Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 4

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Thomas228
Stammgast
#1 erstellt: 03. Aug 2006, 12:21
1. Geschichtlicher, biographischer Hintergrund

Die vierte Sinfonie entstand von September 1935 bis April 1936, also rund sechs Jahre nach der dritten. In dieser Zwischenzeit hat Schostakowitsch viel Bühnen- und Filmmusik, aber auch das erste Klavierkonzert und die Oper Lady Macbeth von Mzensk komponiert. War bislang die erste Sinfonie Schostakowitschs einziger großer Erfolg gewesen, änderte sich das mit der Uraufführung der Lady Macbeth von Mzensk schlagartig, gelang Schostakowitsch, der die Oper bewusst kantabel gehalten hat, erneut ein ganz großer Wurf. Der Erfolg war überwältigend. Überall wurde die Oper gespielt, überall wurde Schostakowitsch gefeiert.

Dann sah Stalin sich die Oper an. Ihm missfiel sie. "Das ist Blödsinn und keine Musik", soll Stalin geäußert haben. Bald darauf, am 23.01.1937 erschien in der Prawda der berühmte Artikel "Chaos statt Musik - über die Oper Lady Macbeth von Mzensk". Dort heißt es unter anderem:

"Den Gesang ersetzt das Geschrei. Und wenn es dem Komponisten gelingt, eine einfache, ausdrucksstarke Melodie zu finden, dann stürzt er sich entsetzt ob eines solchen Vergehens sofort wieder in das Dickicht des musikalischen Chaos, das stellenweise in Kakophonie übergeht. Die Klarheit, die der Hörer verlangt, wird durch rhythmischen Wahn ersetzt. Dieser Musiklärm soll Leidenschaft ausdrücken. Das ist die Übernahme der abstoßendsten Eigenschaften des "Meyerholdismus" in den Bereich der Oper... Es ist dies ein linkes Chaos statt einer echten, menschlichen Musik. Die Kraft der Musik, die den Hörer mitreißen kann, wurde zugunsten kleinbürgerlicher und unfruchtbarer formalistischer Versuche und prätentiöser Bemühungen um Originalität mit Hilfe billigster Mittel verschleudert. Dieses Spiel kann aber böse enden." In einem weiteren Prawda-Artikel vom 06.02.1936, der sich mit einem Ballett von Schostakowitsch beschäftigte, wurde die Kritik wiederholt.

Plötzlich und für Schostakowitsch völlig unerwartet wurde er zum Verfemten. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass künstlerische Genies von den sie umgebenden Mittelmäßigen beneidet und angefeindet werden. Nur ging die in der Prawda geäußerte Kritik vom Staat aus. Sie bedeutete in den Zeiten der stalinistischen Diktatur mehr als eine bloße Kritik, war Anfeindung, beinhaltete eine konkrete Todesgefahr. "Dieses Spiel kann aber böse enden", darf erinnert werden. Man sollte berücksichtigen, 1936 war das Jahr, in dem in der Sowjetunion der große Terror begann, der verniedlichend die große Säuberung genannt wird. Jeden Tag verschwanden Menschen. Plötzlich waren sie nicht mehr da. Jeder wusste, was das bedeutete. Die örtlichen Behörden überboten sich darin, die vom Staat vorgegebene Quote (!) an Staatsfeinden zu verhaften. Und wie es so ist: Nachdem Schostakowitsch unter die Verfemten geraten war, wandten Freunde sich ab. Kollegen, welche die Oper und Schostakowitschs Musik soeben noch gelobt hatten, äußerten nun nur noch Kritik - erwähnenswerte Ausnahme: Kabalewski.

Schostakowitsch schrieb den Großteil der vierten Sinfonie nach dem Erscheinen des Prawda-Artikels. Schostakowitschs Befinden fand Einfluss in die Partitur. Die vierte Sinfonie ist das erste Werk Schostakowitschs, das sich mit dem vom stalinistischen Terror ausgehenden Schrecken beschäftigt. In den von Wolkow herausgegebenen Memoiren Schostakowitschs heißt es dazu: "Der Krieg gegen Hitler brachte unendlich viel neues Leid, neue Zerstörungen. Aber darüber habe ich die schrecklichen Vorkriegsjahre nicht vergessen. Davon zeugen alle meine Symphonien, angefangen mit der Vierten."

Und:

"In der Periode, von der ich schon erzählte, war ich dem Selbstmord nahe. Die Gefahr schreckte mich und ich sah keinen Ausweg. Ich war ganz und gar von Furcht beherrscht, war nicht mehr Herr meines eigenen Lebens. Meine Vergangenheit war ausgestrichen. Meine Arbeit, meine Fähigkeiten - sie wurden nicht mehr gebraucht. Und die Zukunft bot keinen Hoffnungsschimmer. Ich wollte einfach verschwinden. Das war der einzig mögliche Ausweg. Ich dachte mit Erleichterung daran. In dieser kritischen Zeit halfen mir Soschtschenkos Gedanken. Er hielt Selbstmord nicht für eine Geistesverwirrung, sondern für einen im höchsten Grade infantilen Akt, für die Meuterei der niederen Kräfte über die höheren, den vollständigen und endgültigen negativen Sieg... Ich ging aus dieser Krise sogar gestärkt hervor, mit mehr Vertrauen in meine eigenen Kräfte... Auch der schändliche Verrat der Freunde und Bekannten erfüllte mich nicht mehr mit soviel Bitterkeit wie zuvor. Er traf mich nicht mehr persönlich. Ich hatte gelernt, mich von anderen Menschen abzusondern. Das wurde meine Rettung. Einige der neu gewonnenen Erkenntnisse sind in meiner vierten Symphonie enthalten. Vor allem am Schluss. Dort ist alles klar ausgedrückt."

Es ist gemutmaßt worden, ob Schostakowitsch dasselbe Schicksal ereilt hätte, wenn Stalin die Oper nicht missfallen hätte. Ich denke schon. Zwar war Schostakowitsch, wie in den vorangehenden Beiträgen berichtet, Ende der zwanziger Jahre auf dem Wege, Staatskomponist zu werden. Sowohl die zweite als auch die dritte Sinfonie waren Propagandawerke. Dasselbe gilt für mehrere Ballette, die Schostakowitsch schrieb, vor allem für das Goldene Zeitalter. Auch im Umgang mit der ausländischen Öffentlichkeit verhielt Schostakowitsch sich linientreu. So äußerte er in einem der New York Times gegebenen Interview: "Es gibt keine Musik ohne Ideologie... Wir sind Musikrevolutionäre... Lenin meinte, dass die Musik ein Mittel zum Zusammenschweißen der Massen ist." Doch wurde die musikalische Freiheit mit den Jahren zunehmend eingeschränkt, wurden die Zügel des sozialistischen Realismus immer straffer. Und die Musik, die Schostakowitsch schrieb, entsprach bei Weitem nicht dem von den Hütern des sozialistischen Realismus Geforderten. Der Zusammenstoß war unvermeidlich. Viele meinen, wäre nicht die Lady Macbeth von Mzensk gewesen, hätte die vierte Symphonie den Zusammenstoß ausgelöst, sind die in ihr enthaltenen Schrägheiten doch viel weitergehender als die in der Oper.

Die für 1937 vorgesehene Uraufführung der vierten Sinfonie, das Orchester unter der Leitung von Stiedry probte schon, fand nicht statt. Die genauen Umstände, die zur Absage der Aufführung geführt haben, sind unklar. Mehrheitlich geht man heute davon aus, dass Schostakowitsch die Aufführung auf Druck von oben, also unfreiwillig abgesagt hat. Zur Uraufführung der Sinfonie kam es erst im Jahre 1961.

2. Werkbeschreibung:

Die Sinfonie Nr. 4 ist ein gewaltiges Werk. Sie erfordert ein riesiges Orchester und dauert etwa eine Stunde. Die drei Sätze, aus denen sie besteht, lauten:
1. Allegro poco moderato - Presto, 2. Moderato con moto, 3. Largo - Allegro.

Ich gestehe offen: Dieses Werk auch nur annähernd vollständig zu beschreiben, ist auf dem hier angemessenen Raum unmöglich. David Hurwitz benötigt in seinem Buch "Shostakovich, Symphonies and Concertos, An Owners Manual" allein zur Beschreibung des musikalischen Geschehens neun Seiten. Das Folgende ist also nicht mehr als eine Kurz-Zusammenfassung unter Hervorhebung einiger bemerkenswerter Stellen - von denen es in dieser Sinfonie viele gibt. Die vierte Sinfonie ist eines jener Werke, die beim häufigen Hören immer interessanter werden.

