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Reanimation Braum PS 500 (Vorsicht – viel Text)

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maicox
Stammgast
#1 erstellt: 12. Jun 2016, 17:50
Hallo,

Viele User hier im Forum erfreuen sich ja nicht nur an neueren Geräten, sondern auch an älteren Klassikern.

Eventuell helfen die einen oder anderen Tipps ja jemanden, oder dienen zur Anregung bei einer Restauration eines Klassikers.

Sicherlich sind die Tipps und Anregungen eher "normaler Natur" und nicht neu für dieses Modell. Bestimmt wurde schon das eine oder andere auch hier im Board angesprochen.

Gern könnt Ihr Eure Erfahrungen mit dem Braun PS 500 zur Ergänzung hinzufügen.

Ich habe schon recht lange mit so einem PS 500 geliebäugelt. Aber es passte bisher meistens nicht. Außerdem sollte es eine komplette anthrazitfarbene Ausführung werden. Meistens fand ich "nur" die silberne Ausführung, der Preis passte nicht, oder das Gerät war unvollständig. Gerade die Haube fehlt oder ist zerstört. Sehr oft sind die Geräte auch ohne Headshell zu finden. Die Teile finden sich dann meist zu recht hohen Preisen in den Auktionshäusern wieder. Ich hatte die Suche bereits aufgegeben.


Vor kurzem hat es dann durch einen Zufall geklappt. Der Dreher war komplett mit der originalen Haube, welche meistens nicht mehr vorhanden oder kaputt ist. Auch war zum Glück die originale Headshell dabei. Selbst das originale Shure M75 MG Type II war noch montiert.


Bestandsaufnahme:

-Tonarmlift defekt
-Endabschaltung defekt
-Motor bzw. Antrieb laut
-Haube recht heftig zerkratzt, aber nicht gebrochen oder geplatzt
-Der Plattenteller lag auf dem Chassis auf
-Antriebsriemen recht locker
-Treibrad lag nicht richtig an bzw. zog sich nicht immer an die Antriebswelle/ Zwischenwelle
-Sehr stark verschmutzt


Der grobe Schmutz wurde vorab mit dem Kehrbesen entfernt und der PS500 erst einmal grob abgewischt. Man beachte die eingesammelten Kleinteile, welche unten im Gehäuse lagen.


20160606_182920


Defekte Steuerscheibe:


20160608_220402

20160608_220425


Und los ging es:

Der Tonarm- Lift war lediglich irgendwie verklemmt. Hier half bereits etwas Rütteln an der Mechanik für den Lift und es machte „Klack“. Schon funktionierte der Lift wieder.

Zur Endabschaltung: Eine Steuerscheibe aus Kunststoff unter dem Sub- Plattenteller ist (auch) für das Ein- und Aus- Schalten des Spielers zuständig. Auf dieser Steuerscheibe sind oberhalb drei Stifte montiert, die (mit) für die Funktion der Endabschaltung zuständig sind. Auf einem dieser Stifte ist ein Haken aufgesteckt, der wiederum durch einen weiteren Stift an seiner Bewegung begrenzt wird. Diese beiden Stifte brechen wohl meistens aus.

Ein weiterer Stift dient zur Aufnahme einer Steuer- Schiene. Dank des relativ gut geschlossenen Blech Gehäuses, findet man diese ausgebrochenen Stifte, den Haken und allerhand Kunstsoff- Bruchstücke aber zum Glück wohl häufig im Inneren des Gehäuses. So war es (zum Glück) auch bei meinem Spieler.

Zwei dieser Stifte und auch der Haken lagen unten im Gehäuse, der dritte Stift war noch nicht ganz ausgebrochen aber auch schon lose. Diese Stifte kann man, wenn noch genug Material an der Steuerscheibe vorhanden ist, wieder einkleben. Oft hilft hier wohl aber leider nur ein anderer Dreher als Ersatzteil- Spender.

Die Stifte konnte ich zum Glück, nach der Demontage der Steuerscheibe, an ihrem angedachten Platz fixieren. Wichtig ist hier der Ausbau des Teils (!) Auch muss alles gründlich gereinigt und entfettet werden.

