kalte Lötstellen beseitigen - eine Fotogeschichte

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armin777
Gesperrt
#1 erstellt: 25. Mai 2007, 11:10
Kürzlich sandte mir andysharp (Udo) seine Accuphase P-300 Endstufe zur Reparatur. Er hatte zuvor die Elektronik seiner Infinity-Boxen in Verdacht, da der Fehler aber auch mit anderen Lautsprechern auftrat - lag es wohl doch an der P-300.

So sieht das gute Stück aus:




Das Phänomen tat sich so kund: Nach dem Einschalten begann der Zeiger des Instruments für den rechten Kanal zu zittern bis hin zu riesigen Ausschlägen, was alsbald mit dem Abschalten der Schutzschaltung (Lautsprecherelais) geahndet wurde. Wohlgemerkt: hier war noch gar keine Quelle am Werk, die Endstufe stand nur mit angeschlossenen Lautsprechern auf dem Tisch. Dabei war aus dem rechten Lautsprecher ein ohrenbetäubendes Krachen und Prasseln zu hören.
Um dieser Erscheinung auf den Grund zu gehen, muß man zunächst den Entstehungsort des Geräusches lokalisieren. Meine Erfahrung sagt mir, daß wenn so laute Geräusche ohne Quelle entstehen, dann werden diese Geräusche in der arbeitenden Endstufe verstärkt (sonst wären sie ja nicht so laut!) und müssen daher ziemlich weit "vorne" in der Endstufe entstehen - meist im so genannten Differenzverstärker, also direkt am Eingang. Der Einfachheit halber und, weil es sich bei der P-300 so anbot, nahm ich die beiden Treiberplatinen heraus und tauschte die Kanäle, also die rechte Karte wanderte nach links und umgekehrt.

Dies hier sind die Karten:



Eine ist von vorne zu sehen, die andere von hinten - sie sind aber identisch. Der Fehler wanderte durch das Tauschen der Karten brav nach links, womit meine Vermutung sich bestätigte. Tücke in der Praxis: zunächst war der Fehler nach dem Tauschen vollständig verschwunden! Und zwar einen ganzen Tag lang, die Endstufe lief von früh bis spät ohne jeden Fehler. Daher nahm ich an, lediglich die Steckverbindungen der Karten seien korrodiert und hätten daher diesen Fehler verursacht. Am nächsten Morgen, wollte ich die Steckverbinder eigentlich reinigen, schaltete aber zuvor die Endstufe nochmals an - und , siehe da! Der Fehler war wieder sofort nach dem Einschalten gut hörbar vorhanden, aber auf dem linken Kanal. Also befindet sich der Fehler auf eben dieser Karte (die im Augenblick im linken Kanal steckt) und der Fehler tritt für gewöhnlich nur im kalten Zustand auf! Meine nächste Vermutung bestand darin, daß es sich um eine oder mehrere kalte Lötstellen handeln müßte - denn der Fehler tritt ja nicht immer auf. Bauteile sind aber in der Regel nicht nur zeitweise defekt. Also beide Karten raus und auf kalte Lötstellen gesichtet. So sahen die dann aus, man bedenke, die sind über 30 Jahre alt. Die P-300 wurde von 1973-1976 hergestellt.



Kalte Lötstellen sind eine sehr häufig auftretende Erscheinung bei allen Geräten und allen Herstellern. Sie verursachen die merkwürdigsten Fehler und sind oft durch Klopfen oder Biegen der Platine vorübergehend zu beseitigen. Es gibt zwei hauptsächliche Ursachen für kalte Lötstellen, entweder war die Temperatur beim Einlöten eines Bauteiles nicht so hoch, daß die gesamte den Bauteil-Anschluß-Draht umgebende Menge Lötzinn durch und durch dünnflüssig war oder das Bauteil war längere Zeit hoher Umgebungstemperatur ausgesetzt, wobei die "Umgbungstemperatur" häufig durch das Bauteil selbst verursacht wird (Leistungs-IC's oder -transistoren). Dann wird das erkaltete Lötzinn wieder leicht dickflüssig und verliert nach und nach den innigen Kontakt zum Anschlußdraht. Unsere englischsprachigen Mitmenschen nennen die kalten Lötstellen übrigens "dry", was der Sache näher kommt, nämlich nicht (wirklich) flüssig.

