Purcell: Dido und Aeneas

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Thomas228
Stammgast
#1 erstellt: 05. Mai 2007, 06:29
Dido und Aeneas, inhaltlich dem klassischen Vergil-Stoff folgend, ist in den letzten fünfzehn Jahren so oft aufgenommen worden, wie kaum eine andere Oper.

Zu Recht, ist die Oper doch trotz ihres Alters (UA: 1689) unfassbar modern. Wenn ich beispielsweise französische königliche Oper höre (Rameau, Lully) kommt unweigerlich der Moment der Länge. Nichts davon bei Purcells Dido, obgleich ebenfalls französisch inspiriert. Schon die Kürze des Stückes (Aufführungsdauer ca. 1 Stunde) kommt dem modernen Hörer entgegen. Besonders aber in der inhaltlichen Konzentration, der dramatischen Stringenz, dem unweigerlichen, geradlinigen Voranschreiten des Geschehens - die soeben entflammte Liebe zwischen zwischen Dido und Aeneas wird von einer Zauberin und Hexen zerstört, woraufhin Dido sich tötet – liegt die Modernität.

Die Oper besteht aus drei Akten. Der Prolog ist verloren.

Ich selbst besitze zwei Aufnahmen:



Beide sind hervorragend.

Der größte Unterschied zwischen den Aufnahmen besteht in der Behandlung der Zauberin und der Hexen. Bei Christie kriecht dem Hörer durch die Lautsprecher das moderne Regietheater in die Ohren. Sehr frei und hexenartig, durch bewusstes Verlassen der sängerischen Linie das Schiefe, das Ver-rückte das "fair is foul and foul is fair" des klassischen Hexenverständnisses in den Vordergrund rückend, wird hier gesungen. Hogwood hingegen lässt auch die Zauberin – mich störend mit einem Mann besetzt – und die Hexen ebenfalls schön singen.

Im Mittelpunkt jeder Aufführung bzw. Einspielung steht Dido. Ihre Arie "When I am laid in earth" ist der Höhepunkt der Oper. Hogwoods Dido, Catherine Bott, hat mich beim erstmaligen Hören der Aufnahme in den ersten Akten nicht besonders angesprochen. Gut, mehr nicht, fand ich zunächst. Dann aber, als ich das "When I am laid in earth" hörte, hat sie mich begeistert. Ich kannte die Arie bisher nur von J. Norman, gesungen also mit einem sehr vollen, überflutenden Sopran. Bott singt die Arie auf vollkommen andere, entgegengesetzte, zurückhaltende Art und wirkt gerade durch diese Zurückhaltung, in der das Gebrochene zum Ausdruck kommt, zutiefst berührend. "Remember me" singt sie. Ja, lange noch! Die Dido Christies, Veronique Gens, erreicht meiner Meinung nach nicht ganz diese Intensität. Sie besitzt aber eine Stimme, die ich vor allem wegen der mitschwingenden Tiefe sehr, sehr gern höre.

Von Dido und Aeneas möchte ich noch mehr Aufnahmen kaufen.

Welche Einspielungen sind zu empfehlen? Wie ist die Aufnahme mit Baker? Gelesen habe ich sogar von einer Aufnahme mit Flagstadt. Kennt die jemand? Ist die Aufnahme mit J. Norman empfehlenswert? Kennt jemand die Aufnahme mit S. Graham? Ist Jacobs wirklich so gut?

Und natürlich möchte ich von euch wissen: Teilt ihr meine Begeisterung für diese Oper?

Thomas
Kreisler_jun.
Inventar
#2 erstellt: 05. Mai 2007, 07:54

Thomas228 schrieb:



Beide sind hervorragend.

Der größte Unterschied zwischen den Aufnahmen besteht in der Behandlung der Zauberin und der Hexen. Bei Christie kriecht dem Hörer durch die Lautsprecher das moderne Regietheater in die Ohren. Sehr frei und hexenartig, durch bewusstes Verlassen der sängerischen Linie das Schiefe, das Ver-rückte das "fair is foul and foul is fair" des klassischen Hexenverständnisses in den Vordergrund rückend, wird hier gesungen. Hogwood hingegen lässt auch die Zauberin – mich störend mit einem Mann besetzt – und die Hexen ebenfalls schön singen.

Im Mittelpunkt jeder Aufführung bzw. Einspielung steht Dido. Ihre Arie "When I am laid in earth" ist der Höhepunkt der Oper. Hogwoods Dido, Catherine Bott, hat mich beim erstmaligen Hören der Aufnahme in den ersten Akten nicht besonders angesprochen. Gut, mehr nicht, fand ich zunächst. Dann aber, als ich das "When I am laid in earth" hörte, hat sie mich begeistert. Ich kannte die Arie bisher nur von J. Norman, gesungen also mit einem sehr vollen, überflutenden Sopran. Bott singt die Arie auf vollkommen andere, entgegengesetzte, zurückhaltende Art und wirkt gerade durch diese Zurückhaltung, in der das Gebrochene zum Ausdruck kommt, zutiefst berührend. "Remember me" singt sie. Ja, lange noch! Die Dido Christies, Veronique Gens, erreicht meiner Meinung nach nicht ganz diese Intensität. Sie besitzt aber eine Stimme, die ich vor allem wegen der mitschwingenden Tiefe sehr, sehr gern höre.

