Näheres dazu findest du unter dem folgenden link: http://www.hifi-forum.de/viewthread-68-1513.html

Gutes Gelingen für deine Arbeit wünscht

Thomas
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