Erkennen kann man kalte Lötstellen meist an der matten Oberfläche (eine "gute" Lötstelle glänzt) oder an den vulkanartigen Rissen im Lötzinn, rund um den Anschlußdraht. Bei der Suche sind gute Augen, besser eine Lupe oder im Idealfall eine Lupenleuchte äußerst hilfreich.

In dem hier beschriebenen Fall habe ich nicht lange gesucht. Da jede Karte nur rund 150 Lötstellen aufweist, habe ich beide komplett nachgelötet. Das hat ungefähr 20 Minuten Zeit in Anspruch genommen. Das dauert eine intensive Suche auch, die Unsicherheit, ob man nichts übersehen hat, bleibt dann zusätzlich - also besser zu viel als zu wenig gelötet!

Nach dem Wiedereinbau, vorher habe ich sicherheitshalber die Steckverbindungen der Karten gründlich gereinigt (Kontakt WL und Lederstäbchen), liefen beide Kanäle wieder ohne Fehl und Tadel. Jetzt saß die rechte Karte auch wieder rechts! Zunächst habe ich noch Ruhestrom und Offset eingestellt - es ist unglaublich, daß die Trimmerpotentimeter nach über 30 Jahren ohne jedes Kratzen funktionieren!!! Da hat Accuphase wirklich Qualität eingebaut! - und das Gerät mehrmals täglich, nachdem es stundenlang abgeschaltet war, eingeschaltet und nur fünf bis zehn Minuten getestet. Am dritten Tag mußte es nochmals mehrere Stunden absolvieren - und alles ohne Fehler! Dann durfte auch dieses Gerät unsere Werkstatt wieder verlassen.

Nun noch ein paar Fotos für Nichtkenner dieser wunderbaren Marke, an der man die Verarbeitungsqualität erkennen kann:



Dies ist ein (es gibt zwei davon!) Endstufenkühlkörper mit den sechs Endstufentransistoren und den zwei (kleineren) Treibern. Die Endstufe kann nominal 200 Watt an 4 Ohm abgeben, Accuphase gibt an 8 Ohm gar nur 100 Watt an - aber die Endtransistoren können eine Verlustleitung von zusammen 720 Watt (6 mal 120 Watt) verarbeiten - alles pro Kanal! Also das nenne ich mal betriebsicher aufgebaut.

Auch das Netzteil kann sich sehen lassen:



Die Siebelkos haben echtes Kaffeebecherformat und der Trafo bringt es locker auf 5-6 Kilogramm, natürlich als Ringkernausführung in vergossenem Gehäuse.



Die hier verarbeiteten Schalter und Relais könnten ohne jede Veränderung auch im Starkstrombereich verwendet werden, grundsolide und völlig überdimensioniert. Das Lautsprecherrelais kann Ströme von 50 A schalten!


Für das allgmeine Interesse: diese Reparatur hat den armen Udo 123,76 Euro gekostet, allerdings ist in diesem Preis bereits vierfacher Versand enthalten. Vierfach bedeutet: ein passender Leerkarton zum Kunden (1), Gerät darin zu uns (2), Gerät darin zurück zum Kunden (3), Karton leer zu uns zurück (4)! Dies nur, um Leuten, die stets Angst haben, von Reparateuren abgezogen zu werden, selbige zu nehmen.

So, nun bin ich (mal wieder) auf Eure Stellungnahmen gespannt!



Beste Grüße
Armin777
armindercherusker
Inventar
#2 erstellt: 25. Mai 2007, 11:17
Hallo Armin - hier ist Armin !

In Anbetracht des Kaufpreises, welchen andysharp für die Endstufe bezahlt hat, ist der Reparaturpreis ( und damit der Gesamtpreis ) angemessen.