Ein Zweites kommt hinzu: Ich habe das starke Gefühl, dass eine bloße Beschreibung des musikalischen Geschehens dem Werk nicht gerecht wird. Immer wieder drängt sich mir beim Hören die Frage nach der Bedeutung des Gehörten auf, gibt es sozusagen sprechende Stellen. Auf die Frage nach der Bedeutung habe ich jedoch bisher nirgendwo eine zufrieden stellende Antwort gefunden. Keiner traut sich. Es scheint, als wolle sich niemand angreifbar machen. Hurwitz beschäftigt sich in der Einleitung des oben genannten Buches mit dem - auch bei anderen Sinfonien Schostakowitschs wiederkehrenden - Problem. Er konstatiert ein sehr großes Bedürfnis zu erfahren, was ein abstraktes Musikstück bedeute. Die an der Biografie des jeweiligen Komponisten orientierten Antworten seien aber allzu oft beliebig oder gar falsch. Es gehe zuweilen sogar der Blick auf die Hauptsache, die Musik, verloren. Wichtiger sei es daher, nicht nach der Bedeutung zu fragen, sondern nach der Musik selbst. Das tut er dann auch. Zur Bedeutung kein Wort. Leider, merke ich als Leser an.

Ich werde es anders halten und unten, nach der Kurzbeschreibung der Musik, eine Interpretation des Werkes wagen. Mir ist dabei bewusst, dass es eine allgemeingültige Interpretation nicht gibt, dass sich auch meine Auffassung von dem Werk über die Jahre geändert hat und weiter ändern wird. Aber, wie gesagt: Das Bedürfnis nach einer Antwort auf die Frage nach der Bedeutung ist stark. Ich hoffe sehr, einige von den Lesern werden sich trauen, ihre Auffassung von der Bedeutung der Sinfonie ebenfalls darzulegen.

Nun also zur Kurzbeschreibung des musikalischen Geschehens (die angegeben Zeiten sind die der Barshai-Aufnahme, da ich davon ausgehe, dass diese am weitesten verbreitet ist):

Der erste Satz beginnt mit kurzen, lauten, schrillen Signalen, auf die sogleich das erste, marschartige, aggressive Hauptthema folgt, das für eine Weile das Geschehen beherrscht. Nach einem ersten Höhepunkt erklingt eine leisere, lyrisch wirkende Passage, die aber bald schon zunehmend lauter, hektischer, polyphoner wird. Nach einer Pause ertönt bei 5:29 eine betont rhythmische, merkwürdig meckerige Holzbläsermusik. Trotz mahnendem Blech geht das Treiben noch eine Zeit weiter. Bei 6:44 spielen die Streicher eine hochemotionale Weise, gewissermaßen in der Art von Tschaikowskis Pathetique, werden aber vom Blech und Schlagwerk brutal niedergeknüppelt. Bei 7:18 folgt sodann das zweite Hauptthema: Das Fagott spielt eine traurige Katilene, die von den Streichern übernommen wird. Es folgt ein ruhiges, vorsichtig tastendes Musizieren jeweils von Teilen des Orchesters. Hier ist erstmals deutlich die Celesta zu hören, die später noch eine bedeutende Rolle spielen wird. Bei 10:32 ertönt ein zweitöniges Motiv ("Tick-Tock"). Bei 11:09 meckert das Blech. Die Musik wird allmählich unruhiger, dissonanter, lauter. Bei 12:10 kommt gewissermaßen Sturm auf. Der unruhige Gang des musikalischen Geschehens setzt sich fort. Dann, bei 13:44, ertönt ein scherzoartiger Marionettenmarsch. Gespielt wird (Sonatenhauptsatztechnisch betrachtet als Durchführung) das vom Anfang bekannte Hauptthema. Die Musik wird immer stärker verzerrt. Bei 15:45 bricht sie schließlich in sich zusammen. Eine Fuge in der Gestalt eines tosenden Wirbelsturms kommt daher, geht im Galopp über in ein großes Durcheinander, endet kraftlos. Aus den Resten des Wirbelsturms entsteht bei 18:18 der Marsch, der aber schon nach kurzer Zeit bei 18:29 in einen Walzer übergeht. Ab 19:26 bis 19:57 ist durchgängig ein hoher Ton zu hören, auf den ab 20:00 ein in Form mehrfacher Crescendi daherkommendes Donnergrollen folgt. Es handelt sich um den Vorspann für die Wiederkehr des marschartigen Hauptthemas, also die Reprise. Bei 21:16 ist es soweit. Das Hauptthema beginnt mit dem Marsch, bleibt aber zur großen Verblüffung des Hörers aus. Die Reprise scheitert. Stattdessen spielt ab 21:58 das Englischhorn das zweite Hauptthema. Ab 23:00 setzt die Solovioline ein. Das Tick-Tock-Motiv ertönt. Dann ab 24:26 wird schließlich doch noch das marschartige Hauptthema gespielt, allerdings anders als erwartet. Ganz zurückgenommen, ohne Kraft erklingt es im Fagott. Die Musik beginnt schließlich zu verklingen. Ein kurzes Aufbäumen noch, dann verklingt die Musik ins Nichts.

Der zweite Satz hat eine klare ABABA-Form. Bemerkenswert ist der Mittelteil, der aus einer Fuge, zunächst für Streicher, dann für Holzbläser besteht. Ab 8:06 ist ein rhythmisches Tick-Tock-Muster zu hören, gespielt von Trommel und Kastagnetten und Holzblock. Auch dieser Satz geht leise zu Ende

Der dritte Satz ist eine Wundertüte, in Tempo und musikalischem Gehalt höchst abwechslungsreich. Dennoch hat der Hörer nie den Eindruck, etwas nicht zusammen Gehörendes zu hören, wirkt der Satz einheitlich. Der erste Teil des dritten Satzes ist ein Trauermarsch, der genau so auch in einer Sinfonie Gustav Mahlers stehen könnte. Bereits im zweiten Satz hat es Anklänge an die Musik Mahlers gegeben, insbesondere an die Fischpredigt des Antonius von Padua (Lied bzw. dritter Satz der zweiten Sinfonie). Hier aber, zu Beginn des dritten Satzes, ist Schostakowitsch mahlerisch wie es mahlerischer gar nicht mehr geht. Mahlerisch setzt sich der dritte Satz auch nach dem Allegro - man mag die dort ertönende Musik als Fluchtthema oder auch nur als schnelle Toccata bezeichnen - insofern fort, als sich an den nun ertönenden Walzer eine Burleske, ein Gallopp, komische Märsche anschließen, die aber nicht nur - wie bei Mahler - humoristisch wirken, sondern bereits - und insoweit ganz Meyerholdscher Schostakowitsch - grotesk. Mahlerisch ist auch der zu Beginn der Coda zu hörende misslingende Versuch, einen positiven Abschluss zu finden. Ein Choral, eine Fanfare ertönt. Jedoch, ein reines, strahlendes C-Dur stellt sich hier nicht ein. Im Gegenteil wird der Versuch tragisch abgebrochen. Es erklingt nicht C-Dur, sondern c-Moll. Die Musik hört auf, Musik zu sein. Nur noch die Celesta erklingt, leise, beharrlich, immer wieder. Sie klingt inhaltslos, leer. Der Hörer bleibt zutiefst betroffen zurück.