Unter der Steuerscheibe befindet sich eine Pertinax- Scheibe. Auf dieser sind Kontakt- Bahnen angebracht. Diese Scheibe ist quasi ein Teil des Ein/Aus- Schalters. Beim Einschalten verdrehen sich die beiden Scheiben gegeneinander. Hierfür ist eine Feder zuständig. Gegenüber am Sub- Chassis sitzen die entsprechenden Kontakte. Diese wurden gründlich gereinigt. Ebenso die Kontakt- Bahnen auf der Pertinax- Scheibe.

Würde man die Stifte im eingebauten Zustand verkleben, kann Kleber nach unten durchsickern und die Scheiben mit einander verkleben. Dann funktioniert später nichts mehr.

Die Stifte wurden erst mit den passenden Kunststoff- Bruchstücken wieder angeklebt und dann alles mit 2K- Epoxid- Kleber ausgegossen. Auch hier sollte man aufpassen. Verwendet man zu viel Kleber, kann es passieren dass z.B. die Steuer- Schiene später nicht mehr richtig betätigt werden kann, oder der Haken nicht mehr richtig funktioniert. Kommt zu viel Kleber auf die Unterseite, kann es zu Problemen mit der darunterliegenden Pertinax- Scheibe kommen. Also vorsichtig und bedacht mit dem Kleber umgehen. Nach dem vollständigen Aushärten konnte alles wieder zurück an seinen angedachten Platz.


20160610_140410


Die mehrteilige Steuer- Schiene war leider etwas verbogen (kaum sichtbar), dadurch war eine richtige Funktion der Endabschaltung nicht möglich. Man kann die Endabschaltung auch deaktivieren. ABER: Diese Steuer- Schiene wird benötigt um das Gerät überhaupt einschalten zu können. Funktioniert die Schiene nicht richtig, schaltet sich das Gerät nach einer Umdrehung des Plattentellers sofort wieder ab.
Egal ob die Abschaltung aktiviert oder deaktiviert wurde. Hierzu ist am Tonarm ein kleiner Hebel umzulegen. Schaltet man die Endabschaltung ab, wird lediglich ein Anschlag am Tonarm soweit verdreht, dass dieser aus dem Wirkungsbereich gedreht wird.


Nach einigen Kaffee und etlichen grauen Haaren mehr, funktioniert die Abschaltung nun wieder zu 99%. Hin und wieder klappt es allerdings nicht richtig. Da muss ich noch an den Feineinstellungen feilen. Obwohl dieses wohl eher „normal“ sein soll. Die Endabschaltung des Braun PS 500 gilt wohl nicht gerade als die zuverlässigste.

Um an weitere Bauteile zu gelangen, muss man das Gehäuse von der Oberseite trennen. Der Metallrahmen ist mit der oberen Chassis- Platte verschraubt. Hier muss man acht Muttern lösen. Beim Abheben aufpassen! Als Abstandshalter wurden acht Messing- Hülsen montiert. Diese machen sich beim Trennen der Bauteile sehr gern selbstständig.

Hat man das Gehäuse demontiert, hat man einen besseren Zugriff auf die Komponenten.

Links unten sitzt der Motor und die Treibrad- und Zwischenrollen- Mechanik, oben links das Stroboskop, die Pitch- und Geschwindigkeits- Verstellung.
Rechts oben ist die Ein- Aus- Schaltmechanik verbaut. Das große Gussteil ist das Subchassis, welches über die drei Hydraulik/ Feder- Elemente vom Chassis gelagert wird. Unten rechts auf dem Sub- Chassis ist die Mechanik des Tonarmes zu sehen.


20160611_093747


Der Motor wird in einem verstellbaren Rahmen montiert. Hier sollte man die alte Position unbedingt markieren! Damit erspart man sich später unnötige Einstell- Arbeiten. Der Motor lässt sich recht einfach zerlegen. Auch hier sind kugelförmige Sintermetall- Lager verbaut. Diese lassen sich, ähnlich wie bei vielen Dual- Motoren recht gut reinigen und mit frischem Schmierstoff versehen.