Die Reparatur- und Versandkosten sind durchaus als günstig zu bewerten.

Und vor Allem : Danke für den Bericht. Hilft sicherlich Vielen weiter.

Gruß
lahrgummikuh
Hat sich gelöscht
#3 erstellt: 25. Mai 2007, 12:02
Super Sache mit Deinen "Bildergeschichte".
Wird mir bei meinem Problem auch helfen.

"Nachlöten" heißt das eigentlich einfach nur nochmal erhitzen oder frisches Zinn drauf ?

Manfred
andisharp
Hat sich gelöscht
#4 erstellt: 25. Mai 2007, 12:20
Super Armin, Danke. Der Preis ist übrigens noch geringer, weil der Karton natürlich nicht leer zurückgeht, hier wartet noch das ein oder andere Stück auf gründliche Durchsicht.
armin777
Gesperrt
#5 erstellt: 25. Mai 2007, 12:32
@lahrgummikuh

Es soll heißen, Lötstelle erhitzen und frisches Lötzinn drauf!


@andysharp

Das wird dann bei der nächsten Reparatur berücksichtigt, weil die dann nur noch "zweifachen" Versand hat, nämlich: kostenlos zu uns (da mit der letzten Reparatur bereits bezahlt), zurück zu Dir und Leerkarton (bzw. vielleicht dann wieder nicht leer ) zu uns zurück! Da kostet es dann nur 11,- Euro Versand.



Beste Grüße
Armin777
aileena
Gesperrt
#6 erstellt: 25. Mai 2007, 15:08
Armin: wieder einmal toll gemacht. Chapeau.

Wie immer sehr informativ und schön bebildert. Einwandfrei.



Ist der KR 5200 eingetroffen?
Joit
Ist häufiger hier
#7 erstellt: 25. Mai 2007, 16:24
Finde in 5 Sekunden 3 kalte Löstellen Ah, da sind sie ja
jim-ki
Inventar
#8 erstellt: 25. Mai 2007, 17:04
danke armin, wieder super gemacht.


an die mods, wäre es nicht möglich armins threads ganz oben zu pinnen.




beste grüsse jiannis
dcmaster
Inventar
#9 erstellt: 26. Mai 2007, 00:19
Hi Armin,
dafür hast Du meine uneingeschränkte Hochachtung aus der Sicht eines Technikers verdient. Erstklassige Dokumentation, gepaart mit erfahrenem Fachwissen. Solche Leute braucht das Hifiland.

Könnte sein, dass ich mich auch mal bei Dir melde, da ich nicht immer die notwendige Zeit habe, meine eigenen Sachen zu machen. Bei Dir sind die Teile offenbar in besten Händen. Das schafft Vertrauen.

Ich sage nur noch : Weiter so. Das gefällt mir sehr.

Alles nette
Klaus
P.W.K._Fan
Hat sich gelöscht
#10 erstellt: 26. Mai 2007, 07:06
Hallo Armin
Sehr gute Dokumentationen
Ich glaube du hast einen Kunden mehr
Also wenn wieder einer meiner Luxmäner mal wieder kränkelt komm ich auf dich zurück
toddrundgren
Stammgast
#11 erstellt: 26. Mai 2007, 15:17
@ armin: super interessant, danke dafür!

@ udo: mann, ist die schön aufgebaut. zu welchem kurs geht so eine heutzutage über den tisch? hast du auch die passende vorstufe?

gruss,
todd
andisharp
Hat sich gelöscht
#12 erstellt: 26. Mai 2007, 15:19
Die war eher ein Schnäppchen, nur 600 Taler. Die Vorstufe hatte der VK auch, nur war die an der Oberkante vermackt, für mich also nicht mehr interessant, leider.
toddrundgren
Stammgast
#13 erstellt: 26. Mai 2007, 15:42
600 Taler? lass mich raten, du hast sie von onkel dagobert, wohnhaft in enthausen.

vielleicht hat der noch mehr in seinem geldspeicher...


[Beitrag von toddrundgren am 26. Mai 2007, 15:43 bearbeitet]
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