Zur Interpretation: Ausgangspunkt meiner Interpretation ist die Gleichsetzung des brutalen Marschthemas mit der stalinistischen Diktatur, genauer mit der abstrakt vom Staat ausgehenden Gewalt. Die zu Beginn ertönenden drei schrillen Signale höre ich als Angst-Schreie des unterdrückten Individuums. Gleich nach ihnen zeigt sich der Staat in seiner aggressiven Kraft, in seinem Schrecken. Die sich anschließend ruhige Passage beschreibt das Leben der Menschen, die sich unter den gegebenen Umständen irgendwie durchwurschteln. In dieses Leben der Menschen, konkret auch das der Komponisten dringt aber immer wieder störend der Staat ein. Die zunehmende Polyphonie macht deutlich, dass ein Zusammenleben nicht möglich ist. Es kommt zu Spannungen, zu Reibungen. Immer wieder verordnet der Staat, das Hauptthema, wie man sich zu verhalten hat. Die bei 5:29 nach einer kurzen Pause erklingende merkwürdig meckerige Holzbläsermusik steht in meinen Augen für das hohl belehrende Reden eines Funktionärs, beispielsweise aus dem Komponistenverband. Ich stelle mir vor, die Leute leben angespannt, polyphon vor sich hin, als sich eine Tür öffnet und ein hochrangiger Funktionär erscheint. Alles verstummt. Dann beginnt der Funktionär zu reden: "So geht es nicht weiter. So müsst ihr es machen..." Nach jeder Phrase erklingt in den gezupften Streichern ein Ausrufezeichen. Trotzdem, das Leben geht weiter. Der Staat, das Blech mahnt. Dann bei 6:44 trauen die Menschen, traut der Komponist sich laut zu beklagen ("Pathetique"), werden bzw. wird aber für diese Unbotmäßigkeit sogleich brutal niedergeknüppelt. Was bleibt ist Trauer, nämlich das bei 7:18 ertönende zweite Hauptthema. Das Tick-Tock-Motiv steht meiner Auffassung nach für die vertreichende Zeit. Wieder, bei 11:09, meckert das Blech. Das Leben wird, durch zunehmende Dissonanzen deutlich gemacht, immer unerträglicher. Es kommt Sturm auf. Nicht einmal im Schlaf findet der Bürger/der Komponist Ruhe. Denn selbst in den Traum dringt der Staat ein, bei 13:44 marionettenhaft, alptraumhaft verzerrt. Der Bürger erwacht. Er versucht, den Alptraum von sich abzuschütteln, durch den Wirbelsturm versinnbildlicht Tabula rasa zu machen. Es geht nicht. Das Marschthema, der Staat ist nach dem Wirbelsturm immer noch da, wenn auch nur kurz. Wie Hohn wirkt dieserorts der Walzer, in den das Marschthema übergeht. Den hohen Ton ab 19:26 verstehe ich als Kopfschmerzen des Bürgers. Sie, die Kopfschmerzen, sind das, was von der Anstrengung bleibt. Dann aber zeigt sich, dass der Staat, die Wortführer des sozialistischen Realismus doch nicht so stark sind, wie gedacht. Widerstand lohnt. Weiterleben lohnt. Denn die Anstrengung des Wirbelsturms bewirkt, dass die Wiederkehr des Hauptthemas, die Reprise, bei 21:16 gerade nicht eintritt, sondern es weiterhin möglich ist, sein eigenes Lied zu singen, seine eigene Meinung zu sagen oder zumindest zu haben. Der als so übermächtig angesehene Staat ist so stark dann doch nicht. Das bei 24:26 kraftlos gespielte Hauptthema zeigt, dass die Ideologie des Staates gehaltlos und hohl ist. Ohne Gewalt ist sie ein Nichts. Im Nichts endet sie daher auch folgerichtig. Der erste Satz könnte den Titel tragen: "Wie es ist und was man versucht".

Der zweite Satz könnte heißen: "Der Versuch, trotz allem die gute Laune zu behalten". Es muss aber gesagt werden: Der Versuch misslingt. Ein wirklich fröhliches Scherzo will nicht aufkommen. Die Musik bleibt merkwürdig kalt. Das Anknüpfen an die Fischpredigt ist nicht zufällig. Die Mehrheit der Menschen ist und bleibt dumm, lernt nichts, tut nichts. Das Leid des Intellektuellen am Versagen der Masse. Am Ende erscheint dann das Tick-Tock-Motiv. Maxim Schostakowitsch hat gemeint, es stehe für die verstreichende Zeit. Dem schließe ich mich an. Die Deutung Roshdestwenskis, der mit diesem Motiv die Botschaften assoziierte, die die Gefängnisinsassen sich über die Wasserrohre einander zu klopfen, geht mir zu weit.

Der dritte Satz könnte heißen: "Wohin das führt". Nämlich zum Absterben jeglicher künstlerischer Energie, zur Resignation. Der Trauermarsch spricht für sich. Die anschließenden Versuche, alle möglichen Tanzmusiken, Galoppe und Heiterkeiten anzustimmen, misslingen, sind angesichts der Geschehnisse extrem unpassend. Es handelt sich um eine Groteske. Dadurch, dass der Hörer bemerkt, wie unpassend heitere Musik ist, wird ihm verdeutlich, wie leidvoll die Wirklichkeit ist. Am Schluss wird mit dem misslingenden Choral vorgeführt, wie unmöglich Jubel, Optimismus geworden ist. Postives Denken bleibt einem im Halse stecken. Was bleibt ist Ausweglosigkeit, dunkle, triste Ausweglosigkeit.

Zum Weiterlesen (teils in Englisch, besonders nützlich ist die unter dem ersten link zu findende Tabelle):
http://www.schulmusi...akowitsch_4_Sinf.pdf
http://www.musikmph..../shostakovich/1.html
http://www.koball.de/texte/texte_frame.htm (dort findet sich der Artikel "Pathos und Groteske - Dmitri Schostakowitsch und das symphonische Ich", in dem interessante Ausführungen vor allem zum Verständnis des dritten Satzes zu finden sind, und zwar vor dem Abschnitt über die sechste Sinfonie).
http://en.wikipedia.org/wiki/Symphony_No._4_(Shostakovich)
http://www.sfsymphon...deid=3668&callid=792
http://www.siue.edu/~aho/musov/reccom/reccom.html

3. Interpretationen auf CDs:

Eine Übersicht der vorhandenen Aufnahmen findet sich hier: http://develp.envi.o...dsch/work/sym4e.html

Ich besitze folgende CDs:

Barshai, WDR-Sinfonieorchester, Brilliant-Gesamtaufnahme, aufgenommen 1996
N. Järvi, Scottish National Orchestra, Chandos, aufgenommen, 1989
Kondrashin, Moscow Philharmonic-Orchestra, Melodiya-Gesamtaufnahme, aufgenommen 1972
Roshdestwensky, Staatl. Sinfonie-Orchester des Kultusministeriums der UdSSR, aufgenommen 1985

Jede dieser Aufnahmen hat ihre Meriten, jede ist zumindest sehr gut.

Kondrashin, als Uraufführungsdirigent sozusagen der Gralshüter dieses Werks, hat das Problem des deutlich schlechtesten Klangs. Das Klangbild ist dumpf. Die Musik leidet darunter sehr Gerade die so sehr berührenden Enden des ersten und dritten Satzes wirken nicht, die Töne der Celesta klingen nicht, wirken verfärbt. Nun bin ich der letzte, der eine Aufnahme wegen eines schlechten Klangbildes nicht hört. Entscheidend ist das ansonsten Gebotene. Da aber ist Kondrashin meiner Ansicht nach ebenfalls nur der Viertbeste. Kondrashins Aufnahme berührt mich am wenigsten. Ich habe den Eindruck, er, ausgerechnet er, der ja eigentlich ein Meister der Spannung ist, ist nicht in der Lage, über das bloße Spiel der Noten hinaus hinreichend den hier gebotenen musikalischen Ausdruck zu erzielen. Es sei aber festgehalten, die Aufnahme ist keinesfalls schlecht. Nur sind die anderen besser.

Roshdestwenski muss man gehört haben, um zu wissen, wie viel Kraft, wie viel Gewalt in dieser Sinfonie enthalten sind. Bei vergleichsweise gutem Klang wird der Hörer geradezu erschlagen von dem Blech, den Pauken, der ur-russischen Kraft. Die Bedrohlichkeit des Marschthemas, hier wird sie handgreiflich. Unfassbar! Allerdings gelingen die anderen Teile der Musik weniger gut. Die Walzer, die lyrischen Stellen scheinen Roshdestwenski weniger zu liegen. Salopp gesprochen: Nur mit festem Draufhauen wird man der Sinfonie gerecht. Allerdings: Dies ist Kritik auf höchstem Niveau. Roshdestwenskis Aufnahme würde ich jederzeit wiederkaufen. Das Geleistete ist viel zu großartig, als das die beschriebene Kritik sie schlecht machen könnte.

Barshai hat mich beim ersten Hören positiv überrascht. Mit solch guter Aufnahme hatte ich nicht gerechnet. Sie ist hervorragend, kann sich mit jeder Hochpreisaufnahme messen. Bei sehr guter Tonqualität gelingt es Barshai, allen Facetten des Werkes gerecht zu werden. Nur in der Attacke bleibt er ein wenig (wirklich nur ein wenig) schuldig, fehlt der russische Orchesterklang, fehlt etwas Kraft. Das, so denke ich, fällt aber nur auf, wenn man Roshdestwenski kennt, und wird durch das Gelungene mehr als wettgemacht. So habe ich beispielsweise die Wirbelsturm-Fuge aus dem ersten Satz nie so eindrucksvoll gehört wie hier. Höchst empfehlenswert!