Das Treibrad und die konische Zwischenrolle sind nach dem Entfernen des Gehäuses auch sehr gut zugänglich. Auch hier wurde alles demontiert, gereinigt und mit neuen Schmierstoffen versorgt. Das Treibrad war bei meinem Dreher noch sehr weich und geschmeidig. Dieses habe ich nur gründlich gereinigt und mit 1000er Schleifpapier an der Kante etwas angeraut.

Im Inneren sind einige Bowdenzüge montiert. Einer zieht das Treibrad, über zusätzliche Umlenkpunkte (im ausgeschalteten Zustand), vom Antriebsrad/ Stufenwelle (Pulley) weg. Dieser ist wohl auch recht oft verschlissen und reißt dann. Hier kann man sich mit einem Skalen- Seil oder ähnlichem behelfen. Ich habe hier ein Stückchen Maurer- Schnur verwendet. Diese ist sehr stabil und reißfest, allerdings auch schon fast zu dick. Nun funktionierte auch die Treibrad- Mechanik wieder einwandfrei.


20160610_140506

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Der Sub- Plattenteller wurde ebenfalls gründlich gereinigt und das Tellerlager mit neuem Schmierstoff versorgt. Der Riemen wurde ersetzt.

Eine interessante Arbeit war auch das Ausrichten des Sub- Chassis. Dieses ist an drei federgelagerten Hydraulik- Zylindern montiert. Hier musste ich die Höhe neu justieren, damit der Teller nicht mehr auf dem Chassis aufliegt. Hier wird einem einiges an Geduld abverlangte. Diese Hydraulik- Zylinder sollen wohl auch hin und wieder defekt (undicht) sein. Da habe ich wohl auch Glück gehabt. Bei meinem PS 500 ist alles dicht und die Funktion ist gegeben.


Alles wurde wieder zusammen gebaut und justiert. Dann stand vorerst der erste richtige Funktionstest an.


Der Motor ist nun wieder viel leiser, der Antrieb nun wieder recht kräftig. Die Motor- Lautstärke ist nun mit einem (gewarteten) Dual 1019/ 1219/ 1229 vergleichbar. Recht leise aber mit dem Ohr an der Zarge/ Gehäuse wahrnehmbar. Eventuell wird es noch etwas leiser, wenn der Braun erst einmal ein paar Betriebsstunden hinter sich gebracht hat und sich die Lager richtig gesetzt haben. Selbst wenn nicht, kann ich damit sehr gut leben.


Die Pitch- Funktion ist gegeben und das Stroboskop funktioniert wie es soll. Das Sub- Chassis dämpft die Erschütterungen sehr wirkungsvoll ab. Ein paar Plattenseiten wurden testweise abgespielt. Als alles reibungslos und zufriedenstellend lief, habe ich mich an die optische Aufarbeitung gemacht.


Alles wurde gründlich gereinigt. Durch die raue Oberfläche (Kräusellack) ist Küchenpapier hier nicht die richtige Wahl. Nach dem gründlichen Reinigen mit Spüli und einem Schwamm, wurde alles mit einem Baumwolltuch trocken gerieben. Dann habe ich mit Armor All Tiefenpfleger (seidenmatt) das Chassis und Gehäuse überarbeitet. Das Ergebnis kann sich, wie ich finde, wieder sehr gut sehen lassen. Der Plattenteller wurde lediglich gründlich mit einem "Zauberschwamm" gereinigt (auch als Schmutz- Radierer bekannt).

Die Haube wurde ebenfalls wieder auf Vordermann gebracht. Die groben Schrammen wurden ausgeschliffen und die Haube wieder auf (nahezu) Hochglanz gebracht. Ganz zufrieden bin ich noch nicht. Da werde ich wohl noch ein- zwei Poliergänge investieren.

Zurzeit ist das Gerät noch mit der originalen Din- Verkabelung ausgestattet, welche bisher keinerlei Probleme verursacht. Ob ich diese noch ersetze, werde ich später noch entscheiden.


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Meine persönliche Meinung zum Braun PS 500:

Es ist ein toller Spieler. Massiv gebaut und mit seinem kombinierten Treibrad- Riemen- Antrieb recht interessant und gut durchdacht.
Der Material- Aufwand ist schon beeindruckend. Die Verarbeitung wirklich toll. Optisch und haptisch ein tolles Gerät mit einem zeitlosen und schicken Design. Man sieht ihm seine aufwändige Konstruktion auf dem ersten Blick nicht an.