Von Dido und Aeneas möchte ich noch mehr Aufnahmen kaufen.

Welche Einspielungen sind zu empfehlen? Wie ist die Aufnahme mit Baker? Gelesen habe ich sogar von einer Aufnahme mit Flagstadt. Kennt die jemand? Ist die Aufnahme mit J. Norman empfehlenswert? Kennt jemand die Aufnahme mit S. Graham? Ist Jacobs wirklich so gut?

Und natürlich möchte ich von euch wissen: Teilt ihr meine Begeisterung für diese Oper?


Ja, eines meiner Lieblingstücke, seit ich es zum ersten Mal (ich glaube in einer Studentenaufführung) gehört habe. Lange Zeit war meine einzige Aufnahme die genannte unter Christie. Sie ist sehr kammermusikalisch und intim, gefällt mir aber ebenfalls sehr gut. Die Hexe mit einem Mann besetzt findet man auch bei Pinnock, gefiel mir nicht. Ich habe inzwischen auch Jacobs gekauft, aber da kann ich aus dem Stand nicht viel drüber sagen (außer dass die Hexenszenen noch übertriebener grotesk sind als bei Christie).
Die Aufnahme mit Baker von Anfang der 60er (Decca Legends) besitze ich ebenfalls und sie lohnt sich auf jeden Fall. Sie ist für die damalige Zeit historisch informiert, zwar keine alten Isntrumente, aber Cembalo, relativ schlank und alle Sänger sind hervorragend.

Purcell ist einer der größten seiner Zeit und überhaupt. Die beiden formal kuriosen "semi-operas" King Arthur und The Fairy Queen enthalten ebenfalls wunderschöne Musik (sind aber wohl recht schwer auf die Bühne zu bringen, da fast nur Nebenszenen in Musik gesetzt wurden)
Auch die festliche und geistliche Musik ist grandios (Odes, Funeral Sentences usw.).

viele Grüße

JK jr.


[Beitrag von Kreisler_jun. am 05. Mai 2007, 07:56 bearbeitet]
Martin2
Inventar
#3 erstellt: 05. Mai 2007, 10:44
Ich liebe Purcell auch sehr. Ich besitze von der Dido einen Querschnitt und eine Gesamtaufnahme. Die Gesamtaufnahme ist eine Hochpreisaufnahme und wir haben sie uns damals nur wegen der von Otter gekauft, weil wir auf einem Sampler die Arie "When I am laid in earth" hatten, die sie wunderschön singt. Trotzdem waren wir von dieser teuren Investition eher enttäuscht, insbesondere von der Hexenszene, die von einem Mann gesungen wird und dann noch etwas kindertheatermäßig hexenhaft. Die Hexenszene höre ich dann immer noch sehr gerne auf meinem Querschnitt ( DG Classicon) mit Mackeras und Patricia Johnson als Hexe ( gar kein Kindertheater und eine wunderbare Stimme)

Sonst habe ich natürlich noch so einiges von Purcell: King Arthur, Indian Queen und Fairy Queen, sehr schöne Musik. Auch die complete Ayres von Goodman. Meine Freundin mag Purcell auch sehr, so daß wir uns einige der Investitionen geteilt haben.
Marthaler
Ist häufiger hier
#4 erstellt: 07. Mai 2007, 04:29

Kreisler_jun. schrieb:

Purcell ist einer der größten seiner Zeit und überhaupt. Die beiden formal kuriosen "semi-operas" King Arthur und The Fairy Queen enthalten ebenfalls wunderschöne Musik (sind aber wohl recht schwer auf die Bühne zu bringen, da fast nur Nebenszenen in Musik gesetzt wurden)



Aber in dieser "Fairy Queen" ist es so hinreißend, traumwandlerisch gelungen, dass ich alle beneide, die die Aufführung noch nicht gesehen haben. Eine shakespearsche Burleske, ein rührend-ironisch-liebevoller Theater- und Tanzabend:



Freundlich grüßend
Marthaler


[Beitrag von Marthaler am 07. Mai 2007, 13:55 bearbeitet]
Martin2
Inventar
#5 erstellt: 07. Mai 2007, 11:07
Mich würde es in diesem Zusammenhang schon interessieren, welche der anderen Semiopern ( Purcell hat ja außer der Dido nur Semiopern geschrieben) das Interesse lohnen würde. Kennt zum Beispiel jemand den Timon von Athen? Ich kenne leider nur die instrumentalen Stücke aus den Ayres mit Goodman. Purcell hat ja in jedem Fall eine ganze Menge dieser Opern geschrieben und ich kenne nur King Arthur, die Fairy Queen und die Indian Queen.
Marthaler
Ist häufiger hier
#6 erstellt: 07. Mai 2007, 14:08
Erwähnt werden sollte vielleicht auch noch diese zu Recht hochgelobte, sehr frische, entspannte Aufnahme:




Freundlich grüßend
Marthaler


[Beitrag von Marthaler am 07. Mai 2007, 14:10 bearbeitet]
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