Meine absolute Lieblingsaufnahme ist und bleibt aber die von N. Järvi auf Chandos. Manchmal klingen Chandos-Aufnahmen hallig. Hier ist nichts davon zu spüren. Im Gegenteil, der Klang ist großartig. Und das musikalisch Gebotene ist nicht zu toppen. Auch Järvi erreicht nicht die Brutalität von Roshdestwenski. Aber alles andere wird mustergültig gespielt. Nicht umsonst ist diese Aufnahme die Referenz von dem Magazin Gramophone und ist dies die Aufnahme, die in der letzten Ausgabe des CD-Führers vom Fono-Forum (1995/96) empfohlen wurde. Dort heißt es: "Den komplizierten Assoziationsfluss bändigt Neeme Järvi in seiner Aufnahme, nicht ohne ihn gleichzeitig mit Energie zu versorgen, so dass der große Zusammenhang erhalten bleibt. Facetten- und farbenreiches Orchester, phantastische Klangqualität."

Schön, lieber Leser, wenn du bis hier durchgehalten hast. Der Beitrag ist doch etwas lang geworden. Dabei habe ich durchweg versucht, mich zu beschränken. Nun ja, ich denke, es ist deutlich geworden: Die vierte Sinfonie ist eine meiner absoluten Lieblingssinfonien. Sie liegt mir am Herzen. Eben deshalb interessiert mich besonders: Was haltet ihr von der Sinfonie? Wagt ihr ebenfalls eine Interpretation? Wie lautet sie? Nebenbei: Kennt jemand die Aufnahme Rattles?

Thomas
s.bummer
Hat sich gelöscht
#2 erstellt: 04. Aug 2006, 11:49
Whow, was für ein Artikel!

Und er brachte soviel Neues!
So war ich bisher immer der Meinung, dass DSCH die Vierte bereits proben lies, als am Januartag des Jahres 1936 der Artikel "Chaos statt Musik" erschien.
Dass DSCH die Sinfonie quasi auf Empfehlung von oben zurückzog und nicht einzig aus Angst vor möglichen Konsequenzen, das wusste ich schon, dass er sie aber in großen Zügen erst nach der Prawda Katastrophe schrieb; Aha!
Ich kann mir das nur erklären mit seiner Art zu komponieren, die er bei Volkow damit umrissen hat, dass er ein Werk bereits vollständig fertig im Kopf habe, bevor es zu Papier komme und er daher auch bei großem Lärm und Störungen "komponieren" könne, das Werk sei ja bereits komponiert, er müsse es nur noch aufschreiben.
Insofern glaube ich sehr wohl, dass er die vierte komplett VOR und die Fünfte dann Nach dem Prawda Artikel entstanden sind.
Wie dem auch sei, es ist ein schöner Untersuchungsgegenstand für Forschungen.

Dass ich unabhängig davon die Vierte als "Greatest Symphony EVER" bezeichnet habe, steht in einem anderen Beitrag. Dabei wechseln durchaus meine Lieblingspassagen. Seit längerer Zeit ist es aber wohl der Ausbruch mit dem sich anschließenden kompletten Zusammenbruch am Ende der Sinfonie.
Früher war es der martialische Anfang, doch der muss gar nicht so scheppern wie ihn Roshdestwenski darbietet, eine Ähnlichkeit mit dem Anfang von Mahler 4 ist nämlich durchaus da und die ist geradezu zärtlich.
Genau deshalb halte ich seit fast 30 Jahren die Aufnahme mit Andre Previn und den Chicago Symphony Orchestra besonders in Ehren. Er war der erste, der mich diese Querverweise hören lies und nicht nur wie Roshdestwenski und weniger Kondrashin auf pure Kraft setzte.
Ich habe vor Tagen nochmals Kondrashin (als LP Überspielung auf Tonband und als CD) nachgehört; die Aufnahme ist sehr gelungen, sie klingt aber so sauschlecht (anderes Wort für müllig), spitz in den Höhen, unaufgelöst im Bass, dröhnig und in der Stereoperspektive wie ein Bonsaiorchester, dass ich unbedingt die späte Kondrashin Aufnahme aus dem Westen noch mal haben muss, denn es kann nicht sein, dass dem Uraufführungsdirigenten hier eine der klanglich schlechtesten Aufnahmen des Zyklus zugemutet werden muss.

Abgesehen davon ist Previn auch beim Schluss der Sinfonie einer der die Bezüge zur Avantgarde sehr stark hervorbringt. Eine großartige Interpretation.
Insofern würde ich auch Großartiges zum Beispiel von Kent Nagano erwarten können.

Ein schönes Hörerlebnis der Vierten unter Barschai in Lübeck hatte ich schon woanders im Forum geschildert.

Eine richtig schlechte Aufnahme der Vierten kenne ich nicht, ich glaube aber, dass Dirigenten der Moderne dem Werk mehr Perspektiven abgewinnen werden als solche, die in DSCH eher einen Nachfolger Tschaikowskys und Mussorgskys sehen oder ihn gar auf Mahler reduzieren.

Gruß S.


[Beitrag von s.bummer am 04. Aug 2006, 11:52 bearbeitet]
musiccreator
Ist häufiger hier
#3 erstellt: 04. Aug 2006, 11:56
Sehr interessanter Artikel Thomas!

Deine Interpretation klingt für meine Begriffe sehr schlüssig und bietet für "Neueinsteiger" einen guten Angelpunkt. Fragt sich nur, ob Schostakowitsch wirklich derart programmatisches im Sinn hatte oder ob es ihm lediglich darum ging, sich mit dem Werk eine Last von der Seele zu schreiben, so dass die Musik mehr allgemeingültig Ängste, Wut und Trauer ausdrückt.
Unter Schostakowitschs Werken halte ich sie für eine seiner besten Sinfonien. Mich wundert allerdings, dass er sich selbst einmal darüber äußerte, sie sei ihm "misslungen" (wie es im Beiheft der Haiting-Aufnahme zu lesen ist). Hat er diese Aussage später einmal revidiert und sich positiv über sein Werk geäußert?

Kürzlich habe ich mir eine Live-Aufnahme des Werkes unter Kondrashin gekauft. Er hat sie 1963 mit der Dresdner
Staatskapelle aufgeführt und die Aufführung wurde live übertragen. Die später entstandene Aufnahme bei Melodia kenne ich nicht, aber nach allem was du darüber schreibst, habe ich den Eindruck dass die Live-Aufnahme mit den Dresdnern besser ist, da sie mir sehr spannungsgeladen und fesselnd erscheint (im Vergleich mit Barshai, Jansson und Haiting). Möglicherweise liegt das auch daran, dass sie kurz nach der Uraufführung entstand, zu einer Zeit also, da Kondrashin das Werk neu und tiefgehend einstudiert hat. Abstriche muss man natürlich bei der Klangqualität machen, die aber für eine Live-Aufnahme des DDR-Radios überraschend gut ist.

Grüße,
Musiccreator
Thomas228
Stammgast
#4 erstellt: 04. Aug 2006, 17:05
s.bummer schrieb:

So war ich bisher immer der Meinung, dass DSCH die Vierte bereits proben lies, als am Januartag des Jahres 1936 der Artikel "Chaos statt Musik" erschien.
Dass DSCH die Sinfonie quasi auf Empfehlung von oben zurückzog und nicht einzig aus Angst vor möglichen Konsequenzen, das wusste ich schon, dass er sie aber in großen Zügen erst nach der Prawda Katastrophe schrieb; Aha!
Ich kann mir das nur erklären mit seiner Art zu komponieren, die er bei Volkow damit umrissen hat, dass er ein Werk bereits vollständig fertig im Kopf habe, bevor es zu Papier komme und er daher auch bei großem Lärm und Störungen "komponieren" könne, das Werk sei ja bereits komponiert, er müsse es nur noch aufschreiben.
Insofern glaube ich sehr wohl, dass er die vierte komplett VOR und die Fünfte dann Nach dem Prawda Artikel entstanden sind.

Ja, ich wüsste auch gern genau, wie viel und was von der vierten Sinfonie Dmitri Schostakowitsch zeitlich nach dem Erscheinen des Prawda-Artikels geschrieben hat. Ist die Antwort auf diese Frage doch von zentraler Bedeutung für das Verständnis der vierten Sinfonie!