Und: Er macht alles was er soll, bis auf die etwas zickige Endabschaltung welche nur zu 99% funktioniert.

Der recht schwere Plattenteller (3Kg), der sehr passgenau auf dem Metall- Sub- Teller aufliegt, ist schon beeindruckend. Unter dem ausgewuchteten Plattenteller ist in einer Nut ein Gummiring eingelassen um Resonanzen zu minimieren.


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Das Plattenteller- Lager läuft sehr leise und geschmeidig. Die aufwändige Federung, in Kombination mit den Hydraulik- Dämpfern für das Sub- Chassis, ist schon wirklich klasse gelöst und beeindruckend. Das habe ich so bisher noch nicht gesehen. Weder bei Thorens, Elac und anderen Herstellern.

Das komplette Gehäuse ist, wie auch das obere Chassis aus Metall gefertigt. Der Synchronmotor ist auch nicht gerade ein schwachbrüstiges kleines Teil. Die konische Zwischenrolle, welches zum regulieren der Geschwindigkeit dient, ist ebenfalls sehr schwer und läuft auch sehr leichtgängig.
Durch diese Materialschlacht bringt der Braun stolze 12,6 Kg auf die Waage.

Der optisch eher sehr schlichte Tonarm (mit Antiskating) und dessen Lagerungen sind gut gemacht. Es ist kein spürbares Spiel vorhanden. Die Lager arbeiten recht zuverlässig und präzise. Am Arm ist eine „Rastbogen“ montiert. Hier sind kleine Bohrungen für die verschiedenen Plattendurchmesser (17/ 25/ 30) eingebracht. Sehr praktisch.

Die Montage eines Tonabnehmers ist eher etwas fummelig zu realisieren. Nach der Montage eines anderen Tonabnehmers muss der Tonarm komplett neu justiert werden. Dieses erfordert einiges an Geduld. Hierzu muss das Gerät sogar hochkant auf die Hinterseite gestellt werden um den Tonarm über das seitliche und obere Gewicht einzustellen! Da überlegt man sich den Tonabnehmer- Wechsel zwei Mal.


Die Mechanik im Inneren ist meiner Meinung nach aber doch recht umständlich und sehr aufwändig konstruiert. Die Endabschaltung und andere Dinge hätte man viel weniger kompliziert und einfacher realisieren können.

Mir kommt es so vor, als wenn die Ingenieure damals einfach nur zeigen wollten was alles möglich ist. Die ganzen Seilzüge bzw. Bowdenzüge, Umlenkhebel, Umlenkrollen und auch die Sub- Chassis- Lagerung sind sehr aufwändig konstruiert. Ob dieses nun alles so wirklich nötig war? Bestimmt nicht. Aber wer kann, der kann! Hut ab vor dem technischen Know How. Und das schon vor 1969! Erstaunlich.

Auf irgendeiner Seite im Netz las ich neulich etwas von „Dual- und Thorens- Killer“ und sogar Vergleiche mit den legendären Geräten von EMT.
Das lasse ich jetzt aber einfach einmal unkommentiert.
zigarett
Ist häufiger hier
#2 erstellt: 12. Jun 2016, 18:21
Sehr schöne Aufbereitung. Dieser Braun ist ein schöner Plattenspieler.
Glückwunsch maicox.

Braun Design Story:

https://www.youtube.com/watch?v=RVmQMe45-mY
maicox
Stammgast
#3 erstellt: 15. Jun 2016, 19:07
Hallo,

Vielen Dank für das Lob.



Die Haube wurde nochmals in einigen Gängen poliert. Nun ist diese auch wieder richtig schön geworden und nahezu neuwertig.

Auch habe ich dem Shure M75 MG-D System eine leicht "modifizierte" ELAC- Nadel mit einem elliptischen Schliff spendiert. Nun passt es nicht nur optisch, sondern auch klanglich.
pedi
Stammgast
#4 erstellt: 15. Jun 2016, 20:23
gute arbeit, wenn diese braundreher nur schöner wären.
kann nichts damit anfangen.
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