Paul Wittgenstein

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Joachim49
Inventar
#1 erstellt: 27. Dez 2008, 19:31
Wer sich für den Pianisten Paul Wittgenstein interessiert, sollte unbedingt "The House of Wittgenstein - A Family at War" von Alexander Waugh lesen. Paul Wittgenstein, der Bruder des Philosophen Ludwig W., hatte im 1. Weltkrieg seinen rechten Arm verloren. Mit Hilfe zahlreicher gut bezahlter Auftragskompositionen - für deren Aufführung er vertraglich garantierte Exklusivrechte hatte - konnte Paul Wittgenstein trotz des erheblichen Handicaps eine Weltkarriere als Pianist aufbauen. Natürlich erfährt man auch viel über die Geschwister und Eltern, die natürlich nicht den Bekanntheitsgrad der "beiden Buben" (Lucki und Paul)haben. Der Vater (Karl) war zu Lebzeiten allerdings berühmt, weil er mit seinem Reichtum auch bildende Kunst und Musik gefördert hat. Die Freunde des Philosophen erfahren relativ wenig neues, da dessen Leben biographisch schon ziemlich ausgeschlachtet ist. Das Buch ist schon fast eine Paul Wittgenstein Biographie unter Berücksichtigung des familiären Umfelds. Zu den bekannten Komponisten, die für Wittgenstein schrieben, gehörten Ravel, Richard Strauss, Hindemith, Franz Schmidt und Prokoffiev (Das Hindemith opus wurde ertst vor ein paar Jahren aus der Taufe gehoben, da der Auftraggeber es nicht schätzte. Auch das Prokofieff - Konzert hat er nie gespielt. Brahms war übrigens ein häufiger, geschätzter Gast der Wittgensteins. Seine Transkription der Bach'schen Chaconne für Klavier linke Hand steht allerdings, aus zeitlichen Gründen, nicht im Zusammenhang mit dem Schicksal Paul Wittgensteins. Das Buch dokumentiert auch die zahlreichen Unstimmigkeiten zwischen Interpret und Komponisten, da Paul Wittgenstein auch den Orchesterpart seinen Vorstellungen gemäss redigierte. Der Autor - Musikkritiker, Schrifststeller, Komponist und BBC-Produzent - beherrscht sein Handwerk recht gut. Eine deutsche übersetzung gibt's noch nicht (Hinweis für die Niederländisch sprechende Minorität auf dem Forum: die niederländische übersetzung ist erheblich preiswerter als die Originalversion)
Verlag: Bloomsbury, London 2008, ca 350 Seiten.
Freundliche grüsse
Joachim
Joachim49
Inventar
#2 erstellt: 03. Mrz 2011, 01:05
Ich frische hier meinen alten thread noch einmal auf, da morgen (3. März) der 50. Todestag Paul Wittgensteins ist. In den Märznummern der klassischen Musikzeitschriften ist davon keine Spur zu finden (zumindest nicht in denen, die in E, F oder NL erscheinen). Aber das flämische Kulturradioprogramma 'Klara' (KLAssischeRAdio) hat die ganze Woche die Konzerte und Kammermusikwerke gesendet, die im Auftrag Paul Wittgensteins geschrieben wurden und morgen wird es eine einstündige Radiosendung geben, in der das Verhältnis der Brüder Paul und Ludwig belichtet wird. Das Buch über die Wittgensteinfamilie, in der Hauptsache eine Paul W Biographie, ist inzwischen auch auf deutsch erschienen (A. Waugh, Das Haus Wittgenstein, S. Fischer Verlag)
J
lydian
Stammgast
#3 erstellt: 03. Mrz 2011, 18:19
In diesem Zusammenhang möchte ich auf das meiner Meinung nach sehr lesenswerte und nachdenklich stimmende Buch "Klavierkonzert für die linke Hand" von Lea Singer hinweisen. Ähnlich wie in dem Buch von Waugh (das es auch in deutscher Übersetzung gibt ("Das Haus Wittgenstein: Die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie") wird die Familiengeschichte der "Krupps der Habsburger Monarchie" mit einem auf Paul liegendem Schwerpunkt erzählt. Für den Musikfreund eine Fundgrube.