So wird die Sinfonie teilweise als letztes unbeschwertes Werk Schostakowitschs verstanden. Meines Erachtens ist das falsch. Richtig ist nur, dass die Vierte Schostakowitsch letztes offen experimentierfreudiges Werk ist. Ab der Fünften hat Schostakowitsch sich nur noch verdeckt, unter der Oberflächig geäußert, werden die Sinfonien doppelbödig. Die offene Experimentierfreudigkeit darf aber nicht mit Unbeschwertheit gleichgesetzt werden. Ich sehe es, wie im Einführungsbeitrag geschrieben: Die Vierte ist Schostakowitschs erstes Werk, das sich mit dem vom stalinistischen Terror ausgehenden Schrecken beschäftigt, und zwar auch ganz konkret als Reaktion auf das erste Scherbengericht.

In der Biographie von Meyer heißt es zum Kompositionszeitpunkt: "Im Jahr 1935 hat er [Schostakowitsch] - abgesehen von fünf Orchesterfragmenten, die einen ausgesprochen labormäßigen Charakter haben, sowie einigen Anfangsseiten einer neuen, der Symphonie Nr. 4 - fast nichts komponiert." Und an anderer Stelle: "Die Arbeit an einer neuen Symphonie, die er [Schostakowitsch] bereits im Jahr zuvor [1935] skizziert hatte, deren Idee aber schon viel früher entstanden war, nahm ihn völlig gefangen Zur eigentlichen Realisierung dieses Vorhabens kam er nämlich jedoch erst nach der Kritik vom Januar Der Komponist arbeitete pausenlos an der Partitur und beendete am 20 Mai das große einstündige Werk Es ist eines der erschütterndsten und tragischsten Werke Schostakowitschs, denn es spiegelt seinen damaligen seelischen Zustand wider."

Ich habe keinen Anlass, Meyer nicht zu folgen. Richtig ist, dass Schostakowitsch ein Werk vor der Niederschrift schon im Kopf hatte. Wenn Schostakowitsch die Sinfonie im Januar aber bereits in Gedanken fertig komponiert gehabt hätte, hätte er bis zur Fertigstellung nicht noch drei, vier Monate benötigt.

Keinesfalls haben die Proben zur Uraufführung bei Erscheinen des Prawda-Artikels bereits stattgefunden. Dabei ist einerlei, ob die Sinfonie im Mai, wie Meyer schreibt, oder im April, wie ich im Einführungsbeitrag dem Sikorski-Werkverzeichnis folgend (dort ist als Fertigstellungsdatum der 26.04.1936 genannt) geschrieben habe. Jedenfalls kann die vierte Sinfonie bei Erscheinen des Prawda-Artikels im Januar noch nicht geprobt worden sein, da sie schlicht noch nicht fertig war.

Den Moment, in dem Schostakowitsch den Artikel gelesen hat, beschreibt Meyer wie folgt: "Schostakowitsch blieb nur knapp einen Tag in Moskau und fuhr weiter nach Archangelsk, wo er zusammen mit Wiktor Kubazki in einigen Konzerten auftreten sollte. Dies war am 28. Januar. Noch auf dem Bahhof kaufte er die neueste Ausgabe der Prawda, in der er einen Artikel unter dem Titel "Chaos statt Musik - über die Oper Lady Macbeth von Mzensk" fand. Er begann zu lesen, und sein Erstaunen wandelte sich in immer größeres Entsetzen. Schostakowitsch legte die Zeitung auf die Knie, senkte den Kopf, nahm die Brille ab und begann wie ein Kind zu schluchzen. Der Artikel war nicht unterzeichnet. Dies bedeutete, das er die Meinung der Partei oder des Machtapparats ausdrückte… In der damaligen Presse tauchten immer wieder solche Artikel auf, die Gelehrte, Ingenieure und Schriftsteller in den Schmutz zogen. Sie kündigten stets Verfolgungen an; es drohten Verhaftung und sogar Verbannung mit Todesurteil. Der recht ratlose Wiktor Kubazki versuchte dem unglücklichen Freund beizustehen und ihn zu trösten, indem er auf die Stellen im Test hinwies, in denen Schostakowitsch das Vorhandensein von Talent nicht abgesprochen Wurde. Beiden war jedoch klar, dass diese Stellen belanglos waren."

musiccreator schrieb:

Mich wundert allerdings, dass er sich selbst einmal darüber äußerte, sie sei ihm "misslungen" (wie es im Beiheft der Haiting-Aufnahme zu lesen ist). Hat er diese Aussage später einmal revidiert und sich positiv über sein Werk geäußert?


In der Tat hat Schostakowitsch bei einem Treffen mit jungen Komponisten im Jahre 1955 laut Protokoll geäußert (zitiert nach Meyer): "Die überwältigende Mehrheit meiner symphonischen, kammermusikalischen und anderen Werke ist mir teuer, mit Ausnahme vielleicht der völlig missratenen Symphonien Nr. 2, Nr. 3 und Nr. 4." Nur handelt es sich hier um eine offizielle Äußerung. Solche sind bei Schostakowitsch immer mit Vorsicht zu genießen. Offiziell hat Schostakowitsch sogar seine fünfte Sinfonie als Antwort auf gerechtfertige Kritik bezeichnet. Nun ja...

Kondrashin, der Uraufführungsdirigent, schreibt hingegen in seinen Erinnerungen (abermals zitiert nach Meyer), dass Schostakowitsch ihm gegenüber geäußert habe: "Kann gespielt werden. Es muss nicht umgearbeitet werden. Die Symphonie ist mir auch heute noch teuer."

Dieses Zitat scheint mir die wirkliche Meinung Schostakowitschs wiederzugeben.

Ich möchte anmerken: Warum sollte die vierte Sinfonie Schostakowitsch auch nicht teuer sein? Hatte er doch allen Anlass, auf das Werk stolz zu sein!

Thomas
musiccreator
Ist häufiger hier
#5 erstellt: 05. Aug 2006, 20:05

Früher war es der martialische Anfang, doch der muss gar nicht so scheppern wie ihn Roshdestwenski darbietet, eine Ähnlichkeit mit dem Anfang von Mahler 4 ist nämlich durchaus da und die ist geradezu zärtlich.


Kann ich nicht ganz nachvollziehen. Mich erinnert der Anfang der Sinfonie eher an Mahlers 6,seine "Tragische", die mit einem ähnlich brutalen Marsch beginnt und einen ähnlichen Gestus hat. Mahlers 6. sagt man nach, sie soll die Schrecken des 20. Jahrhunderts quasi prophetisch vorausgesagt haben; wenn ich das Finale von Schostakowitschs 4. höre, ab dem ff-Ausbruch am Ende, habe ich einen ähnlichen Eindruck, als wenn mir hier jemand sehr pessimistisch und angstvoll in die Zukunft blickt.

Möglicherweise hat Schostakowitsch sich ja auch nur deswegen nie so wohlwollend über diese Sinfonie geäußert, weil seine privaten Erinnerungen im Zusammenhang mit diesem Werk zu sehr angstbesetzt waren.


Ich habe vor Tagen nochmals Kondrashin (als LP Überspielung auf Tonband und als CD) nachgehört; die Aufnahme ist sehr gelungen, sie klingt aber so sauschlecht (anderes Wort für müllig), spitz in den Höhen, unaufgelöst im Bass, dröhnig und in der Stereoperspektive wie ein Bonsaiorchester, dass ich unbedingt die späte Kondrashin Aufnahme aus dem Westen noch mal haben muss, denn es kann nicht sein, dass dem Uraufführungsdirigenten hier eine der klanglich schlechtesten Aufnahmen des Zyklus zugemutet werden muss.


Welche Aufnahme von Kondrashin meinst du denn? Ich kenne nur die Dresdner Live-Einspielung, weiß aber, dass Kondrashin auch später bei Melodia eine Einspielung gemacht hat; nun schreibst du, er hat später im Westen nochmals eine Aufnahme gemacht. Würde mich interessieren, um welche es sich dabei handelt.

Grüße,
Musiccreator
Thomas228
Stammgast
#6 erstellt: 05. Aug 2006, 22:08
Hallo Musiccreator,

laut der unter diesem link http://patachonf.fre...hp?p=c#Chostakovitch
zu findenden Kondrashin-Discographie (Schostakowitsch ist dort unter dem Namen Chostakovich zu finden) hat Kondrashin die Sinfonie Nr. 4 zwei Mal aufgenommen. Einmal 1962 in Moskau, einmal 1980 in Paris. Letztere Aufnahme ist nie offiziell erschienen. Zitat aus der Discographie:

"Symphonie n° 4 en ut mineur · opus 43 (1934/36)

La Symphonie n° 4 de Chostakovitch a été créé le 30 décembre 1961 par Kondrachine

[1] ø Moscou, 1962 - OP. Moscou - LP : Chant du Monde LDXA 8327/28 / LDXA 78 413/14 (+ Hamlet/Rojdestvenski) - CD : BMG/Melodiya 74321 198402
Durées : I. 25'38 - II. 8'20 - III. 26'01"
10 Rép. n° 11, 73 / 4Y Diap. n° 73, 410 (intégrale) / 3* Monde

[2] ø Concert Paris, Théâtre des Champs-Elysées, 29 mars 1980 - O. Paris - [Origine : Pirate]"

Thomas
musiccreator
Ist häufiger hier
#7 erstellt: 06. Aug 2006, 20:46
Danke Thomas für die Klärung!


laut der unter diesem link http://patachonf.fre...hp?p=c#Chostakovitch
zu findenden Kondrashin-Discographie (Schostakowitsch ist dort unter dem Namen Chostakovich zu finden) hat Kondrashin die Sinfonie Nr. 4 zwei Mal aufgenommen. Einmal 1962 in Moskau, einmal 1980 in Paris. Letztere Aufnahme ist nie offiziell erschienen. Zitat aus der Discographie:


Dann scheint es insgesamt drei Einspielungen zu geben, denn außer den oben erwähnten, die ich nicht besitze, habe ich -wie schon erwähnt- eine Live-Aufnahme mit der Dresdner Stattskapelle unter Kondrashin (aus dem Jahr 1963), die ich sehr empfehlen kann (allerdings kenne ich seine anderen Einspielungen nicht). Klanglich ist sie ganz passabel und interpretatorisch ist sie so leidenschaftlich, dass ich mir keine bessere Einspielung vorstellen kann (zumal ich ja schon Haitink und Jannson) kenne.
Da Kondrashin hier jedoch dennoch nicht so gut wegzukommen scheint, habe ich mir dank deiner CD-Empfehlungen, Thomas, heute auch noch die Järvi-Aufnahme und die Einspielung mit Roshdestwensky und dem Staatl. Sinfonie-Orchester des Kultusministeriums der UdSSR bestellt.

Grüße,
Musiccreator
musiccreator
Ist häufiger hier
#8 erstellt: 06. Aug 2006, 20:53
Um die Verwirrung noch zu steigern:


Thomas, du schreibst Kondrashin hat die Aufnahme 1962 in Moskau aufgenommen. Auf folgender Seite

http://develp.envi.o...dsch/work/sym4e.html

wird aber noch von einer Kondrashin Aufnahme berichtet, die mit den Moskauern 1966 aufgenommen wurde. Damit hätten wir dann schon vier Einspielungen dieses Werkes mit Kondrashin. (-;
Thomas228
Stammgast
#9 erstellt: 06. Aug 2006, 22:11
Hallo musiccreator,

tja, das mit den Kondrashin-Aufnahmen ist wirklich vertrackt. Allerdings halte ich die Angabe des Jahres 1966 in der von dir im letzten Beitrag genannten link für einen Fehler. Klickt man auf den bei dieser Aufnahme angegebenen link, erhält man das Cover der Gesamtaufnahme. Davon gibt es nun wirklich nur eine.

Im Übrigen freut es mich, dass du meine Empfehlung zum Anlass genommen hast, dir die beiden CDs zu kaufen. Um deine Vorfreude noch zu erhöhen zitiere ich aus dem Buch des BBC Music Magazine "Top 1000 CDs Guide", welches ebenfalls Järvi empfielt (ich hoffe, du kannst Englisch):

"Baggy monster it may be, devouring and regurgitating the unheeded novelties of the astonishing early ballet The Age of Gold, but there are sounds and abysses in Shostakovich´s Fourth Symphony which he never dared again... Nothing in the composer´s output is more breathtaking than the holocaust launched by the strings in frantic, fuguing semiquavers at the heart of the first movement; and no performance blisters and skids quite like the SNO´s under Järvi, ripping up the earth in an awesome display of elemental force. In a Mahlerian finale of even more harrowing emotions - a reflection, surely, of the composer´s suicidal thoughts at the time - Järvi´s ruthless control of the structure keep us tense, anxious to know the outcome of the nervy central dance-sequence. The SNO brass then unleash the perration with queasy force, and the desolate, faltering-heartbeat coda induces bxy this murderous display of strength in supremely atmosphericc. This is a grimly sympathetic interpretation which leaves others - including the recent Rattle verrsion, superbly prepared but less engaged - out in the cold."

Vergiss nicht, deine Einschätzung der Aufnahmen mitzuteilen, nachdem du sie gehört hast.

Thomas
peet_g
Stammgast
#10 erstellt: 14. Aug 2006, 11:41
@musiccreator

Danke für den Tipp mit der Dresdner Aufnahme Kondraschins. Ich habe bestellt, melde mich, wenn ich sie bekommen habe.
teleton
Inventar
#11 erstellt: 15. Aug 2006, 10:22
Hallo Thomas,

nach meinem Sommerurlaub lese ich hier mit erneuter Begeisterung Deinen wunderbaren Beitrag zu Schostakowitsch´s Sinfonie Nr.4, der die bisherigen Sinfoniebeiträge nochmals übertrifft.
Kein Wunder, denn die Sinfonie Nr.4 ist Deine Lieblingssinfonie und man erkennt dies und welch großes Werk hier von Schostakowitsch geschaffen wurde in Deinem Beitag deutlich.

Zu Deiner interessanten Beschreibung, die viele Neuigkeiten bringt, gibt es nichts hinzuzufügen.

Meine Aufnahmen sind
1. Kondraschin auf Eurodisc-LP (diese kam mir damals nie klangtechnisch so schlecht vor, wie es hier von einigen Forianern erwähnt wird).
2. Roshdestwensky, die Aufnahme ist auch hier wiederum mit ihrer umwerfenden Energie meine Favoritenaufnahme.
3. Barshai folgt in meiner Gunst gleich danach, denn wie Du richtig schreibst halte ich ebenfalls seine Interpretation der Sinfonie Nr.4 für eine der gelungensten in der gesamten Barshai-Brillant-Box.
Meine nächste Hörsitzung der S.Nr.4 wird diese Aufnahme sein. Ich freue mich bereits jetzt darauf !
musiccreator
Ist häufiger hier
#12 erstellt: 17. Aug 2006, 18:45
So, die beiden bestellten Aufnahmen (Roshdestwensky und Neme Järvi) sind bei mir eingetroffen. Beim Anhören ist mir aufgefallen, dass Roshdestwensky oft deswegen russisch-brutal klingt, weil die Mikrophonierung so zu sein scheint, dass die Blech- und Holzbläser sehr direkt aufgenommen wurden, wodurch das wuchtige Blech natürlich gegenüber den Streichern in den Fordergrund tritt. Bei einem ähnlichen Aufnahmeverfahren würde die Järvi-Aufnahme sicherlich ähnlich kraftvoll klingen.
Ich muss aber sagen, dass ich von der Roshdostwensky Aufnahme, nach allem was ich darüber positives gelesen habe, im letzten Satz etwas enttäuscht war, weil hier der Allegro-Teil etwas schwach und zahm daherkommt. Gerade durch die kompromisslosen Streicher- und Holzbläserostinati erreicht man das Optimum durch eine sehr hysterische und wuchtige Deutung. Gerade die Streicher sind mir bei Roshdestwensky hier aber zu zahm.
Jedoch holt meiner Meinung nach Kondrashin in der Dresdner-Aufnahme das Maximum daraus heraus, da er diesen Teil sehr schnell, fast schon hysterisch aber immer wuchtig nimmt. Auch die anderen Sätze sind bei ihm sehr schmissig eingespielt, ohne dabei an Wucht und Kraft zu verlieren.
Näme Järvis Einspielung gefällt mir auch sehr gut. Seine Deutung scheint mir dabei etwas nüchterner und sachlicher zu sein, dafür hat man den Vorteil einer sehr guten Aufnahmequalität. Klanglich gesehen kann da die Live-Aufnahme mit Kondrashin nicht mithalten;
dennoch würde ich letzterer den Vorzug geben, müsste ich zwischen mehreren Aufnahmen auswählen.

Musiccreator
Thomas228
Stammgast
#13 erstellt: 18. Aug 2006, 14:40
Hallo musiccreator,

danke für den Bericht. Ergebnis ist, dass ich mir nun überlege, die Kodrashin-Aufnahme mit der Staatskapelle Dresden zu kaufen:


Leider ist sie mit 15 Euro für eine so alte Aufnahme recht teuer . Mal sehen.