[Beitrag von lydian am 03. Mrz 2011, 18:21 bearbeitet]
Joachim49
Inventar
#4 erstellt: 03. Mrz 2011, 23:14
Hallo Lydian,
vielen Dank für den Hinweis auf das Buch von Lea Singer. Davon habe ich noch nie gehört und ich werde es mit grossen Interesse lesen. Kennst Du beide Bücher? Wie es zu dem Zerwürfnis zwischen Paul und dem Rest der Familie kam, habe ich bei Waugh nicht ganz verstanden.
freundliche Grüsse
Joachim
lydian
Stammgast
#5 erstellt: 04. Mrz 2011, 13:22
Hallo Joachim,

ich kenne nur das Buch von Lea Singer, den groben Inhalt von Waughs Buch habe ich lediglich Rezensionen entnommen. Das von dir genannte Zerwürfnis wird auch bei Singer sehr deutlich. Die Hauptursache scheint demnach die von Paul missbilligte Verklärung des Philosophen-Bruders (der gar nicht gut wegkommt) innerhalb der eigenen Familie zu sein - oder anders formuliert: Er fühlte sich in seinen künstlerischen Leistungen vor Allem von seinen Schwestern nicht ausreichend wertgeschätzt.

Grüße,
Steff
op111
Moderator
#6 erstellt: 04. Mrz 2011, 15:04

Joachim49 schrieb:
Ich frische hier meinen alten thread noch einmal auf, da morgen (3. März) der 50. Todestag Paul Wittgensteins ist. In den Märznummern der klassischen Musikzeitschriften ist davon keine Spur zu finden

Hallo zusammen,

vor einiger Zeit strahlte arte eine ca. einstündige Biografie des Pianisten von Michael Beyer aus (als Wiederholung morgens um 6.00 Uhr / Erstsendung 2010).

Alles in einer Hand - Der Pianist Paul Wittgenstein
Joachim49
Inventar
#7 erstellt: 04. Mrz 2011, 23:15

lydian schrieb:
Hallo Joachim,

Das von dir genannte Zerwürfnis wird auch bei Singer sehr deutlich. Die Hauptursache scheint demnach die von Paul missbilligte Verklärung des Philosophen-Bruders (der gar nicht gut wegkommt) innerhalb der eigenen Familie zu sein - oder anders formuliert: Er fühlte sich in seinen künstlerischen Leistungen vor Allem von seinen Schwestern nicht ausreichend wertgeschätzt.

Grüße,
Steff


Hallo Steff,
ganz überzeugen kann mich das nicht, obwohl es stimmt, dass man im Hause Wittgenstein Paul eher für einen mittelmässigen Pianisten hielt, den Bruder aber für ein Genie. Paul und Ludwig hatten aber bis 1938 relativ guten Kontakt, sie schickten sich Zeitungsausschnitte mit witzigen Kommenateren, etc. Die Probleme müssen mit finanziellen Transaktionen zusammenhängen. Die Nazis wollten, dass Paul die erheblich hohe Reichsfluchtsteuer zahlt, aber der sah dazu zunächst einmal keinen Anlass, da er schon im Ausland (Schweiz) war. Allerdings waren seine in Wien verbliebenen zwei Schwestern (die dritte war US-Bürgerin) in grosser Gefahr und es gab einen erheblichen moralischen Druck auf Paul W. (dem er auch nachgegeben hat). Im Zusammenhang mit diesen Transaktionen, bei denen auch das ganze in der Schweiz aufbewahrte Gold verloren ging, muss es zu einem Zerwürfnis gekommen sein. Ludwig W. schrieb zwar einem Freund, er verüble, im Gegensatz zu seinen Schwestern, dem Bruder nichts. Trotzdem hat er sich geweigert, Paul W., der manchmal in England gastierte, wieder zu sehen. Paul W's Frau hatte Ludwig gebeten, nach London oder Oxford zu kommen, wo Paul gastierte, aber der Bruder hat das aus Gesundheitsgründen abgelehnt. Aber so richtig klar ist mir nicht, was geschah, darum erhoffte ich Aufklärung bei Lea Singer.
freundliche Grüsse
Joachim


[Beitrag von Joachim49 am 04. Mrz 2011, 23:17 bearbeitet]
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