Thomas
STR
Ist häufiger hier
#14 erstellt: 23. Aug 2006, 21:22
Hallo Thomas

Vielen Dank für deine Artikel zu Schostakowitschs Sinfonien :). Dein Beitrag hat mich doch so neugierig gemacht, dass ich mir die 4. Sinfonie gleich angehört habe. Es fällt mir schwer, eine Meinung zu fällen. Dazu muss ich mir sie noch etwa 4 oder 5 Mal anhören.

Zufälligerweise habe ich via dem englischen Wikipedia herausgefunden, dass Schostakowitsch die 4. Sinfonie für 2 Klavier arrangiert hat. Bei Chandos findet sich auch eine entsprechende Aufnahme:

amazon.de

Gibt es jemanden der diese CD besitzt und etwas bezüglich der Qualität des Arrangements sagen kann? Wird man generell eher enttäuscht sein und den Orchesterklang vermissen oder ist das Gegenteil der Fall?

Viele Grüsse

Marc
teleton
Inventar
#15 erstellt: 24. Aug 2006, 14:08
Hallo Marc,

das ist so eine Sache mit den Klavierversionen von Sinfonien. Bei mir kommt da schnell Langeweile und Sehnsucht nach dem Schluß auf .

Die Schostakowitsch-Sinfonie Nr.4 dauert ca.1Stunde und enthält viele ruhige Passagen, deren Athmosphäre durch den Streicherklang und die Orchesterfarben zum atmen kommt.
Wenn man sich nun 1Stunde hinsetzten will und diese Werk nur für Klavier hört, würde bei mir schon eine gewisse Langeweile aufkommen, die bei der farbigen Instrumentation des Orchesterwerkes nie aufkommen würde.
musiccreator
Ist häufiger hier
#16 erstellt: 25. Aug 2006, 20:32
Hallo!

Zu der Klavierversion muss man sagen, dass sie Schostakowitsch nur als Notbehelf erstellt hatte, weil die Orchesterpartitur verlorengegangen war. Deswegen fertigte er aus seinen Skizzen und dem Particell eine Fassung für Klavier an, wohl in der Annahme, das dies alles sei, was von seiner 4. Sinfonie noch erhalten geblieben ist.
Wie man weiß konnte die Partitur jedoch anhand der Einzelstimmen neu angefertigt werden, so dass die Klavierfassung somit überflüssig ist.

Sich eine Klavierfassung dieses Werkes zuzulegen, obwohl es zahlreiche Orchestereinspielungen davon gibt, wäre ungefähr so, als würde man sich ein Van Gogh-Gemälde Schwarz weiß anschauen.

Gruß,
Musiccreator
s.bummer
Hat sich gelöscht
#17 erstellt: 26. Aug 2006, 00:19
Tschuldigung auch an Teleton, der es gerne deftig mag,
aber da bin ich mir nicht sicher.
Ich habe eine Klaviereinspielung der 10. mit DS himself und das Hören dieser Version hat mir beim Verständnis der Sinfonie erheblich geholfen.
Schwarz-Weiß Fotografien sind nämlich erheblich kontrastreicher als mancher Farb"müll".
Und man sieht das Wesentliche.
Das mal so als Idee.
(Hat nix mit Liszt/Beethoven zu tun, ein anderes Kapitel, sondern mit DS und DS)

Gruß S.
Hüb'
Moderator
#18 erstellt: 03. Sep 2006, 19:55

Thomas228 schrieb:
Leider ist sie mit 15 Euro für eine so alte Aufnahme recht teuer . Mal sehen.

Ist wirklich der Hohn, bedenkt man vor allem, dass diese Aufnahme hochgradig durch unser aller GEZ-Gebühren subventioniert wurde. Alles Andere als ein Preis auf Naxos-Niveau ist da eine Unverschämtheit.
Agon
Ist häufiger hier
#19 erstellt: 26. Sep 2006, 09:09
Hallo Thomas,

Dein Artikel über die Vierte von Shostakovich hat mich auch sehr beeindruckt, und er animiert mich, mich mit diesem Werk nach längerer Pause wieder auseinanderzusetzen. Die von Dir favorisierte Järvi-Aufnahme würde mich sehr interessieren, leider ist sie auf dem deutschen Markt nur schwer zu finden. Wahrscheinlich muß man da auf "Caiman" (Amazon-Händler) ausweichen.
Ich bin im Besitz der Aufnahmen mit Previn, Haitink, Rattle und Jansons. Ich denke, ich werde mal mit Previn anfangen...

Vielen Dank für den tollen Artikel, der mich noch einige Zeit beschäftigen wird!

Philipp
Werdan
Ist häufiger hier
#20 erstellt: 26. Sep 2006, 20:12
Die Diskussion macht Lust auf die 4. in dieser preisgekrönten Aufnahme von Jansons,
die ich schon nach erstmaligen Hören nicht mehr missen möchte.
Gruss W.

amazon.de
Agon
Ist häufiger hier
#21 erstellt: 27. Sep 2006, 14:21
Hallo,

allen Liebhabern dieser Sinfonie sei auch noch folgende Aufnahme ans Herz gelegt:

amazon.de

Die wichtigsten Merkmale dieser Aufnahme:
- unwiderstehliches Spiel des Philadelphia Orchestra, besonders der Streicher und des Blechs
- sehr räumliche und volle, dabei aber sehr transparente Klangtechnik
- sehr einfühlsame und intensive Interpretation Chungs, der eher zügig spielen lässt, dabei aber nichts "verhetzt" (man höre besonders den magischen Schluß)

Chung hat auch eine maßstabsetzende "Lady Macbeth" eingespielt, m.E. der Aufnahme Rostropovichs vorzuziehen.
Es handelt sich um diese:

amazon.de

Schönen Tag,

Philipp
Laubandel
Ist häufiger hier
#22 erstellt: 08. Nov 2006, 21:46
Guten abend zusammen,

hat eigentlich schon jemand diese Aufnahme hier



gehört?

Ich möchte mir gerne endlich eine gute SACD dieser Symphonie zulegen, und Gergiev steht mit Sicherheit nicht zur Wahl. Wichtig wäre mir an der Interpretation eine gute HErausarbeitung der "verrückten" Züge der Komposition, zB. daß das Presto m ersten Satz wirklich aberwitzig schnell ist. Klanglich würde ich hier eher eine sehr trockene Akustik bevorzugen, vor allem im Hinblick auf den Finaleschluß, mit klaren Pauken.

Grüße

laubandel
Khampan
Ist häufiger hier
#23 erstellt: 09. Nov 2006, 00:35
Hallo Laubandel,

Vorsicht bei der Bychkov Aufnahme.
Ich weiß nicht was ihn da geritten hat, aber zumindest bei dem Konzert, das ich im Radio gehört habe, hat Bychkov im 3. Satz den von den Pauken eingeleiteten Fortissimo-Ausbruch im doppelten Tempo gespielt. Wäre zu klären, ob das ein vorübergehender Irrtum oder dauerhafte Absicht war.

Auf alle Fälle klang das Werk für meine Ohren grotesk verstümmelt, die von dir gewünschten Pauken z.B. klingen in diesem Tempo nur noch nach Mus. Wie das passieren konnte, ist mir ein Rätsel, zumal das gleiche Orchester nicht nur unter Barschai gespielt hat, sondern schon unter Maxim Schostakowitsch eine grandiose Aufführung der 4. (und auch der 8.) hingelegt hat (die 4. ist seitdem meine Lieblingssinfonie von Schostakowitsch).

Klanglich sind die WDR-Aufnahmen inzwischen sehr gut.

Gruß, Khampan


[Beitrag von Khampan am 09. Nov 2006, 00:39 bearbeitet]
Laubandel
Ist häufiger hier
#24 erstellt: 09. Nov 2006, 01:59
Danke, Khampan,

da werde ich wohl mal testhören müssen, falls der Laden meines Vertrauens, das überhaupt kriegt. Die bewußte Stelle kann amn im Grunde gar nicht falsch machen, da ist ein Taktwechsel vin 3/4 zu 2/4 und drüber steht punktierte Halbe gleich Halbe. Also gleich schnelle Ganztakte.
bei den Taktzahlen wird einem ganz schwindelig, mit 1254 Takten dürfte dieses Finale ziemlich an der Spitze stehen, nach dem zweiten Teil von Mahlers Achter und vor dem Finale von Schuberts großer C-Dur.

Grüße

laubandel
Khampan
Ist häufiger hier
#25 erstellt: 09. Nov 2006, 14:31
Hallo Laubandel,

ich hab leider von dieser Sinfonie keine Partitur.
Mit solchen Angaben wie 3/4 = 2/4 vertut man sich ja leicht. Ist es nicht sogar möglich, daß Bychkov rein rechnerisch recht hat, aber die Angabe offensichtlicher Unfug ist?

Erinnert mich irgendwie an Debussy's "La cathedrale engloutie", wo Debussy zwischen normalen und doppelten Notenwerten hin- und herwechselt, die aber einheitlich gespielt werden müssen. Ohne daß irgendwas dazu in den Noten stand wußte jeder Bescheid, bis auf einmal Gieseking daherkam, alles streng nach den notierten Notenwerten spielte und noch frech behauptete, Debussy habe es selbst falsch gespielt. Es dauerte ein halbes Jahrhundert bis sich die dadurch ausgelöste Verwirrung halbwegs gelegt hat.

Bravo Herr Bychkov, Sie stehen in einer großen Tradition.

Gruß, Khampan
Laubandel
Ist häufiger hier
#26 erstellt: 09. Nov 2006, 21:25

Khampan schrieb:
Hallo Laubandel,

ich hab leider von dieser Sinfonie keine Partitur.
die ist unverschämt teuer, und nicht jede Stadtbibliothek hat sie zum ausleihen



Khampan schrieb:
Mit solchen Angaben wie 3/4 = 2/4 vertut man sich ja leicht.
Ist es nicht sogar möglich, daß Bychkov rein rechnerisch recht hat, aber die Angabe offensichtlicher Unfug ist?

Erinnert mich irgendwie an Debussy's "La cathedrale engloutie", wo Debussy zwischen normalen und doppelten Notenwerten hin- und herwechselt, die aber einheitlich gespielt werden müssen. Ohne daß irgendwas dazu in den Noten stand wußte jeder Bescheid, bis auf einmal Gieseking daherkam, alles streng nach den notierten Notenwerten spielte und noch frech behauptete, Debussy habe es selbst falsch gespielt. Es dauerte ein halbes Jahrhundert bis sich die dadurch ausgelöste Verwirrung halbwegs gelegt hat.

Bravo Herr Bychkov, Sie stehen in einer großen Tradition.

Gruß, Khampan


Tolle Geschichte.
Ich glaube aber doch, daß die Notation so eindeutig ist wie nur was. Da steht nichts verbales, nur die Notenwerte als Noten und ein Gleichheitszeichen, quasi als Sicherheit, denn sonst könnte man ja auf die Idee kommen, die Viertel blieben gleich. Wie dem auch sei: die Paukenstelle hat das Motiv in Vierteln, beim Eintritt des Blechs aber steht es in Achteln, zusätzlich zur von DSch verfügten plötzlichen Beschleunigung (Punktierte Halbe = 100). Da wirds dann also wirklich sehr schnell. Schwer zu verbalisieren. Gern wird die Solostelle ein wenig pathetisch breit, aber etwa im Tempo genommen, Barschaj macht es so. Was kann also bei Bychkov passiert sein? Kann es sein, daß er Viertel ausgeschlagen hat und die Pauker haben das dann für ganze Takte genommen? aber die haben doch geprobt...

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Einspielung und werds unter die Lupe nehmen.

Grüße
laubandel


[Beitrag von Laubandel am 09. Nov 2006, 21:25 bearbeitet]
Khampan
Ist häufiger hier
#27 erstellt: 10. Nov 2006, 00:42

Wie dem auch sei: die Paukenstelle hat das Motiv in Vierteln, beim Eintritt des Blechs aber steht es in Achteln, zusätzlich zur von DSch verfügten plötzlichen Beschleunigung (Punktierte Halbe = 100). Da wirds dann also wirklich sehr schnell. Schwer zu verbalisieren.

wegen der Notenwerte stehe ich ohne Partitur etwas aufm Schlauch. Mal ganz von vorne...

Glücklicherweise habe ich den Konzertmitschnitt von Bychkov als Beweismittel behalten. Seine Tempi:
1. leise Passage bis Einsatz der Pauken - ganzer Takt MM=66 (ein Dreierrhythmus, laut deinen Angaben also 3/4).
2. Pauken Solo - wie üblich "pathetisch breit"
3. Fortissimo - wenn man die Dauer des ersten Tons des Themas, also G, als Bezug nimmt, ist das Tempo MM=46

Wenn dieser Ton den Wert 4/4 hat, würde das ja etwa mit der Metronomangabe (2/4=MM 100) übereinstimmen, jedoch den mir sonst bekannten Aufnahmen widersprechen. Das wäre dann so ein typischer Fall, wo man der Metronomangabe mit Vorsicht begegnen sollte. Oder hab ich was verpaßt, und alle spielen mittlerweile so...? (Previn, Maxim Sch., Inbal sicher nicht).
Übrigens, nach dem Fortissimo schaltet Bychkov übergangslos zum mir gewohnten Tempo um.

Gruß, Khampan
Thomas228
Stammgast
#28 erstellt: 18. Jun 2007, 11:28
Die oben hochgelobte Previn-Einspielung ist jetzt günstig zu haben:



Keine Frage, da werde ich zugreifen!

Thomas
vanrolf
Inventar
#29 erstellt: 18. Jun 2007, 17:46
Oh wie schön. Das werde ich ebenfalls tun.
Und bevor sich jetzt einige (wie ich heute morgen) in der Hoffnung, eines von nur wenigen Exemplaren zu ergattern, wie wild auf marketplace und ähnliches stürzen, sei noch schnell gesagt, daß es sich hierbei um eine am 01.06.2007 erschienene Wiederveröffentlichung handelt.

Gruß Rolf
Khampan
Ist häufiger hier
#30 erstellt: 21. Jan 2008, 17:04

Khampan schrieb:
Vorsicht bei der Bychkov Aufnahme.
Ich weiß nicht was ihn da geritten hat, aber zumindest bei dem Konzert, das ich im Radio gehört habe, hat Bychkov im 3. Satz den von den Pauken eingeleiteten Fortissimo-Ausbruch im doppelten Tempo gespielt. Wäre zu klären, ob das ein vorübergehender Irrtum oder dauerhafte Absicht war.


Entwarnung bezüglich meines Verdachts.
Bychkov hat seinen Irrtum eingesehen und dirigierte die genannte Stelle spätestens ab der Zeit, in der die CD-Aufnahme stattfand, im allgemein üblichen (manchmal sogar noch breiteren) Tempo. Das von mir erwähnte mißratene Konzert war einige Jahre früher.

Gruß,
Khampan
Gantz_Graf
Hat sich gelöscht
#31 erstellt: 15. Dez 2008, 18:57
Ich rolle die Sinfonie gerade mangels Zeit von hinten auf (Jansons - die hat leider an manchen Stellen -im 3. Satz zumindest, ganz am Anfang schon- hörbar so ein elektrisches Summen).
Aber bald werde ich Zeit haben. Nur eines schon: Das Finale nach dem lauten Höhepunkt (die letzten ca. 7 Minuten) ist ja der Wahnsinn. Ich habe selten so etwas spannendes gehört. Man fühlt sich, als fährt man in einer dunklen Nacht, der Mond ist vage zu sehen, durch den Nebel, flieht vor dem Nebel, um dann in einen den See zu fahren und leider langsam unterzugehen. Wirklich schauderhaft. Nicht zuletzt wegen des langen C.


[Beitrag von Gantz_Graf am 15. Dez 2008, 18:58 bearbeitet]
Hüb'
Moderator
#32 erstellt: 15. Dez 2008, 19:36
Hi,

wirklich eine tolle Sinfonie und ein beeindruckendes Finale.
Ich durfte das Werk mit Bychkov und dem WDR SO in der Kölner Philharmonie erleben - ein nachhaltig wirkendes Erlebnis!

Wenn die oben gezeigte CD nicht im Hochpreisbereich liegen würde (und ich in Sachen DSch nicht bereits so gut ausgestattet wäre), wäre sie für mich wohl ein Muss-Kauf.

Grüße

Frank
arnaoutchot
Moderator
#33 erstellt: 29. Dez 2008, 18:18
Habe die Bychkov-SACD auch neulich noch meinen vielen Aufnahmen der 4. beigestellt (EUR 9,99 bei Zweitausendeins). Ganz großes Lob, eine hervorragende Aufnahme. Klanglich neben Caetani die moderne SACD-Referenz !!! Kondrashin, Rozhdestvensky und Previn sind die "klassischen" Referenzen für mich.

Die Symphonie ist live auch wirklich ein Erlebnis, ich habe sie vor vielen Jahren in der Kölner Philharmonie mit Myung-Whun Chung erleben dürfen. Das war das lauteste Klassik-Konzert, das ich je gehört habe.

Grüße Michael
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